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Leben im Ausnahmezustand: Eindrücke aus Madrid
International 3 Min. 16.03.2020

Leben im Ausnahmezustand: Eindrücke aus Madrid

Eine leere Plaza Mayor im Zentrum Madrids.

Leben im Ausnahmezustand: Eindrücke aus Madrid

Eine leere Plaza Mayor im Zentrum Madrids.
Foto: AFP
International 3 Min. 16.03.2020

Leben im Ausnahmezustand: Eindrücke aus Madrid

Die spanische Regierung hat am Samstag den Alarmzustand ausgerufen. Die Straßen leeren sich, die Städte verstummen. Das Virus wird sichtbar. Eindrücke unseres Korrespondenten

Von LW-Korrespondent Martin Dahms (Madrid)

Am 27. Februar verschickte der spanische Ökonom Juan Ignacio Crespo eine Nachricht: „China hat uns ein Virus geschenkt“, schrieb er, „und eine Glaskugel: Wir wissen, was in den kommenden anderthalb Monaten geschehen wird.“ Eben das, was in den anderthalb Monaten zuvor in China geschehen war. 

Kaum jemand nahm Crespo und die anderen Mahner ernst. Dann kam Italien. Seit vergangenem Wochenende ist Spanien die Glaskugel, in der Deutschland seine nähere Zukunft betrachten kann.

Ein Meter Abstand

Samstag ist ein herrlicher Frühlingstag in Madrid. Die Leute gehen im Park spazieren. Sie können auch sonst nichts mehr machen. Madrid ist Risikogebiet, deswegen haben Mitte der Woche die Schulen, Museen und Theater geschlossen. Seit Freitagnacht auch die Restaurants, Kneipen und Cafés. Im Park merkt man keinen Ausnahmezustand. Oder doch, wenn man genauer hinschaut. Fast alle halten Abstand zueinander, wie gleichgepolte Magnete begegnet man sich auf mindestens einem Meter Abstand.

Die Frau von Premier Pedro Sanchez, Begona Gomez, hat sich mit Corona infiziert.
Die Frau von Premier Pedro Sanchez, Begona Gomez, hat sich mit Corona infiziert.
Foto: AFP

Pedro Sánchez, der Premierminister, will im Laufe des Tages im ganzen Land den Alarmzustand erklären.Das Land steht vor der Schliessung. Vom Park nachhause. Stundenlange Telefongespräche mit den Freunden. Was kommt jetzt auf uns zu? Eine Freundin, die in der Innenstadt wohnt, hat die Nachtruhe genossen: Jetzt gehören die Straßen denen, die in ihnen leben, sagt sie. Doch wie lange wird man noch vor die Tür treten können?

Das System kollabiert

Ein Freund ruft an, er klagt über Heuschnupfen, wie jedes Frühjahr. Könnte es auch eine Corona-Virus-Infektion sein? Seit Tagen ruft er bei der eigens eingerichteten Notrufnummer an, seit Tagen nimmt niemand ab. Das System steht nicht vor dem Kollaps, es ist schon kollabiert. 


14.03.2020, Spanien, Madrid: Ein Mann mit Schutzkleidung und Mundschutz sitzt in einer Metrostation auf einer Bank. Foto: Guillermo Santos/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Das Coronavirus breitet sich in Spanien stark aus. Eine Ausgangssperre wurde verhängt, öffentliche Plätze sind menschenleer.

Eine Freundin des Freundes arbeitet im Zarzuela-Theater, 30 Sänger sind infiziert, wahrscheinlich. Nur fünf haben sich bisher untersuchen lassen können. Spanien hat ein robustes Gesundheitssystem, das hat bisher jede Grippewelle ausgehalten, nur manchmal ein bisschen geächzt. Jetzt ist es überfordert.

Es ist fast menschenleer in Madrid.
Es ist fast menschenleer in Madrid.
Foto: AFP

Am Samstagnachmittags werden alle Madrider Parks geschlossen. Manche waren bei dem schönen Wetter so überfüllt, dass kein Sicherheitsabstand mehr einzuhalten war.

Keine Spaziergänge

Abends gegen neun tritt Regierungschef Sánchez vor eine Kamera und erläutert den Alarmzustand: das ist die erste von drei Notstandsstufen, danach kommt der Ausnahme-, dann der Belagerungszustand. Man möchte gar nicht wissen, worin die bestehen. Alarmzustand reicht. Ab jetzt darf man nur noch zum Arzt, zur Arbeit und zum Supermarkt gehen. Keine Besuche bei Freunden mehr, keine Spaziergänge, weder im Park noch sonstwo. 

Auch in den Parks in der spanischen Haupststadt ist nicht viel los.
Auch in den Parks in der spanischen Haupststadt ist nicht viel los.
Foto: AFP

Die Madrider, die übers Wochenende aufs Land oder an den Strand gefahren sind, dürfen nach Hause zurückkehren. Die Wochenendausflügler haben sich nicht beliebt gemacht: Wie viele von ihnen waren Virusschleudern, die Covid-19 noch einmal übers ganze Land verteilt haben?


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Um zehn Uhr abends treten die Menschen auf ihre Balkone und klatschen. Der Beifall hallt in den Straßen wider, laut und ergreifend, im ganzen Land. Es ist eine Dankesbotschaft an das Gesundheitspersonal. Sie stehen vornean an der Front. Sie sind unsere Helden. Hoffentlich hören sie den Beifall. Lieber hätten sie es gehabt, wenn sich das System besser auf die sich nähernde Krise vorbereitet hätte.

Schleier der Stille

Man darf noch mit dem Hund auf die Straße. Es ist halb zwölf. Es ist Samstag. Madrid ist wie New York eine Stadt, die niemals schläft. Jetzt hat sich der Schleier der Stille über die Straßen gelegt. Jeder andere Passant ist verdächtig. Was tut der hier? 

Eine leere Avenue in Madrid.
Eine leere Avenue in Madrid.
Foto: AFP

Die meisten sind Hundebesitzer, auch sie froh, eine Ausrede für ein paar Schritte vor der Tür zu haben. Ein Obdachloser hat sich Essen aus dem Müllcontainer vor dem Supermarkt hervorgeholt und verspeist es. Wo bleiben die Obdachlosen, wenn alle Welt zuhause bleiben soll?


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Der Sonntag ist so still wie die Nacht zuvor. Ein Gang zum Kiosk ist erlaubt. Alle Zeitungen haben das selbe Titelblatt: „Dieses Virus stoppen wir gemeinsam“, eine Botschaft der Regierung. Die Stadt ist leer. Nie war das Virus so sichtbar.

 


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