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Kultur, Konfession, Kommunikation: Konsequenzen des EU-Austritts: Prexit
Mit einem „Brexit“ würde ein Teil der religiösen Vielfalt schwinden, denn das Vereinigte Königreich vereint viele Weltanschauungen.

Kultur, Konfession, Kommunikation: Konsequenzen des EU-Austritts: Prexit

FOTO: AP
Mit einem „Brexit“ würde ein Teil der religiösen Vielfalt schwinden, denn das Vereinigte Königreich vereint viele Weltanschauungen.
International 3 Min. 02.07.2016

Kultur, Konfession, Kommunikation: Konsequenzen des EU-Austritts: Prexit

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
Wenn Großbritannien der EU den Rücken kehrt, hat das nicht nur Konsequenzen für den Handel. Es verändert auch das sprachliche, religiöse und kulturelle Gleichgewicht in der europäischen Gemeinschaft.

(KNA/AC) - Großbritannien möchte die EU verlassen: Dies hätte Auswirkungen auf das kulturelle, politische und religiöse Gleichgewicht der Union. Eine Prognose zum Profil der EU mit 27 Mitgliedsländern.

Wenn Großbritannien der EU den Rücken kehrt, hat das nicht nur Konsequenzen für den Handel. Es verändert auch das sprachliche, religiöse und kulturelle Gleichgewicht in der europäischen Gemeinschaft. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch sagte am Dienstag, Europa sei aufgrund seiner Geschichte und Kultur ein Kontinent geworden. Artikel 22 der EU-Grundrechtecharta schützt sogar ausdrücklich die „Vielfalt der Kulturen, Religionen und Sprachen“.

Unter dem Aspekt der Religionszugehörigkeit könnte man bei einem möglichen „Brexit“ auch von einem „Prexit“ sprechen.

Denn mit einem Ausscheiden der Briten aus der EU würden auch viele Protestanten die Union verlassen. Die Anzahl der EU-Länder, in denen überwiegend protestantische Christen leben, wie etwa in Dänemark, Schweden, Finnland, Estland und Lettland würde damit sinken. Ein „Prexit“ würde im Umkehrschluss auch dazu führen, dass die Katholiken ihren Einfluss ausweiten. Bereits jetzt stellen sie mehr als die Hälfte der EU-Bevölkerung. In jedem der 28 EU-Mitgliedstaaten sind sie vertreten, wenn auch in einigen nur als kleine Minderheit.

Mit einem „Brexit“ würde ein Teil der religiösen Vielfalt schwinden, denn das Vereinigte Königreich vereint viele Weltanschauungen. Neben etwa 300 000 Juden und 2,7 Millionen Muslimen leben hier laut einer Erhebung der EU-Statistikbehörde Eurostat aus dem Jahr 2012 auch etwa 817 000 Hindus, 423 000 Sikhs und zwischen einer und vier Millionen Buddhisten. Im Europaparlament blieben mit einem Austritt des Vereinigten Königreichs 73 Sitze leer. Die Briten sind nach den Deutschen und Franzosen die drittgrößte Gruppe im EU-Parlament. Dementsprechend hätte ihr Verlassen auch große Auswirkungen auf die verschiedenen Fraktionen.

Die Fraktion der „Europäischen Konservativen und Reformer“ (EKR) verlöre 21 Abgeordnete und damit ihren Status als drittgrößte Kraft im Parlament. Während bei der EKR bis jetzt die Briten die größte nationale Gruppe bildeten, wären es dann die Polen. Zudem müsste sie einen neuen Vorsitzenden wählen. Dies wäre auch der Fall in der Fraktion „Europa der Freiheit und der direkten Demokratie“ (EFDD), deren Ko-Vorsitzender Nigel Farage ist. Sie würde zur schwächsten Kraft im Parlament nach Marine Le Pens Fraktion „Europa der Nationen und der Freiheit“ (ENF). In der EFDD würden die Italiener künftig die größte nationale Gruppe stellen.

Politisch würde der Austritt Großbritanniens also zu einer Verschiebung der Macht von Nord- nach Süd- und Osteuropa führen.

An der Sprachenvielfalt würde ein Brexit hingegen wenig verändern. Englisch würde auch im Fall eines Austritts Großbritanniens offizielle Amtssprache der EU bleiben Eine Änderung müsste der Rat einstimmig beschließen. Das gilt jedoch als unwahrscheinlich, da Englisch auch offizielle Landessprache in Irland und Malta ist. Auch ein Großteil der Kommunikation in den EU-Institutionen läuft auf Englisch ab. Den Status einer der meistgesprochenen drei Muttersprachen in der EU würde Englisch jedoch wahrscheinlich verlieren. Belegte es laut einer Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2012 gemeinsam mit Italienisch noch Platz zwei nach Deutsch, wird es nun wahrscheinlich vom Französischen überholt.

Auch kulturell ginge der EU mit einem „Brexit“ einiges verloren: eine breite Palette von Kultur-Ikonen, und es stehen 27 Gebäude, Orte und Landschaften in Großbritannien auf der UNESCO-Weltkulturerbe-Liste.

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