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Klimagipfel in Paris: "Privatleute müssen das Zepter in die Hand nehmen"
"Es ist absolut möglich, den Treibhausgasausstoß zu reduzieren - auch ohne Trump."

Klimagipfel in Paris: "Privatleute müssen das Zepter in die Hand nehmen"

Foto: Brot für die Welt
"Es ist absolut möglich, den Treibhausgasausstoß zu reduzieren - auch ohne Trump."
International 4 Min. 12.12.2017

Klimagipfel in Paris: "Privatleute müssen das Zepter in die Hand nehmen"

Tom RUEDELL
Tom RUEDELL
Sabine Minninger ist Referentin für Klimapolitik bei "Brot für die Welt" mit Schwerpunkt Klimawandel und Entwicklungsfragen. Das "Luxemburger Wort" hat sie in ihrem Berliner Büro erreicht und um eine Einordnung des aktuellen Pariser Gipfels gebeten.

Sabine Minninger ist Referentin für Klimapolitik bei Brot für die Welt mit dem Schwerpunkt Klimawandel und Entwicklungsfragen. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Eindämmung des Klimawandels, Klimaanpassung und Klimafinanzierung, und vor allem auf den Umgang mit klimabedingten Schäden und Verlusten sowie der klimabedingten Migration und Vertreibung.

Interview: Tom Rüdell

Sabine Minninger, Sie waren schon 2015 beim Klimagipfel in Paris und zwischenzeitlich auch in Bonn dabei. Was hat die Welt denn von den guten Vorsätzen umgesetzt, seit sie sich das letzte Mal in Paris getroffen hat?

Einiges wurde auf den Weg gebracht, aber es ist natürlich noch viel zu wenig. Was wir an Bemühungen der Staaten sehen, ihren Treibhausgasausstoß zu mindern, ist leider nicht genug. Die gute Nachricht ist, dass alle Staaten Pläne vorgelegt haben, wie sie gedenken, das zu tun. Es gibt diese guten Vorsätze und das Thema ist in allen Staaten der Welt angekommen. Jüngst sind Syrien und Nicaragua dem Pakt beigetreten, sogar Nordkorea ist dabei. Diktaturen und Demokratien arbeiten Hand in Hand, weil sie den Klimawandel als wichtigste globale Herausforderung anerkennen. Nur die USA sind leider wieder abgesprungen.

Donald Trump hat im Sommer das Pariser Abkommen für die USA aufgekündigt. Wird es ohne ihn denn überhaupt möglich sein, den Klimawandel noch zu stoppen?

Es ist absolut möglich, den Ausstoß von Treibhausgasen zu mindern. Die globale Energiewende geht weiter, auch ohne Trump, auch innerhalb der USA. Wir sehen viele Industrien, Städte, Kommunen dort, die sich entschlossen haben, den Klimawandel als Problem selbst in die Hand zu nehmen, auch ohne ihre Regierung. Es gab gewissermaßen eine "zweite Delegation", die nach Bonn zum Klimagipfel gereist ist.  

Nur eine Lücke bleibt, die sehr schwer zu schließen ist: Die internationale Klimafinanzierung. Die Industriestaaten haben sich bereit erklärt, bis 2020 die Summe von 100 Milliarden US-Dollar jährlich für die ärmsten Staaten bereit zu stellen, damit diese Staaten eine Energiewende anstoßen und sich an den Klimawandel anpassen können. Hier sollten die USA der größte Geber sein. Je nachdem welche Parameter man anlegt, beläuft sich der Anteil der USA auf etwa 20 Milliarden. Und diese Lücke werden die amerikanischen Kommunen nicht übernehmen können. 

Deshalb ist dieser Gipfel in Paris so wichtig, denn es geht hier um Klimafinanzierung. Macron sucht nach Wegen, diese Lücke zu schließen. 

Sie haben in der "Süddeutschen Zeitung" klimafreundliche Investitionen angemahnt, die "Mobilisierung von privaten Geldmitteln und die Wende von klimaschädlichen zu klimafreundlichen Investitionen" sei essentiell. Was genau meinen Sie damit?

Die Staaten selbst werden ebenfalls die Lücke nicht schließen können, von daher muss auch die Privatwirtschaft mit ran. Das hätte sie sowieso gemusst, denn auch die 100 Milliarden werden nicht reichen, um eine globale Energiewende effektiv umzusetzen.  

Man wird versuchen, die künftigen Investitionen, die getätigt werden, von vornherein in klimafreundliche Bahnen zu lenken - das muss das große Ziel sein. Bis zum Jahr 2030 wird man so oder so weltweit 90 Trillionen US-Dollar investieren. Diese Zahl klingt überirdisch, aber das ist die Größenordnung - für Städtebau und Infrastruktur. Jetzt ist die Zeit, sich zu überlegen, ob man dieses Geld klimasicher oder klimaschädlich ausgeben will.

Wie soll der private Anleger das konkret machen?

Jeder, der irgendwo Geld anlegt, sollte sich informieren, wo das Geld hingeht - ob das jetzt der Rentenfonds ist oder die Berufsunfähigkeitsversicherung. Man kann nachfragen, was damit passiert - geht das Geld in Atomkraft? In Blutdiamanten in Afrika? Verletzt mein Geld Menschenrechte oder schadet es der Umwelt? 

Wichtig ist, dass der Anleger weiß, dass er Macht hat, die er ausüben kann. Die Banken haben mittlerweile auch erkannt, dass es ein Konsumentenbewusstsein für klimafreundliche Produkte gibt. Es geht zunehmend nicht mehr nur darum, wo mein Essen oder meine Kleidung herkommen oder wie ich mich bewege, sondern auch darum, wie und wo ich mein Geld anlege. 

Was wäre denn generell Ihre konkrete Handlungsanweisung an Otto Normalverbraucher?

Es gibt viele Möglichkeiten, sich klimafreundlich durch den Alltag zu bewegen. Das fängt bei der Frage an, ob ich mein Auto benutzen muss. In ländlichen Gebieten geht es oft nicht anders, aber kann ich dann vielleicht Carsharing machen? Wie ernähre ich mich? Kann ich auch mal auf Fleisch verzichten? Wenn ich sieben Tage die Woche Fleisch esse, wäre es ja schon ein Fortschritt, wenn ich das an zwei Tagen nicht tue. Ich werde sicher niemandem vorschreiben, vegan zu leben, auch wenn das eine sehr sinnvolle Möglichkeit ist, das Klima zu schützen, denn ich lebe selbst nicht so. Ich will keine dogmatischen Richtlinien ausgeben. 

Was aber jeder tun kann und sollte, weil es nicht weh tut und in kein Konsummuster einschneidet: Man sollte zu einem Stromanbieter wechseln, der sein Geld in erneuerbare Energien und nicht mehr in Kohlekraft investiert. Das ist der Schritt, den man gehen muss, denn wir brauchen einen sofortigen Ausstieg aus der Kohle. Das funktioniert aber nur, wenn der Privatmensch nicht auf die Politik wartet, sondern das Zepter selbst in die Hand nimmt. 


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