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Krise in Spanien: Leben und sterben lassen
International 2 Min. 22.03.2020

Krise in Spanien: Leben und sterben lassen

Auf dem Messegelände in Madrid wird am Sonntag ein Notlazarett in Betrieb genommen, das bis zu 5.000 Patienten aufnehmen soll.

Krise in Spanien: Leben und sterben lassen

Auf dem Messegelände in Madrid wird am Sonntag ein Notlazarett in Betrieb genommen, das bis zu 5.000 Patienten aufnehmen soll.
Foto: AFP
International 2 Min. 22.03.2020

Krise in Spanien: Leben und sterben lassen

Bald kann das spanische Gesundheitssystem nicht mehr alle Covid-19-Kranken behandeln. Dann müssen die Ärzte entscheiden, um wen sie sich noch kümmern werden und um wen nicht.

Von LW-Korrespondent Martin Dahms (Madrid)

„Zurzeit kann man nicht allgemein sagen, dass es einen Kollaps der spanischen Intensivstationen gibt“, sagt am Freitag der Arzt Pedro Rascado von der Universitätsklinik in Santiago de Compostela zur Nachrichtenagentur Efe. „Aber es gibt Krankenhäuser, die in einer komplizierten Lage sind.“

Die Lage wird täglich komplizierter. Die Zahlen vom Sonntag: Insgesamt 28.572 positiv Getestete. 1.720 Tote. 1.785 Patienten auf der Intensivstation. Die Zahl der Intensivpatienten ist an einem Tag um 173 gestiegen, die der Toten um 394.

Entscheidungsfindung in Ausnahmesituationen

Die Spanische Gesellschaft für Intensivmedizin Semicyuc hat einen ethischen Leitfaden für die Entscheidungsfindung in Ausnahmesituationen während der Covid-19-Krise herausgegeben. „Eine Person aufzunehmen kann bedeuten, einer anderen Person, die davon mehr profitieren würde, die Aufnahme zu verweigern“, steht darin. Das Prinzip: Wer zuerst kommt, wird zuerst behandelt, müsse vermieden werden. Unter zwei ähnlichen Patienten müsse derjenige bevorzugt werden, der mehr gute – in der Fachsprache: qualitätskorrigierte – Lebensjahre vor sich habe.

Auf dem Messegelände von Madrid bereitet sich medizinisches Personal auf die Ankunft der ersten Patienten vor.
Auf dem Messegelände von Madrid bereitet sich medizinisches Personal auf die Ankunft der ersten Patienten vor.
Foto: AFP

Das gilt in jeder Krisensituation. In dieser Epidemie müssen solche Entscheidungen bald täglich, vielleicht stündlich getroffen werden. Wahrscheinlich werden sie jetzt schon getroffen.

Zu wenige Tests

Die Zahl der Toten im Verhältnis zur Zahl der positiv Getesteten ist in Spanien besonders hoch. Die derzeitige Todesrate von sechs Prozent widerspricht allen Erwartungen. Der Hauptgrund ist die niedrige Zahl der durchgeführten Tests: Man weiß nicht, wie viele Menschen in Spanien wirklich infiziert sind. Mutmaßlich vielfach mehr als die bisher positiv Getesteten. Die Regierung verspricht seit Tagen, dass „in den kommenden Tagen“ mehr getestet werde.


A pedestrian area remains empty in central Madrid on March 14, 2020 after regional authorities ordered all shops in the region be shuttered from today through March 26, save for those selling food, chemists and petrol stations, in order to slow the coronavirus spread. (Photo by JAVIER SORIANO / AFP)
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Dass so viele Menschen sterben ist aber auch Folge des jetzt schon überforderten Gesundheitssystems. Die Berichte aus den Krankenhäusern sind steinerweichend. „Ich habe nie etwas Ähnliches erlebt“, sagt ein Intensivmediziner aus der Madrider Vorstadt Getafe zu El País. „Wir kommen nicht mehr nach.“ 

Die Innenstadt von Barcelona wirkt wie ausgestorben.
Die Innenstadt von Barcelona wirkt wie ausgestorben.
Foto: AFP

María Antonia Estecha, Ärztin in einem Krankenhaus in Málaga, sagt: „Die Arbeit ist immens, erschöpfend, anstrengend. So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Eine Krankenschwester aus Madrid sagt: „Die Lage ist brutal. Wir kommen an unsere Grenzen. Wir stehen unter gewaltigem Stress. Und leben immer mit der Angst uns anzustecken.“ Celia González, Anästhesistin aus Bilbao, sagt: „Das ist der Krieg, den unsere Generation erlebt.“

Petition für strengere Quarantänemaßnahmen

Auf dem Messegelände in Madrid wird am Sonntag ein Notlazarett in Betrieb genommen, das bis zu 5.000 Patienten aufnehmen soll. Die Regierung kündigt an, 50.000 zusätzliche Ärzte und Pfleger zu aktivieren.


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