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Mady Delvaux drückt wieder die Schulbank
International 5 Min. 07.11.2019

Mady Delvaux drückt wieder die Schulbank

Mady Delvaux studiert – wie viele andere Luxemburger – an der Freien Universität Brüssel (ULB)

Mady Delvaux drückt wieder die Schulbank

Mady Delvaux studiert – wie viele andere Luxemburger – an der Freien Universität Brüssel (ULB)
Foto: Anouk Antony
International 5 Min. 07.11.2019

Mady Delvaux drückt wieder die Schulbank

Diego VELAZQUEZ
Diego VELAZQUEZ
Die ehemalige Bildungsministerin Mady Delvaux über ihr neues Studentenleben an der Freien Universität Brüssel.

Nach einer langen politischen Karriere drückt Mady Delvaux (69) wieder die Schulbank. Die ehemalige Bildungsministerin und EU-Abgeordnete der LSAP studiert seit September Geschichte an der Freien Universität Brüssel (ULB). Ein Gespräch über Studieren im Pensionsalter, akademische Methodologie und wie es ist, als Ex-Bildungsministerin eine Lerninstitution zu besuchen.

„Wir lernen aus der Geschichte, dass wir überhaupt nichts lernen“, soll der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel einmal gesagt haben. Würden Sie dem zustimmen?

Wenn ich mir die politische Lage der Welt derzeit anschaue, dann würde ich Hegel durchaus zustimmen.

Warum studieren Sie dann ausgerechnet Geschichte?

Weil ich mir viele Fragen darüber stelle, warum wir eigentlich immer dieselben Fehler machen. Aber es gibt auch schöne Sachen in der menschlichen Geschichte – es gibt etwa immer wieder historische Figuren, die mich beeindrucken.

Welche denn?

Bei mir sind es nicht unbedingt die ganz großen Figuren. Als ich noch Bildungsministerin war, habe ich etwa die Reden von Mathias Mongenast (ein Luxemburger Politiker des 19. und 20. Jahrhunderts, der sich auf Regierungsebene auch um Bildung kümmerte, Anm. d. Red. ) stets bewundert. Er schrieb Sachen, die heutzutage noch sehr modern klingen würden. Und mich intrigiert dabei, was in der Zwischenzeit schiefgelaufen ist – also warum man an altbekannten Problemen über Jahrhunderte nichts ändern konnte. Deswegen möchte ich mich durch mein Studium in diese Zeit zurückversetzen.

Es ist eigentlich egal, was man studiert. Beim Studieren geht es darum, Methoden zu erlernen, die danach für alles Mögliche brauchbar sein können.

Heutzutage wird einem oft ans Herz gelegt, etwas Sinnvolles zu studieren – sprich: etwas, womit man nachher Geld verdienen kann. Und Geschichte gehört wohl nicht dazu …

Damit bin ich absolut nicht einverstanden. Ich bin der Meinung, dass es eigentlich egal ist, was man studiert. Denn beim Studieren geht es darum, sich mit einem neuen Fach auseinanderzusetzen und Methoden zu erlernen, die danach für alles Mögliche brauchbar sein können. In dieser Hinsicht sind die Briten offener als die Kontinentaleuropäer. Schauen Sie etwa Boris Johnson. Man kann vom britischen Premier halten, was man will, aber Tatsache ist, dass er altgriechische Philologie und Latein studierte und danach im Leben Erfolg hatte. Das zeigt, dass es um die Methode geht – also um Analysefähigkeit und Denkweise und nicht um das eigentliche Fach.

Geht man ein Studium anders an, wenn man es nach der eigentlichen beruflichen Karriere beginnt?

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einem fast Siebzigjährigen und einem Zwanzigjährigen. Ich habe den Vorteil, nicht im Stress zu sein. Ich gehe das Ganze relativ gelassen an – anders als einige meiner Mitschüler.

Mady Delvaux (LSAP) saß im Gemeinderat der Stadt Luxemburg, war Staatssekretärin, dann  Ministerin für soziale Sicherheit und sie leitete zehn Jahre lang das Bildungsressort. Die letzten fünf Jahre vertrat sie Luxemburg im Europaparlament. Nun studiert sie an der ULB.
Mady Delvaux (LSAP) saß im Gemeinderat der Stadt Luxemburg, war Staatssekretärin, dann Ministerin für soziale Sicherheit und sie leitete zehn Jahre lang das Bildungsressort. Die letzten fünf Jahre vertrat sie Luxemburg im Europaparlament. Nun studiert sie an der ULB.
Foto: Anouk Antony


Studieren als Hobby also. Würden Sie das weiterempfehlen?

Ja. Dazu muss ich zugeben, dass ich immer gerne zur Schule ging. Deswegen nehme ich mein Studium auch jetzt ernst. Vor kurzem hatte ich auch meine erste schriftliche Prüfung, die ich seriös vorbereitet habe. Ich will mich auf gar keinen Fall blamieren. Wenn man alt ist, ist der Druck in dieser Hinsicht vielleicht größer als bei jungen Menschen.

Besonders, wenn man davor jahrelang Bildungsministerin war ...

Das weiß glücklicherweise niemand hier. Deswegen habe ich mich auch für Brüssel entschieden und nicht für die Universität in Luxemburg. So bin ich anonymer.

Sie haben in den 1970er-Jahren in Paris Literatur studiert. Was unterscheidet die Geisteswissenschaftsstudien von heute mit denen von damals?

Ich bin erstaunt, dass die Methoden noch sehr ähnlich sind als vor 50 Jahren. Ich wundere mich darüber, wie klassisch das Ganze noch ist – es gibt schriftliche Prüfung mit einem Blatt Papier und ein Zeitlimit. Ich fühlte mich dabei nicht entfremdet.

Schaut man als ehemalige Bildungsministerin denn nicht anders auf eine Bildungseinrichtung.

Doch. Wahrscheinlich ist man kritischer.

Und wie fällt Ihr Urteil über die Freie Universität Brüssel (ULB) dann als ehemalige Bildungsministerin aus?

Es ist noch zu früh, um mir ein definitives Urteil zu machen – ich bin ja erst einige Monate hier. Ich stelle aber fest, dass organisatorisch gesehen, vieles verbesserungsfähig ist. Es ist auch eine große Uni, was das sicherlich nicht einfacher macht. Die Professoren interessieren sich heutzutage aber mehr für ihre Studenten als noch vor 40 Jahren. Damals war noch alles ex cathedra – nach dem Motto „Vogel friss oder stirb“. Nun ist die Haltung viel wohlwollender und offener. So erkenne ich eine richtige Anstrengung seitens der Uni, bei der es darum geht, junge Menschen während ihres Studiums zu begleiten. Das finde ich durchaus toll.

Glücklicherweise weiß hier niemand, dass ich einmal Ministerin war.

Und was ist Ihr Lieblingsfach?

Mich interessiert hauptsächlich die Methodologie – also die Frage, wie man heutzutage eine historische Recherche zustande bringt. Ich habe mich auch deswegen entschieden, Geschichte zu studieren In diesem Zusammenhang haben wir ein Seminar über die Rolle der ULB in der Kolonialzeit. Das finde ich sehr spannend. Auch, weil die Uni die eigene Rolle kritisch zu hinterfragen wagt.

Als EU-Abgeordnete haben Sie in Brüssel gearbeitet. Aber wie schätzen Sie Brüssel als Studentenstadt ein?

Ich habe den Eindruck, dass es sehr nett ist. Der Campus ist auch nett, obschon der Zustand einiger Räumlichkeiten durchaus verbesserungsfähig ist. Aber die Stimmung ist sehr angenehm.

Wohnen Sie im Studentenviertel beim Friedhof von Ixelles?

Nein. Ich habe meine Wohnung beim EU-Parlament behalten. Das ist eine ganz andere Welt.

... Obschon beim EU-Parlament auch viel gefeiert wird – etwa am Donnerstagabend auf dem Luxemburger Platz ...

Es handelt sich dabei aber um zwei grundverschiedene Bevölkerungsgruppen. Ich habe ja fünf Jahre lang die jungen Menschen und die Praktikanten im EU-Viertel beobachtet. Dort gibt es einen echten Konkurrenzkampf. An der Uni ist dagegen alles etwas entspannter unter den Studenten.

Apropos: Wie unterscheidet sich der heutige Student in den Geisteswissenschaften von einem Studenten in den 1970er-Jahren?

Eigentlich nicht sehr viel. Was Brüssel aber vom damaligen Paris unterscheidet ist, dass es hier einen richtigen Campus mit dem dazugehörenden Studentenleben gibt. In Paris gab es kein gemeinsames Leben an der Uni. Man ging zu den Vorlesungen und dann verschwand man wieder. Hier habe ich dagegen den Eindruck, dass es ein größeres Gemeinschaftsleben gibt. Jeden Tag ist etwas auf dem Campus los. Es gibt gemeinsame Sportevents, kulturelle Aktivitäten oder Debattenrunden. Vor 40 Jahren war das nicht unbedingt der Fall. Im Allgemeinen gibt es aber noch immer dieselben Typen von Studenten: die Ehrgeizigen, die eher Ängstlichen, die Fauleren. Da hat sich eigentlich eher wenig verändert.


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