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Mangelnde Koordination und Eukalyptus
International 3 Min. 21.06.2017 Aus unserem online-Archiv
Waldbrände in Portugal

Mangelnde Koordination und Eukalyptus

Ein Canadair-Löschflugzeug im Einsatz über Vale da Ponte, Pedrograo Grande. Ein angeblich vermisstes Flugzeug entpuppte sich als Falschmeldung.
Waldbrände in Portugal

Mangelnde Koordination und Eukalyptus

Ein Canadair-Löschflugzeug im Einsatz über Vale da Ponte, Pedrograo Grande. Ein angeblich vermisstes Flugzeug entpuppte sich als Falschmeldung.
AFP
International 3 Min. 21.06.2017 Aus unserem online-Archiv
Waldbrände in Portugal

Mangelnde Koordination und Eukalyptus

Michel THIEL
Michel THIEL
Es war der schlimmste Waldbrand seit Beginn der Aufzeichnungen in Portugal. In die Trauer mischt sich Wut. Viele Fragen sind offen: Nicht nur Zivilschutz und Regierung stehen im Kreuzfeuer - sondern auch ein Baum.

(dpa) - Die jüngste Konfusion um ein angeblich abgestürztes - und in Wirklichkeit nicht abgestürztes - Löschflugzeug in Portugals Katastrophengebiet ist ein deutliches Zeichen: Die Behörden vor Ort scheinen mit den Waldbränden nordöstlich von Lissabon überfordert zu sein

Nicht nur Menschen, die hilflos in ihren Dörfern von den Flammen umzingelt waren, beschwerten sich, weil stundenlang keine Hilfe in Sicht war. Auch Feuerwehrleute monierten, dass teilweise erst viel zu spät Unterstützung aus der Luft kam. Nun sind mehr als 60 Menschen tot, über 150 liegen im Krankenhaus.

Während die Flammen noch immer lodern, versucht sich das Land langsam aus seiner Schockstarre zu lösen. Verantwortliche werden gesucht, irgendwer soll für das Inferno bezahlen. 

Die spanische Zeitung „El Mundo“ schrieb am Mittwoch gar, das „desaströse Management der Tragödie könnte das Ende der politischen Karriere von Ministerpräsident António Costa bedeuten“. Es habe offensichtlich nicht nur an Koordination zwischen den Behörden, sondern auch im Umgang mit den Medien gemangelt. Und auch ein Baum steht im Zentrum: Eukalyptus. Aber der Reihe nach.

Verwirrung um angeblichen Flughzeugabsturz

Am frühen Dienstagabend überschlugen sich die Nachrichten. Eine Canadair-Maschine sei im Feuer abgestürzt, hieß es. Die Unfalluntersuchungsbehörde GPIAAF hatte gegenüber der Nachrichtenagentur Lusa erklärt, sie sei über den Verlust einer Maschine informiert worden. Augenzeugen hatten zuvor von „einem lauten Knall und einem Feuerball“ berichtet. Ein Hubschrauber samt Rettungstrupp wurde entsandt, um das Wrack zu orten. 

Ein spanisches Canadair-Löschflugzeug lädt seine Wasserladung über  Castanheira de Pera ab.
Ein spanisches Canadair-Löschflugzeug lädt seine Wasserladung über Castanheira de Pera ab.
AFP

Derweil kamen immer neue Gerüchte auf: Die Maschine stamme aus Spanien, hieß es plötzlich, der Pilot sei ein Brite gewesen, meinten andere. Aber nichts davon bewahrheitete sich, die spanische Luftwaffe sah sich gar genötigt, auf Twitter offiziell zu dementieren. 

Erst nach mehreren Stunden war klar, dass gar keine Maschine fehlte - stattdessen waren offenbar im Feuer Gasflaschen in einem Wohnwagen explodiert, wie der Chef des Zivilschutzes Vítor Vaz Pinto vor Journalisten einräumte. 

In die Erleichterung darüber, dass es letztlich doch keinen Absturz gab, mischt sich Verwunderung. Die Zeitung „Público“ sprach von „großer Verwirrung“ - die arg von der Kritik gebeutelten Behörden reagierten anscheinend überstürzt. Pinto betonte hingegen, man habe lediglich „das Protokoll für solche Situationen eingehalten“.

Der Zivilschutz will keine Fehler mehr machen - was verständlich ist, denn als die Brände sich am Samstagabend nach einem Blitzschlag in Windeseile ausbreiteten, lief es überhaupt nicht rund. Zahlreiche wütende Bürger, darunter auch der Bürgermeister des besonders betroffenen Ortes Pedrógão Grande, Valdemar Alves, hatten eine „ungenügende Zahl von Einsatzkräften“ beklagt.

"Furztrockene" Eukalyptuswälder

Gleichzeitig werden immer häufiger Forderungen laut, nicht nur die Symptome von Waldbränden besser zu bekämpfen, sondern vor allem ihre Ursachen. Und einer der Hauptverantwortlichen - so sagen Umweltschützer - sei Eukalyptus: eine Baumart, die in Europa nicht heimisch ist und aus Australien eingeführt wurde.

Die Bäume bringen Geld, sind sie doch wichtiger Bestandteil von Portugals Papier- und Zelluloseindustrie. Um sie anzubauen, wurden weite Waldflächen gerodet, bereits 2015 soll Eukalyptus auf mehr als 800 000 Hektar gewachsen sein – das entspricht einem Viertel der portugiesischen Waldfläche. Aber die Pflanzen haben auch große Nachteile: Sie brauchen extrem viel Wasser, laugen die Böden aus und haben ölreiche Blätter, die wie Zunder brennen.

Die Umweltschutzorganisation „Quercus“ erhob schwere Vorwürfe gegen die Regierung. Jahrelang habe man „verantwortungslos“ gehandelt, hieß es, und auch das Projekt einer Waldreform - mit dem neue Eukalyptus-Plantagen eingedämmt werden sollten - sei bislang gescheitert. „Wenn die Waldpolitik nicht endlich geändert wird, dann werden wir wahrscheinlich immer wieder solche Tragödien erleben“, hieß es in einer Mitteilung. 

Im Internet kommentierte ein User: „Ganze Äste fallen manchmal herunter, die dann furztrocken im Unterholz liegen bleiben und bei entsprechendem Feuer und Wind in Sekundenschnelle lichterloh brennen.“


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