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Linke-Mitgründer Oskar Lafontaine wird 75
"Ein Sozialist kann Christ sein, ein Christ muss Sozialist sein." - Oskar Lafontaine, hier im Jahr 2010 beim BUndesparteitag der Linken, hält sich an das Motto von Adolf Grimme.

Linke-Mitgründer Oskar Lafontaine wird 75

Foto: AFP
"Ein Sozialist kann Christ sein, ein Christ muss Sozialist sein." - Oskar Lafontaine, hier im Jahr 2010 beim BUndesparteitag der Linken, hält sich an das Motto von Adolf Grimme.
International 3 Min. 16.09.2018

Linke-Mitgründer Oskar Lafontaine wird 75

Einst SPD-Hoffnungsträger, dann als Mitgründer der Linkspartei gefürchteter Gegner der Genossen. Oskar Lafontaine, einer der profiliertesten Sozialpolitiker Deutschlands, wird am Sonntag 75.

(KNA) - "Der Unvollendete", so hieß eine zum 200. Geburtstag von Karl Marx erschienene Biografie. Sie beschreibt den linken Vordenker als Mann mit enormen Leistungen. Und zieht doch das Fazit eines letztlich unvollendeten Lebenswerks. Eine Beschreibung, die auch auf Oskar Lafontaine zutrifft, der zwar als Frontmann und Mitgründer der Partei "Die Linke" auch in den vergangenen Jahren politisch einflussreich blieb. 

Doch seine erfolgreichsten Zeiten hatte er als einstiger Hoffnungsträger und Vorsitzender der SPD, der auf dem Zenit seines politischen Wirkens mit der Partei brach. Sozialist sein und zur Kirche gehören, das ist für den am 16. September 1943 in Saarlouis geborenen Lafontaine kein Widerspruch. In der Stahlarbeiterstadt Dillingen wuchs er nach eigenen Angaben "im katholischen Arbeitermilieu mit der katholischen Soziallehre" auf. Seinen Vater Hans, einen Bäcker, verlor er früh, als dieser im Zweiten Weltkrieg starb. Der Sohn besuchte ein bischöfliches Jungeninternat in der Eifel. Bei seinem nachfolgenden Physikstudium in Bonn erhielt er ein Stipendium der katholischen Begabtenförderung Cusanuswerk. 

Lafontaine (r.) 1997 mit Jean-Claude Juncker ...
Lafontaine (r.) 1997 mit Jean-Claude Juncker ...
Foto: Tessy Hansen

Noch bevor er sein Studium als Diplom-Physiker abschloss, trat er 1966 in die SPD ein, wo er parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit bei einem Saarbrücker Strom- und Verkehrsversorger schnell Karriere machte. Schon 1970 saß er im Landtag, 1976 wurde er Oberbürgermeister von Saarbrücken. Als SPD-Spitzenkandidat erzielte Lafontaine bei der Landtagswahl 1985 stolze 49,2 Prozent der Stimmen und wurde erster SPD-Ministerpräsident des kleinsten Flächenlands. 

Realistische Position zur Wiedervereinigung

Der von der Landtagswahl im Januar 1990 mit dem Rekordergebnis von 54,4 Prozent erfolgsverwöhnte Lafontaine wurde Kanzlerkandidat der SPD. Doch während CDU-Kontrahent Helmut Kohl nach dem Mauerfall auf internationalem Parkett glänzen konnte, verletzte eine psychisch kranke Frau den Sozialdemokraten bei einem Wahlkampfauftritt im April 1990 lebensgefährlich. Obwohl er sich zügig regenerieren konnte, hatte sein Wahlkampf aufgrund seiner zurückhaltenden Position zur Wiedervereinigung eine Schieflage gegenüber Kohl, der "blühende Landschaften" in Aussicht stellte. Lafontaine holte bei der Bundestagswahl im Dezember 1990 für damalige SPD-Verhältnisse magere 33,5 Prozent. 

So blieb er Regierungschef an der Saar, übernahm 1995 aber den Vorsitz der SPD. Nach dem Wahlsieg Gerhard Schröders im Herbst 1998 wurde er Bundesfinanzminister. Doch nur wenig später, im März 1999, kam es zum Paukenschlag: Nach heftigen Dissonanzen mit dem neuen Kanzler trat Lafontaine als Minister und Parteivorsitzender zurück. Das einfache Parteimitglied Lafontaine kritisierte fortan die wirtschaftsfreundliche Politik Schröders. Als dessen Agenda 2010 zu sozialpolitischen Einschnitten führte, erklärte er schließlich seinen Parteiaustritt. 

... und 1985 mit Jacques Santer.
... und 1985 mit Jacques Santer.
Foto: Jean Weyrich

2007 war er Mitgründer der Partei "Die Linke", deren Bundesvorsitzender er wurde. 2009 kehrte er an seine alte Wirkungsstätte zurück, machte die saarländische Linken-Fraktion zur drittstärksten Kraft im Landtag und führt sie seitdem an. Lafontaine ist Fan des sozialkritischen Papstes Franziskus, doch er hält Distanz zur Amtskirche. Zugleich beruft er sich auf die Formel des verstorbenen Kulturpolitikers Adolf Grimme: "Ein Sozialist kann Christ sein. Ein Christ muss Sozialist sein." 

Seit Ende 2014 ist der dreifach geschiedene Lafontaine mit der linken Frontfrau Sahra Wagenknecht verheiratet. In den vergangenen Jahren zog seine Frau deutlich mehr mediale Aufmerksamkeit auf sich als er. Derzeit stehen beide mit ihrer linken Sammlungsbewegung "Aufstehen" im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Deren Ziel sei es, linken Wählern, die sich in den bisherigen Parteien nicht wiederfänden, eine Plattform zu bieten, sagt Lafontaine. Man wolle deren "Wanderung zur AfD stoppen und vielleicht umkehren". "Aufstehen" hat zwar bereits binnen weniger Wochen mehr als 100.000 Online-Unterstützer gewonnen. Doch dass die Bewegung das linke Lager einen wird, daran glaubt kaum ein Beobachter. Denn Lafontaine gilt in sozialdemokratischen Kreisen noch immer als Reizfigur.


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