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Marihuana statt Schokolade

Marihuana statt Schokolade

Foto: Gerd Braune
International 7 Min. 10.03.2018

Marihuana statt Schokolade

In Smith Falls besuchten wir das Unternehmen Canopy Growth, eines der großen kanadischen Produzenten von medizinischem Marihuana. Immer mehr Unternehmen erhalten in Kanada die staatliche Lizenzen für den Cannabisanbau und exportieren u.a. nach Europa.

Von LW-Korrespondent Gerd Braune (Smith Falls, Kanada)

Auf langen Tisch stehen in dem Gewächshaus hunderte Pflanztöpfe. Ein tropisches Paradies, hell ausgeleuchtet, in dem die Pflanzen hervorragend gedeihen. Fast sieht es aus wie eine gewöhnliche Gärtnerei. Wären da nicht einige Besonderheiten. Die Frauen und Männer, die in dem Gewächshaus arbeiten und Blätter von den etwa einen Meter hohen Pflanzen abreißen und in Plastiksäcke werfen, tragen Haarnetze und Handschuhe, einige auch Mundschutz.

Wer als Besucher nicht nur einen Blick durch die großen Fenster in das Gewächshaus werfen, sondern es betreten möchte, muss einen Overall als Schutzanzug anziehen. Eine Chipkarte mit Sicherheitscode ist der Türöffner. Sicherheit und Hygiene wie in einem pharmazeutischen Betrieb werden groß geschrieben. Denn hier wächst ein kostbares, sensibles Gut: Cannabis.

Medizinisches Marihuana

Das Gewächshaus gehört dem Unternehmen Tweed Inc., einem der großen kanadischen Produzenten von medizinischem Marihuana. Hier in Smith Falls, einem etwa 9000 Einwohner zählenden Städtchen vor den Toren der kanadischen Hauptstadt Ottawa, haben Tweed und sein Mutterunternehmen Canopy Growth Corporation ihren Sitz. Nun steht Kanadas Cannabisindustrie vor einer Zeitenwende: Ab Sommer wird in Kanada auch der Konsum von Cannabis als Freizeitdroge, das so genannte „recreational marihuana“ legalisiert.

Bei tropischen Temperaturen wachsen die Pflanzen heran. Die Mitarbeiter tragen Haarnetze und Handschuhe, einige auch Mundschutz.
Bei tropischen Temperaturen wachsen die Pflanzen heran. Die Mitarbeiter tragen Haarnetze und Handschuhe, einige auch Mundschutz.
Foto: Gerd Braune

Kanadas Cannabisproduzenten bereiten sich auf den wesentlich größeren Markt vor. Immer mehr Unternehmen erhalten staatliche Lizenzen für den Cannabisanbau. Auch Canopy und Tweed expanieren. In rund 30 Hallen wachsen auf rund 17.000 Quadratmetern Fläche Tausende Cannabispflanzen. Bald soll die Anbaufläche allein in Smith Falls doppelt so groß sein.

100.000 Quadratmeter lizenzierte Anbaufläche

Insgesamt hat das Holdingunternehmen Canopy mit seinen mehr als ein Dutzend Tochterunternehmen bereits rund 100.000 Quadratmeter lizenzierte Anbaufläche. „Mit den bereits begonnenen und geplanten Erweiterungen streben wir an, in einigen Jahren etwa 5,6 Millionen Quadratfuß Anbaufläche zu haben“, sagt Canopy-Sprecher Jordan Sinclair – also rund 560.000 Quadratmeter.

„Mit den bereits begonnenen und geplanten Erweiterungen streben wir an, in einigen Jahren etwa 5,6 Millionen Quadratfuß Anbaufläche zu habe.“

Ableger von kräftigen Mutterpflanzen, die im „Motherroom“ gehalten werden, sorgen dafür, dass ständig Tausende Pflanzen in verschiedenen Wachstumsstadien zur Verfügung stehen. Ihre Ableger kommen dann in den „Klonraum“, wo sie unter Plastikhauben herangezogen werden. In den vier Vegetationsräume können sie danach heranreifen.

„Ich liebe meinen Job“

Blättern werden entfernt, so dass die Pflanzen kräftige Blüten entwickeln können. Sie werden „getrimmt“, wie die Mitarbeiter sagen. Erst wenn sie groß genug sind, können sie in den „flowering rooms“ ihre Blüten bilden. Schwüle Hitze schlägt dem Besucher im Vegetationsraum entgegen. „Die Pflanzen brauchen für optimales Wachstum hohe Temperaturen und das richtige Maß an Luftfeuchtigkeit“, erläutert Caitlin O´Hara, die durch die Hallen führt.

Tweed-Mitarbeiter entfernen einzelne Blätter, so dass die Pflanzen kräftige Blüten entwickeln können.
Tweed-Mitarbeiter entfernen einzelne Blätter, so dass die Pflanzen kräftige Blüten entwickeln können.
Foto: Gerd Braune

Die Tweed-Mitarbeiter in ihren einheitlichen blauen T-Shirts oder weißen Kitteln sind dieses tropischen Klima gewöhnt. Konzentriert betrachten sie jede einzelne Pflanzen, entfernen, wo nötig, Blätter. Lieder aus dem „König der Löwen“ erfüllen die Halle. „Ich liebe meinen Job“, sagt Taylor Chattaway. Seit eineinhalb Jahren arbeitet er für Tweed.

Mit seinen Teamkolleginnen und –kollegen sorgt er dafür, dass die Cannabispflanzen gut wachsen. Er ist vom medizinischen Nutzen von Cannabis überzeugt: „Ich glaube, Cannabis existiert um Menschen zu helfen.“ Angebaut werden die beiden Gattungen Cannabis Sativa und Cannabis Indica sowie einige Kreuzungen.

Positive Wirkungen

Cannabis ist der wissenschaftliche Namen für Hanf, der zu den ältesten Nutzpflanzen gehört. Aus den Fasern der Stängel können Seile gefertigt werden. Cannabis enthält aber auch zwei bedeutende Wirkstoffe, so genannte Cannabinoide – Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabinol (THC). Sie sind vor allem in den Blüten der Cannabispflanze enthalten.

Sie sind der für die Produktion von Cannabiserzeugnissen wichtige Teil der Pflanze, nicht die für Cannabis charaktistischen gezackten Blätter. Den Wirkstoffen werden krampf- und angstlösende und schmerzlindernde Wirkungen nachgesagt und sie sollen helfen, Übelkeit zu unterdrücken, die oft mit Krebstherapien einhergehen.

Jede Cannabispflanze wird einzeln gehegt und gepflegt.
Jede Cannabispflanze wird einzeln gehegt und gepflegt.
Foto: Gerd Brauen

Vor allem der Wirkstoff THC hat aber auch die „psychoaktiven“, euphorisierenden oder benebelnden Wirkungen und führt zu Zuständen, die man als „high“ bezeichnet. Noch sind die meisten Wirkungen nicht in klinischen Tests bewiesen, aber es gibt aufgrund der Erfahrungen von Cannabisnutzern und wissenschaftlichen Untersuchungen deutliche Hinweise auf positive Wirkungen vor allem im Bereich der Schmerz- und Krampflinderung.

Auch Caitlin O´Hara ist vom medizinischen Nutzen von Cannabis überzeugt – aus eigener Erfahrung. „Vor einigen Jahren erlitt ich eine Rückenverletzung. Zur Schmerzlinderung nahm ich Opioide, die sehr schnell zu einer starken Abhängigkeit führen können. Ich wechselte zu Cannabis und es half mir sehr, ohne abhängig zu machen.“

Angesichts der Opioidkrise, die Kanada erschüttert und jährlich zu Hunderten Todesfällen durch Überdosen führt, ist dies ein von Befürwortern der Marihuana-Liberalisierung oft angeführtes Argument.

Damals Schokolade-Hauptstadt

In der Lobby macht Alan Buker Mittagspause. In einer Ecke des großen Raums steht ein Billardtisch, daneben an der Wand das Schild „Hershey Canada Inc.“ Es ist ein historisches Relikt. Denn in den Gebäuden, in denen heute Tweed Cannabis anbaut, wurde früher ein anderes Konsumgut produziert: das nordamerikanische Süßwarenunternehmen Hershey stellte hier Schokolade, Schokoriegel und Kekse her.

Wer das Cannabis nicht rauchen will, kann auf Fläschchen mit Cannabisöl oder Kapseln, die mit Cannabisöl gefüllt sind zurück greifen.
Wer das Cannabis nicht rauchen will, kann auf Fläschchen mit Cannabisöl oder Kapseln, die mit Cannabisöl gefüllt sind zurück greifen.
Foto: Gerd Braune

Mit dem Titel „Kanadas Schokolade-Hauptstadt“ schmückte sich Smith Falls damals. „Wir hatten auf dem Höhepunkt der Produktion rund 600 Mitarbeiter“, sagt Alan Buker. Er war einer von ihnen, rührte Erdnussbutter zusammen und überzog Rosinen mit Schokoladenguss. Schon außerhalb der Produktionshallen am „Hershey Drive“ konnte man Schokolade riechen.

„Die Stadt hatte Hunderte Arbeitsplätze verloren, aber da gab es weiter die großen leerstehenden Hallen mit Anschluss an das Elektrizitätsnetz. Genau das, was wir brauchten.“

Aber 2007 gab das Unternehmen die Schließung des Standorts Smith Falls bekannt. Der Verlust des lange Zeit größten Arbeitgebers war ein Schock für die Kleinstadt. Mehrere Jahre hielt sich Buker mit verschiedenen Jobs über Wasser. „Dann nahm uns Tweed unter seine Fittiche“, erzählt der 51-jährige. Seit drei Jahren arbeitet er nun für Tweed. „Im gleichen Gebäude wie früher.“ Smith Falls hatte Glück.

Arbeit für die Stadt

2012 war Bruce Linton, CEO und Gründer von Canopy und Tweed, auf der Suche nach einer Produktionsstätte. Linton war davon überzeugt, dass Änderungen in der Gesetzgebung kommen werden. Der 51-jährige, der aus der Telekom-Industrie kommt, glaubte an seine Chance. „Die Stadt hatte Hunderte Arbeitsplätze verloren, aber da gab es weiter die großen leerstehenden Hallen mit Anschluss an das Elektrizitätsnetz. Genau das, was wir brauchten.“

Wenige Jahre später konnte nach Abschluss aller Genehmigungsverfahren der Anbau von Cannabis beginnen. Allein im vergangenen Jahr wurde die Zahl der Angestellten auf nun rund 350 verdoppelt. „Unsere Gemeinde profitiert von dieser Entwicklung. Wir brauchten das, nachdem Hershey gegangen war“, meint auch June Forsyth.

Die Cannabisblüten werden getrocknet und dann vakuumverpackt. Jeder Beutel enthält zwischen 600 und 1000 Gramm Marihuana.
Die Cannabisblüten werden getrocknet und dann vakuumverpackt. Jeder Beutel enthält zwischen 600 und 1000 Gramm Marihuana.
Foto: Gerd Braune

Sie arbeitet in dem Bereich, in dem die Cannabisblüten getrocknet und dann vakuumverpackt werden. Sie stellt einen Beutel auf eine Palette. Dies ist der begehrte Stoff – Marihuana, die getrockneten Blüten der Cannabispflanze. Jeder Beutel enthält zwischen 600 und 1000 Gramm Marihuana. Bei dem in Kanada gängigen Preis zwischen 10 und 12 Can-Dollar pro Gramm hat so ein Beutel einen Verkaufswert von 6000 bis 10.000 Dollar.

In Deutschland nur über Apotheken

In Deutschland, wo medizinisches Marihuana nur über Apotheken bezogen werden kann, ist der Grammpreis etwa doppelt so hoch. Canopy beliefert über seine Tochter Spektrum Canabis GmbH. in St. Leon-Roth annähernd 900 Apotheken mit Marihuana aus Kanada. Schon Mitte 2016 hatten die Kanadier die Lizenz der deutschen Behörden für den Export von medizinischem Cannabis nach Deutschland erhalten und konnten nach der Freigabe des medizinischen Marihuana-Konsums in Deutschland im März 2017 mit der Lieferung beginnen. (Siehe nebenstehenden Artikel für Luxemburg)


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Der für Marihuana so typische Geruch schlägt dem Besucher der Cannabis-Farm nicht entgegen. „Man braucht eine Hitzequelle, damit sich die Wirkstoffe entfalten“, erklärt Caitlin O´Hara. „Wenn man im Büro sitzt und arbeitet oder die Pflanzen bearbeitet und Blüten verpackt, besteht also keine Gefahr, dass man ,high´ wird“, fügt sich lachend hinzu.

„Hier besteht keine Gefahr, dass man ,high´ wird.“

In den Regalen im Verpackungsraum stehen Fläschchen mit Cannabisöl und Gläser mit Kapseln, die mit Cannabisöl gefüllt sind und geschluckt werden. „Sie gehören zu unseren populärsten Produkten. Wer Cannabis nicht rauchen will, der kann es in Kapselform einnehmen“, erklärt Caitlin. 

Ein Wagen voller Beutel mit Cannabisblüten wird vorbeigeschoben. Ein Mitarbeiter öffnet die dicke Stahltür zum Tresorraum. Alle Produkte werden in dieser speziell gesicherten Halle aufbewahrt. „So sicher oder noch sicherer als ein Tresor in einer Bank“, meint Caitlin. Langsam wachsen die Vorräte. Zur Jahresmitte will man bereit sein, den Markt zu beliefern.

In einer speziellen Halle, auch Tresorraum genannt, werden alle Produkte sicher hinter einer Stahltür aufbewahrt.
In einer speziellen Halle, auch Tresorraum genannt, werden alle Produkte sicher hinter einer Stahltür aufbewahrt.
Foto: Gerd Braune

Canopy hat mit mehreren Provinzen Lieferverträge abgeschlossen. Denn diesen obliegt es, den Verkauf zu regeln. In einigen Provinzen werden dafür künftig die staatlichen Alkoholläden zuständig sein. Die Canopy-Mitarbeiter hoffen, dass sie in einem künftigen Besucherzentrum Cannabis-Produkte verkaufen dürfen. Ein Vorbild haben Canopy Growth und Tweed: Hershey zog jährlich viele Tausend Besucher an, die vor Ort einkauften. Und Smith Falls Bürgermeister Shawn Pankow träumt schon davon, dass der Cannabisanbau in der früheren Schokoladefabrik eines Tages ebenfalls Touristen in seine Gemeinde führen könnte.



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