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Massaker in Las Vegas: Eine völlig rätselhafte Tat
International 13 3 Min. 03.10.2017 Aus unserem online-Archiv

Massaker in Las Vegas: Eine völlig rätselhafte Tat

International 13 3 Min. 03.10.2017 Aus unserem online-Archiv

Massaker in Las Vegas: Eine völlig rätselhafte Tat

Michel THIEL
Michel THIEL
Es ist das blutigste Verbrechen in der jüngeren Kriminalgeschichte der USA - und gleichzeitig eines der verblüffendsten. Ein 64 Jahre alter Mann erschießt 59 Menschen in Las Vegas. Zahllose werden verletzt. Die Tat scheint in kein gewöhnliches Schema zu passen.

(dpa/mth) - Nach dem historisch beispiellosen Massenmord von Las Vegas sucht die Polizei fieberhaft nach dem Motiv des Täters. Der 64-Jährige hatte nach Polizeiangaben mindestens 59 Menschen durch Schüsse aus einem Zimmer im 32. Stock des Mandalay Bay Hotels am berühmten „Strip“ von Las Vegas getötet. Hunderte weitere wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatten sich vor dem Tropicana-Hotel nach Polizeiangaben 22 000 Menschen versammelt, um an einem Country-Music-Konzert teilzunehmen. Es lief gerade ein Festival. „Wir glauben, dass es ein Einzeltäter ist. Ein einsamer Wolf“, sagte Bezirks-Sheriff Joseph Lombardo. Nie zuvor in der Kriminalgeschichte der USA sind bei einem derartigen Verbrechen mehr Menschen ums Leben gekommen.

Keine Verbindung zu Terrornetzen

Die Polizei drang nach minutenlangem Kugelhagel in das Hotelzimmer ein. Nach Schilderungen Lombardos schoss der Angreifer durch die Zimmertür auf die Beamten. Als die Polizei sich den Weg ins Zimmer freigesprengt hatte, war der Mann tot - nach Lage der Dinge hat er sich selbst erschossen. Bezüge zu Terrororganisationen gibt es ersten Ermittlungen zufolge nicht, wie die US-Bundespolizei FBI mitteilte.

Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund der Tat gab es zunächst nicht. Dennoch hat die Terrormiliz IS die Bluttat für sich reklamiert. Der Schütze sei ein „Soldat“ des Islamischen Staates gewesen, berichtete das IS-Sprachrohr „Amak“.  Experten schätzen das Bekenntnis der Organisation als unglaubwürdig ein - der IS versuche lediglich, als Trittbrettfahrer von der Tat zu profitieren, zumal die Terrormiliz im Nahen Osten so gut wie besiegt sei.

Sprengstoff und Waffen gefunden

Im Haus des mutmaßlichen Schützen von Las Vegas sind 18 Handfeuerwaffen, mehrere Tausend Schuss Munition und Sprengsätze gefunden worden. Das teilte Bezirkssheriff Joseph Lombardo am Montagnachmittag (Ortszeit) mit. In dem Auto des Verdächtigen wurden mehrere Pfund Ammoniumnitrat gefunden, das zur Herstellung von Sprengsätzen verwendet werden kann.  

Auch im Hotel des Täters fand die Polizei zehn Langwaffen. Über den Typ der Waffen, die Paddock benutzte, wurde bisher nichts bekannt. Experten schätzen aufgrund der Tonaufnahmen des Attentats, dass der Täter mindestens eine vollautomatische Waffe benutzte - diese sind auch in den USA streng kontrolliert und nur schwer verfügbar. Paddock könnte allerdings speziell modifizierte halbautomatische Gewehre benutzt haben, die schneller als erlaubt schießen können. 

Begeisterter Glücksspieler, krimineller Vater

Paddocks Bruder Eric sagte in verschiedenen Interviews, sein Bruder sei kein Fanatiker gewesen, weder politisch noch religiös. Er sei lediglich hin und wieder nach Las Vegas gefahren, um dem Glücksspiel nachzugehen. „Er hat höher gespielt als der Durchschnitt“, sagte Eric Paddock. Er habe aber auch viel mehr Geld gehabt, als der Durchschnitt. „Er war ein wohlhabender Kerl, er ging auf Kreuzfahrten“, sagte sein Bruder. „Er konnte sich leisten, was er wollte.“ Nach Medienberichten hatte Paddock Geld mit Immobilien verdient.

Das einzige offizielle Foto des Täters Stephen Paddock.
Das einzige offizielle Foto des Täters Stephen Paddock.
Foto: AFP

Eric Paddock erklärte auch, Vater Benjamin sei ein gesuchter Bankräuber gewesen, der 1969 aus dem Gefängnis ausgebrochen war und in damaligen Steckbriefen als „psychopathisch“ bezeichnet worden war.  

Grausame Szenen spielten sich Sonntag gegen 22 Uhr Ortszeit in Las Vegas ab. Die Konzertbesucherin Cari Copeland Pearson sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Wir krochen über Tote.“ Sie habe viele Schüsse gehört, vermutlich stammten sie von einem automatischen Gewehr. Ein weiterer Augenzeuge sagte dem Sender CNN: „Menschen begannen, wie Fliegen zu fallen“.

Weißes Haus hält Waffen-Diskussion für "verfrüht"

US-Präsident Donald Trump sprach den Opfern sein Mitgefühl aus und sprach von einem „Akt des absolut Bösen“. Der Präsident rief die Amerikaner zu Einigkeit und Zusammenhalt auf. Auch die Bundesregierung reagierte entsetzt. „Fassungslos und tief erschüttert über die Morde von Las Vegas“, schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert auf Twitter. „So viele zerstörte Leben.“

Eine Diskussion über schärfere Waffengesetze ist nach Darstellung des Weißen Hauses aber verfrüht. „Es wäre voreilig, politische Maßnahmen zu diskutieren, solange wir nicht vollständig wissen, was gestern Abend passiert ist“, sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Sarah Sanders, nachdem sich mehrere US-Politiker erneut für schärfere Waffengesetze ausgesprochen hatten. Präsident Trump habe aber mehrmals deutlich gemacht, dass er ein Befürworter des zweiten Verfassungszusatzes sei.

Der Großherzogliche Hof hat am Dienstag ein offizielles Beileidstelegramm an den US-Präsidenten geschickt.



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