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Köthen will kein zweites Chemnitz werden
Blumen und Kerzen stehen an einem Baum auf einem Spielplatz. Bei einem Streit zwischen zwei Männergruppen in Köthen ist ein 22-Jähriger ums Leben gekommen.

Köthen will kein zweites Chemnitz werden

Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbil
Blumen und Kerzen stehen an einem Baum auf einem Spielplatz. Bei einem Streit zwischen zwei Männergruppen in Köthen ist ein 22-Jähriger ums Leben gekommen.
International 4 Min. 09.09.2018

Köthen will kein zweites Chemnitz werden

Zwei Männergruppen geraten auf einem Spielplatz in Köthen aneinander. Der Streit endet für einen 22-jährigen Deutschen tödlich-er starb an Herzversagen. Zwei Afghanen werden festgenommen. Der Trauermarsch verlief friedlich.

Köthen (dpa) - Nach einem Streit zwischen zwei Männergruppen in Köthen in Sachsen-Anhalt ist ein 22 Jahre alter Mann aus Deutschland gestorben. Zwei Afghanen von 18 und 20 Jahren wurden in der Nacht zum Sonntag wegen des Anfangsverdachts eines Tötungsdelikts festgenommen, wie Polizei und Staatsanwaltschaft in Sachsen-Anhalt gemeinsam mitteilten. Bei dem Toten handelte es sich um einen deutschen Staatsbürger. Angesichts der Erfahrungen von Chemnitz bereitete sich die Polizei auf Proteste vor.

Blumen stehen an einem Baum auf dem Spielplatz.
Blumen stehen an einem Baum auf dem Spielplatz.
Foto: Dörthe Hein/dpa-Zentralbild/dpa

Junger Mann starb an Herzversagen

Nach Angaben der Polizei  starb der 22-Jährige an  akutem Herzversagen. Das Herzversagen stehe nicht „im direkten kausalen Zusammenhang mit den erlittenen Verletzungen“, teilte die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Ost am Sonntagabend mit Blick auf das vorläufige Obduktionsergebnis mit. Nach einem Bericht der „Mitteldeutschen Zeitung“ hatte das Opfer eine kardiologische Vorerkrankung.

Gegen den 18 Jahre alten Verdächtigen würden die Ermittlungen nun wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung geführt. Gegen den 20-Jährigen werde wegen des Anfangsverdachts der Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt.

Zu den Hintergründen des Geschehens und zu den Abläufen während des Streits am späten Samstagabend teilten die Ermittler am Sonntag keine Details mit und verwiesen auf die andauernden Befragungen. Es werde in alle Richtungen ermittelt.

Kirmes-Geschäfte stehen vor der St.-Jacob-Kirche, in der eine Andacht für einen getöteten 22-Jährigen gehalten wird.
Kirmes-Geschäfte stehen vor der St.-Jacob-Kirche, in der eine Andacht für einen getöteten 22-Jährigen gehalten wird.
Sebastian Willnow/dpa-Zentralbil

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur war es auf einem Spielplatz zu einem Streit zwischen mehreren Männern gekommen. Drei aus Afghanistan stammende Männer sollen zunächst mit einer Frau dort darüber gestritten haben, von wem sie schwanger ist. Dann sollen der 22-jährige Deutsche und ein Begleiter hinzugekommen sein. Am Ende war der 22-Jährige tot. Gegen den dritten aus Afghanistan stammenden Mann gibt es nach dpa-Informationen keinen Verdacht, er wurde nicht festgenommen.

Kein zweites Chemnitz

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) warnte vor einer Instrumentalisierung des Falls. „Bei aller Emotionalität ist jeder Versuch zurückzuweisen, aus Köthen, wie es im Internet heißt, ein zweites Chemnitz machen zu wollen“, sagte er am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur.

Die Polizei bereitete sich indes auf Proteste in der Stadt vor, die gut 26 000 Einwohner hat. Die Linken-Politikerin Henriette Quade meldete für Sonntag eine Demonstration gegen rechte Hetze an, die um 18 Uhr am Bahnhof beginnen sollte. In sozialen Netzwerken riefen außerdem rechte Gruppierungen zur Teilnahme an einem sogenannten Trauermarsch auf. Köthens Bürgermeister Bernd Hauschild (SPD) riet auf seiner Facebookseite von der Teilnahme an dieser Kundgebung ab - „da mir Informationen vorliegen, dass auch gewaltbereite Gruppen von außerhalb Köthens in großer Zahl anreisen werden“.

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht rief zur Besonnenheit auf. Er habe vollstes Verständnis für die Betroffenheit der Bürger, sagte der CDU-Politiker der dpa. Trotzdem bitte er um Besonnenheit. Der Rechtsstaat werde alle Mittel konsequent einsetzen, Justiz und Polizei ermittelten in enger Abstimmung. „Der tragische Tod des jungen Mannes geht mir sehr nahe und ich bedaure das Geschehene zutiefst“, sagte der Innenminister weiter.

Der Köthener Kreisoberpfarrer Lothar Scholz kam am Sonntag zum Tatort. „Ich kann nur hoffen und appellieren, dass nicht Gewalt mit Gewalt quittiert wird“, sagte er. „Wir sind betroffen, was hier geschehen ist.“ Gruppierungen in den Sozialen Netzwerken haben zu Protesten aufgerufen.

Gläubige stehen während einer Andacht für einen getöteten 22-Jährigen in der St.-Jacob-Kirche. B
Gläubige stehen während einer Andacht für einen getöteten 22-Jährigen in der St.-Jacob-Kirche. B
Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbil

Der Landrat des Kreises Anhalt-Bitterfeld, Uwe Schulze (CDU), sagte: „Wir gehen davon aus, dass der deutsche Rechtsstaat Recht walten lässt. Wir wissen aber noch nicht genau, was passiert ist.“ Die Aufeinanderfolge von Chemnitz und Köthen „ist für uns schlecht“, sagte er. Die Bundesregierung müsse sich überlegen, wie sie die Migration insgesamt gestalten wolle.


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Spenden für Bestattung

Die Evangelische Landeskirche Anhalts will in Köthen Spenden für die Bestattung des Opfers sammeln. Die Sammlung begann mit einer Trauerandacht am Sonntagnachmittag und sollte noch einige Tage dauern. Zu der Andacht kamen etwa 300 Menschen, darunter auch mehrere Politiker. „Der Tod eines Menschen ist der schlechteste Anlass für eine Instrumentalisierung“, sagte Kirchenpräsident Joachim Liebig. „Es betrifft die ganze Gemeinschaft, wenn jemand so aus ihrer Mitte zu Tode kommt.“

Trauermarsch verlief friedlich

Schätzungen zufolge hatten sich am Sonntagabend rund 500 Menschen an einem sogenannten Trauermarsch beteiligt. Rechte Gruppierungen hatten in sozialen Netzwerken zur Teilnahme an der Aktion in der Stadt in Sachsen-Anhalt aufgerufen. Die Teilnehmer zogen nach Augenzeugenberichten schweigend und ohne Transparente oder Spruchbänder durch die Straße in Richtung eines Spielplatzes, wo sich der Streit ereignet hatte. Dort legten Teilnehmer Blumen nieder.

In Chemnitz war vor zwei Wochen ein 35-jähriger Deutscher getötet worden. Zwei junge Männer sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Sie stammen nach eigenen Angaben aus Syrien und dem Irak. Ein weiterer Verdächtiger wird gesucht. Seitdem gibt es in Chemnitz immer wieder fremdenfeindliche und teils aggressive Proteste. Tausende Menschen demonstrieren seither auch gegen rechte Hetze und für Toleranz.


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