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Malta: Entsetzen nach Mord an Investigativjournalistin
International 3 Min. 17.10.2017

Malta: Entsetzen nach Mord an Investigativjournalistin

Nicht nur Malta schwankt zwischen Wut, Trauer und Entsetzen - auch Europa reagiert geschockt auf den Mord an Daphne Caruana Galizia.

Malta: Entsetzen nach Mord an Investigativjournalistin

Nicht nur Malta schwankt zwischen Wut, Trauer und Entsetzen - auch Europa reagiert geschockt auf den Mord an Daphne Caruana Galizia.
Foto: AFP
International 3 Min. 17.10.2017

Malta: Entsetzen nach Mord an Investigativjournalistin

Tom RUEDELL
Tom RUEDELL
Feinde hatte Daphne Caruana Galizia viele. Mit unbequemen Enthüllungen machte sie den Mächtigen auf dem Inselstaat Malta das Leben schwer. Jetzt ist sie tot - gestorben bei einem Bombenattentat.

(dpa) - Der Autobombenanschlag auf die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia hat in Europa großes Entsetzen ausgelöst. Auch einen Tag nach der Tat waren die Hintergründe weiter unklar. Die EU-Kommission und -Politiker sowie Journalistenverbände verurteilten das Attentat am Dienstag scharf. Der Sohn der 53-Jährigen machte der Regierung in Valletta schwere Vorwürfe. Caruana Galizia hatte der Regierung Korruption vorgeworfen und mit immer neuen Enthüllungen im Frühling eine Krise ausgelöst, die zu einer Neuwahl führte.

Die Bloggerin war am Montag gestorben, als ein an ihrem Wagen deponierter Sprengsatz explodierte. Caruana Galizia war eine unbequeme Journalistin. Über die Grenzen Maltas hinaus erregte die dreifache Mutter Aufsehen mit der Enthüllung, eine in den „Panama Papers“ erwähnte Firma gehöre Muscats Frau. Muscat hatte dies als „glatte Lüge“ bezeichnet. Im Februar 2016 hatte sie veröffentlicht, was die „Panama Papers“ später bestätigten: Dass Regierungsmitglieder in Panama ihre eigenen geheimen Firmen aufgezogen hatten.

  Im Februar 2016 hatte sie veröffentlicht, was die „Panama Papers“ später bestätigten: Dass Regierungsmitglieder in Panama ihre eigenen geheimen Firmen aufgezogen hatten.  

„Jedem ist bewusst, dass Frau Caruana Galizia politisch und persönlich eine meiner schärfsten Kritiker war“, sagte Regierungschef Joseph Muscat nach einer Mitteilung. Dies rechtfertige aber in keiner Weise die „barbarische Tat“. „In diesem Land steht Rechtsstaatlichkeit über allem und jedem“, fügte er hinzu.

EU-Kommission: "Setzen darauf, dass das geahndet wird."

Die EU-Kommission rief die Behörden auf der Mittelmeerinsel dazu auf, ihre Arbeit zu tun. „Präsident Jean-Claude Juncker und die Kommission verurteilen diesen Anschlag mit den schärfstmöglichen Worten“, sagte Chefsprecher Margaritis Schinas am Dienstag in Brüssel. „Wir setzen darauf, dass das geahndet wird.“

Der staatliche TV-Sender TVM hatte berichtet, dass die Bloggerin der Polizei vor zwei Wochen Morddrohungen gemeldet hatte. In ihrem letzten Artikel, der gut eine halbe Stunde vor ihrem Tod online ging, schrieb sie: „Wo du auch hinschaust, überall sind Gauner. Die Lage ist hoffnungslos.“

Der Ort des Bombenattentats am Tag danach.
Der Ort des Bombenattentats am Tag danach.
Foto: AFP

Matthew Caruana Galizia ist überzeugt, dass seine Mutter umgebracht wurde, weil sie zwischen dem Gesetz und denjenigen stand, die es immer wieder brachen. Es sei nicht irgendein Mord gewesen, schrieb er am Dienstag auf Facebook. „Wenn überall um dich herum Blut und Feuer ist, ist das Krieg.“ Die Regierung habe zugelassen, dass eine „Kultur der Straffreiheit“ auf Malta gedeihe. „Wären die Behörden bereits an der Arbeit, gäbe es keinen Mord, der aufgeklärt werden muss.“

„Eine Bombe für Daphne, die Reporterin, die in Maltas Dreck wühlte“, schrieb die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ am Dienstag. „Politico“ hatte Caruana Galizia einmal als „Ein-Mann-Wikileaks“ bezeichnet. Ihr sei nichts Skandalöses zu klein oder zu groß gewesen, um darüber auf ihrem Blog „Running Commentary“ zu schreiben.

Nach den "Panama Papers" die "Malta Files"

Caruana Galizia arbeitete auch an den „Malta Files“ - vertrauliche Dokumente der maltesischen Finanzbehörde, die Steuerbetrug in großem Stil von Unternehmen und Privatleuten offenlegen. Malta steht seit längerem in der Kritik, weil das Steuersystem Unternehmen einen Mini-Steuersatz ermöglicht. 

Zu Geldwäsche und Steuerhinterziehung sagte sie auch in einem Untersuchungsausschuss des Europaparlaments aus. Der Abgeordnete der Grünen/EFA-Fraktion, Sven Giegold, bezeichnete ihre Rolle als entscheidend bei der Aufdeckung schwerwiegender Vorwürfe. Der Anschlag erinnere ihn „an Putins Russland, nicht an die Europäische Union“. Der Linken-Abgeordnete Fabio De Masi sagte: „Wir können nicht tolerieren, dass Journalisten mitten in der EU ermordet werden.“

Das Verbrechen erinnere daran, dass die Sicherheit von Journalisten auch in der EU Priorität haben müsse, betonte der Präsident der Journalisten-Föderation EFJ, Mogens Blicher Bjerregård, in einer Mitteilung. Der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen (ROG), Christian Mihr, forderte: „Die Verantwortlichen für dieses abscheuliche Verbrechen müssen schnell und ohne politische Rücksichten bestraft werden, damit auf Malta kein Klima der Straflosigkeit und Einschüchterung entsteht.“

EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani twitterte, der Fall sei ein tragisches Beispiel für eine Journalistin, die ihr Leben geopfert habe, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Kommissions-Vizepräsident Frans Timmermans schrieb: „Wenn Journalisten zum Schweigen gebracht werden, ist unsere Freiheit verloren.“


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