Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Mazedonien bekommt einen neuen Namen
International 4 Min. 25.01.2019

Mazedonien bekommt einen neuen Namen

Demonstranten vor dem Parlamentsgebäude in Athen.

Mazedonien bekommt einen neuen Namen

Demonstranten vor dem Parlamentsgebäude in Athen.
Bild: AFP/Louisa Gouliamaki
International 4 Min. 25.01.2019

Mazedonien bekommt einen neuen Namen

Endlich eine positive Nachricht vom Balkan: Athen und Skopje legen nach fast drei Jahrzehnten ihren Nachbarschaftsstreit bei. Dies könnte sich positiv auf andere Dauerprobleme in der Region auswirken.

(dpa) - Das griechische Parlament hat am Freitagnachmittag das Abkommen zur Überwindung des Streits um den Namen des Nachbarlandes Mazedonien gebilligt. Bis zuletzt gab es bei der Debatte erbitterten Widerstand und Tumulte im Parlament, die Abstimmung ging knapp aus: 153 Abgeordnete waren dafür, 146 dagegen, dass der ehemalige jugoslawische Teilstaat künftig Republik Nord-Mazedonien heißt. Den Premiers der beiden Länder, Alexis Tsipras und Zoran Zaev, ist mit der Übereinkunft ein diplomatisches Kunststück gelungen, das Signalwirkung für die gesamte Balkanregion haben könnte.

„Es ist eine Ermutigung für die Art der Beilegung einer lang anhaltenden bilateralen Streitigkeit“, sagte Florian Bieber, Leiter des Zentrums für Südosteuropastudien der Universität Graz, der Deutschen Presse-Agentur am Freitag. Beide Seiten hätten gezeigt, dass „man Probleme auch durch Dialog, durch ein offenes Gespräch, durch den Willen der Regierungen beilegen kann“. Auf diese Weise könne es Staaten gelingen, nicht nur alte Konflikte aus der Welt zu schaffen, sondern auch die gegenseitige Beziehung neu aufzustellen.

„Ich gratuliere meinem Freund Alexis Tsipras, wir haben zusammen mit unseren Völkern einen historischen Sieg errungen“, schrieb Zaev auf seiner Facebook-Seite. „Es lebe das Abkommen, auf ewigen Frieden und Fortschritt auf dem Balkan und in Europa.“

Durch die Einigung beendet Athen die jahrzehntelange Blockade des Nachbarn bei der Annäherung an die EU. Auch kann Skopje jetzt der Nato beitreten. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte am Freitag in Brüssel, dass Nord-Mazedonien bereits 2020 offizielles Nato-Mitglied werden könne, als 30. Mitgliedsland. Für die Militärallianz ist der Beitritt des Balkanstaates vor allem von strategischer Bedeutung.

Mazedonien hatte sich Anfang der 90er-Jahre aus dem Staatsverband des zerfallenden Jugoslawien gelöst und war dabei als einzige Teilrepublik nicht in einen bewaffneten Konflikt mit den benachbarten Serben geraten.

Griechische Politologen attestieren den beiden Regierungschefs ebenfalls kluges Handeln - sie hätten mit dem Vertrag selbst im Detail die Balance gewahrt. Beispiel: Heißt es darin, die Sprache des Balkanstaates sei „Mazedonisch“, wird direkt im Anschluss erklärt, es handele sich dabei um eine südslawische Sprache. Daraus können die Griechen erlesen, dass die Sprache des Nachbarn nicht mit dem antiken, altgriechischen, mazedonischen Dialekt zu tun hat. Ein möglicher Anspruch Mazedoniens auf Gebiete in Nordgriechenland sowie das kulturelle Erbe der antiken Region Makedonien waren stets die Argumente griechischer Nationalisten gegen eine Einigung.

Skopje muss nun nach der Ratifizierung in Athen in den kommenden Wochen die Verfassung Mazedoniens entsprechend ändern und anschließend alle internationalen Organisationen und Staaten über den neuen Namen Nord-Mazedonien (Slawisch: Severna Makedonija, Englisch: North Macedonia) informieren.

Auch Alexis Tsipras dürfte froh sein, das Thema endlich hinter sich zu lassen. Mit seinen nur 145 Abgeordneten im 300-köpfigen Parlament war er auf die Stimmen von unabhängigen Abgeordneten und Parlamentariern anderer Parteien angewiesen. Seine eigene Koalition mit der kleinen rechtspopulistischen Partei Anel war vergangene Woche bereits über den Namenskonflikt mit Mazedonien zerbrochen.

Er hatte im Vorfeld jedoch stets betont, dass die jahrzehntelange Nicht-Lösung der Namensfrage mit Mazedonien die Stabilität in der Region gefährde und dass dies nicht im Interesse Griechenlands sei.

Bundesaußenminister Heiko Maas begrüßte die Entscheidung als „Sieg der Diplomatie“. Das Votum des Parlaments in Athen sei „eine großartige Nachricht für Europa“, erklärte Maas. „Ich begrüße diese demokratischen Entscheidungen.“ Der Prozess habe „viel Schweiß und auch manche Träne gekostet“.

Auch die EU gratulierte den beiden Nachbarn im Südosten Europas umgehend. „Sie hatten Fantasie, sie nahmen das Risiko auf sich, sie waren bereit, ihre eigenen Interessen für das Allgemeinwohl zu opfern“, twitterte EU-Ratschef Donald Tusk. „Zoran, Alexis - gut gemacht!“, schrieb er an Tsipras und Zaev. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker äußerten sich ähnlich. Die EU habe das historische Abkommen zwischen den beiden Premierministern von Anfang an stark unterstützt, teilten sie mit. „Athen und Skopje haben, gemeinsam, ein neues Kapitel unserer gemeinsamen EU-Zukunft aufgeschlagen.“

In der Balkanregion bleiben derweil durchaus noch weitere große Baustellen bestehen. Selbst die kleineren von ihnen haben das Potenzial, die angestrebten EU-Beitritte der sogenannten Westbalkanstaaten (Serbien, Bosnien-Herzegowina, Albanien, Montenegro, Nord-Mazedonien, Kosovo) aus dem Gleis zu werfen. Zwischen dem EU-Mitglied Kroatien und den EU-Aspiranten Serbien und Bosnien sind manche Grenzverläufe nicht geregelt. Bosnien ist durch ein schlecht funktionierendes politisches System gelähmt, wobei sich die Nachbarn Serbien und Kroatien und die Großmacht Russland zunehmend einmischen.

Das fast nur noch von Albanern bewohnte Kosovo wird vom Nachbarn Serbien, zu dem es einst gehörte, in seiner staatlichen Existenz in Frage gestellt. Von der EU vermittelte Gespräche über eine dauerhafte Normalisierung der Beziehungen treten auf der Stelle. Diese sind aber Voraussetzung dafür, dass die beiden Länder der EU beitreten können. Brüssel will verhindern, dass Serbien, das wahrscheinlich früher aufgenommen werden kann, als künftiges EU-Mitglied ein Veto gegen den Beitritt des Kosovos einlegen kann - so wie dies bisher wegen des ungelösten Namensstreits von Griechenland gegenüber Mazedonien praktiziert wurde.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Tragödie
Mazedonien hatte das Zeug dazu, demokratisches Vorbild für eine von Nationalismus geprägte Region zu werden.
Zoran Zaev (Mazedonien) und Alexis Tsipras (Griechenland)
Referendum in Mazedonien gescheitert
Die Volksabstimmung in Mazedonien über die Westintegration des Landes endet im Chaos. Während die Wahlkommission die Abstimmung für gescheitert sieht, spricht der Regierungschef von einem großen Sieg.
Supporters of a boycott for the name-change referendum celebrate in front of the Parliament in Skopje on September 30, 2018, as the vote was marred by a low turnout, with only a third of the electorate voting. - The vast majority of voters supported the plan to rename the country and thereby end a decades-long spat with Greece, partial results showed. With ballots from 43 percent of polling stations counted, 90.72 percent of votes were in favour of the name changing to North Macedonia, compared to 6.26 percent opposing the move, according to the electoral commission's official count. (Photo by Armend NIMANI / AFP)
Kompromiss im Mazedonien-Namensstreit gefunden
Seit 1991 ist Mazedonien unabhängig, doch der Weg in EU und Nato war der einstigen jugoslawischen Teilrepublik versperrt. Grund ist ein jahrelanger Namensstreit mit Griechenland. Doch der ist nun beendet.
CORRECTION - (FILES) In this file photo taken on February 04, 2018 people hold a huge flag of Greece reading "Macedonia" ahead of a demonstration to urge the government not to compromise in the festering name row with neighbouring Macedonia, in front of the parliament of Greece, located in the Old Royal Palace (background), at the Syntagma Square in Athens.
Greece and Macedonia on June 12, 2018 resolved a longstanding name row by agreeing to rename the former Yugoslav republic North Macedonia, both sides said. They agreed to rename the country the "Republic of North Macedonia" to end a 27-year name dispute, the Macedonian prime minister and a Greek government source said.
 / AFP PHOTO / Louisa GOULIAMAKI / �The erroneous mention appearing in the metadata of this photo has been modified in AFP systems in the following manner: [Republic of North Macedonia] instead of [Republic of Nothern Macedonia]. Please immediately remove the erroneous mention from all your online services and delete it from your servers. If you have been authorized by AFP to distribute it to third parties, please ensure that the same actions are carried out by them. Failure to promptly comply with these instructions will entail liability on your part for any continued or post notification usage. Therefore we thank you very much for all your attention and prompt action. We are sorry for the inconvenience this notification may cause and remain at your disposal for any further information you may require.�
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.