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Klimaabkommen: von Paris nach New York: Wettlauf mit der Zeit
International 4 Min. 22.04.2016

Klimaabkommen: von Paris nach New York: Wettlauf mit der Zeit

Geschichtsträchtig: Bei der COP21 in Paris einigte sich die Welt auf einen globalen Klimavertrag.

Klimaabkommen: von Paris nach New York: Wettlauf mit der Zeit

Geschichtsträchtig: Bei der COP21 in Paris einigte sich die Welt auf einen globalen Klimavertrag.
Lex Kleren
International 4 Min. 22.04.2016

Klimaabkommen: von Paris nach New York: Wettlauf mit der Zeit

Marc SCHLAMMES
Marc SCHLAMMES
Vier Monate sind vergangen, seit sich die Staatengemeinschaft auf ein historisches Klimaabkommen verständigte. Heute wird der Vertrag unterzeichnet. Mehr ist noch nicht geschehen. Dabei steht ein Wettlauf mit der Zeit an.

(dpa/KNA/mas) - Am 12. Dezember 2015 saust ein knallgrüner Hammer auf den Tisch vor Frankreichs Außenminister Laurent Fabius. Es ist ein historischer Moment: 195 Länder haben vereinbart, gemeinsam dafür zu arbeiten, dass die Erde sich um weniger als zwei Grad erwärmt. Die Klimadiplomaten jubeln.

In New York dürfen sie sich am Freitag noch einmal feiern, wenn das Abkommen von Paris unterzeichnet wird. Ob es mehr wert ist als das Papier, auf dem es steht, muss sich aber erst noch zeigen. 

Denn in Kraft tritt das Abkommen erst, wenn es von 55 Staaten ratifiziert wird, die zusammen mindestens 55 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantworten. Die meisten Politiker gehen davon aus, dass dies klappt.

Ab 2020 geht es dann darum, den Ausstoß von Treibhausgasen, vor allem CO2, zu reduzieren. Darüber sind sich noch alle einig - über viel mehr allerdings nicht.

Luxemburg liefert am Montag

In Luxemburg selbst hat sich seit Dezember 2015 nicht allzu viel getan. Am Montag wollen Umweltministerin Carole Dieschbourg, die in Paris viel Lob für ihren Einsatz als EU-Leiterin erntete, und Staatssekretär Camille Dieschbourg darüber aufklären, wie Luxemburg die internationalen Klimavorgaben umsetzen und dabei Solidarität, Entwicklungszusammenarbeit und Wachstum auf nachhaltige Weise vereinbaren will. 57 Denkanstöße dazu hatte im November des vergangenen Jahres der parlamentarische Bericht im Vorfeld der Pariser Klimakonferenz geliefert.

"Nutzloser Emissionshandel"

Für den Klimaforscher Ottmar Edenhofer ist klar, was jetzt her muss: Weltweit koordinierte, ausreichend hohe CO2-Preise. Heißt: Wer Treibhausgas produziert, soll zahlen. In Europa gibt es einen Emissionshandel, den Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, in seiner derzeitigen Form allerdings eher nutzlos findet. 

Die Logik hinter dem Ruf nach sogenannter CO2-Bepreisung: Wird der CO2-Ausstoß teuer, macht das Strom aus Kohlekraftwerken unattraktiv. Kohlekraftwerke, da sind sich die Experten einig, gehören zu den schlimmsten Klimakillern überhaupt.

Der Geist von Paris: In New York soll er heute mit der Unterzeichnung der COP21-Vereinbarung neu belebt werden.
Der Geist von Paris: In New York soll er heute mit der Unterzeichnung der COP21-Vereinbarung neu belebt werden.
REUTERS

Edenhofer führt aus: Von heute an dürften die Menschen noch etwa 700 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre blasen, wenn das Zwei-Grad-Ziel eingehalten werden soll. Laufende und weltweit geplante Kohlekraftwerke emittierten schon allein 400 Gigatonnen.

Die Dynamik des Kohleausbaus könne Fortschritte bei den Erneuerbaren Energien und bei der Energieeffizienz nicht ausgleichen. Und was „negative Emissionen“ in Zukunft bewirkten, also die Einlagerung oder Umwandlung von CO2, sei nicht absehbar.

Die Realität aber zeigt, dass viele Länder immer noch stark auf Kohle setzen, etwa China, Indien, die Türkei, Vietnam und Indonesien. Experten bezweifeln, dass sie und andere ihre Versprechen zur CO2-Reduktion erfüllen.

„Es gibt zwar Überprüfungsfristen, aber keine Sanktionsmechanismen“, mahnen Jörg Sommer, Vorsitzender der Deutschen Umweltstiftung, und Michael Müller, Bundesvorsitzender der Naturfreunde, die Herausgeber von „Unter 2 Grad?“. Die Erfahrung zeige, dass Selbstverpflichtungen oft nicht eingehalten und schöngerechnet würden. Viele Forscher gehen davon aus, dass eine Erwärmung um 1,5 bis 2 Grad für Mensch und Natur gerade noch erträglich ist.

„Wenn die Klimapolitik so bleibt wie bisher, ist 2030 die Tür zum Zwei-Grad-Ziel endgültig zugeschlagen.“

Was derzeit an Plänen auf dem Tisch liegt, reicht dafür nicht - es würde die Temperaturen um 2,8 Grad steigen lassen. Fest steht also, dass der gefeierte „Geist von Paris“ weiter entwickeln und schnell zu handfesten Taten führen muss, wenn die Menschheit die Klimakatastrophe verhindern will. In den Worten von Klimaforscher Edenhofer: „Wenn die Klimapolitik so bleibt wie bisher, ist 2030 die Tür zum Zwei-Grad-Ziel endgültig zugeschlagen.“

"Koalition des hohen Anspruchs"

In Brüssel haben derweil mehr als 70 Nichtregierungsorganisationen und Unternehmen haben die EU-Regierungen zu einer schnellen Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens aufgerufen. Nur so könne sichergestellt werden, dass die ehrgeizigen Ziele auch umgesetzt würden, erklärte die "Koalition des hohen Anspruchs".

Die Organisationen und Unternehmen fordern klare zeitliche Vorgaben und einen europäischen Politikrahmen für die Umsetzung des Pariser Abkommens. Europäische Führung bedeute, die Verpflichtungen auch in den eigenen Ländern zügig umzusetzen und mit gutem Beispiel voranzugehen. Die EU habe Paris zu einem Erfolg gemacht; nun aber aber beginne sie die Ergebnisse im "Schneckentempo" in die Tat umzusetzen.

Beispielhaft für dieses Verhalten war der jüngste EU-Gipfel. In den Schlussfolgerungen taucht die Klimapolitik zwar auf; vornehmlich wird darin jedoch auf die Wahrung der Versorgungssicherheit hingewiesen. Konkretere Zusagen wurden keine festgehalten - auch weil die Lastenverteilung der in Paris gemachten Zusagen unter den EU-Staaten zum Streitthema taugt. 

Treibende Kraft: Umweltministerin Carole Dieschbourg sorgte in Paris dafür, dass die EU mit einer Stimme sprach und sich ehrgeizige Klimaziele gab.
Treibende Kraft: Umweltministerin Carole Dieschbourg sorgte in Paris dafür, dass die EU mit einer Stimme sprach und sich ehrgeizige Klimaziele gab.
Lex Kleren



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