Keine Generation der Schlafwandler
Von Christine Longin aus Paris
Eine solche Debatte hatte das Europaparlament schon lange nicht mehr erlebt. Dreieinhalb Stunden lang diskutierte Emmanuel Macron mit den 751 Abgeordneten über alles, was die EU umtreibt: Von der Energiepolitik über die Gleichstellung von Mann und Frau bis zum EU-Beitritt der Westbalkan-Staaten. Der Auftritt des französischen Präsidenten war kein Ideenfeuerwerk wie vor gut einem halben Jahr seine Europa-Rede an der Sorbonne. Der Staatschef war vor allem nach Straßburg gekommen, um zu mahnen. „Eine Form von europäischem Bürgerkrieg zieht wieder auf, in dem nationale Egoismen uns stärker erscheinen als das, was uns mit dem Rest der Welt verbindet.“
Macron rechnete mit den EU-skeptischen Regierungen in Osteuropa ab, ohne sie beim Namen zu nennen. „Es ist nicht das Volk, das die europäische Idee aufgegeben hat. Der Verrat bedroht sie“, warnte er. Dem „Europa des Rückzugs“ stellte er ein „Europa der lebendigen Demokratie“ gegenüber. „Um das Europa der Völker wieder zu beleben, müssen wir aus den Quellen der Demokratie schöpfen.“ Dazu gehöre der von ihm geforderte Bürgerdialog über Europa. „Wir müssen aus den einfachen Alternativen des Ja oder Nein aussteigen“, begründete er seine Initiative.
„Frankreich ist zurück“
Eine zweite Überzeugung leitet den Staatschef, der mit seinem pro-europäischen Programm vor einem Jahr gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen gewonnen hatte: die europäische Souveränität. „Angesichts der großen Veränderungen brauchen wir eine stärkere Souveränität. Daran glaube ich“, sagte er unter dem Applaus der Abgeordneten. Das gelte vor allem in der Einwanderungspolitik. Hier schlägt der Staatschef eine direkte Hilfe für die Kommunen vor, die Flüchtlinge aufnehmen. Grundlage der Souveränität ist für den früheren Wirtschaftsminister das „Europa, das schützt.“ Beispielsweise vor Sozialdumping, gegen das Macron eine schnelle Reform der Entsenderichtlinie auf den Weg brachte. „Ich glaube an die Konvergenz, vor allem auf sozialer Ebene.“
Gleich mehrere Redner, die auf die 15-minütige Ansprache antworteten, begrüßten das europäische Engagement des Präsidenten. „Frankreich ist zurück“, sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Er warnte Macron allerdings davor, die von ihm angestrebte „Neugründung“ Europas allein mit Deutschland auszuhandeln. „Vergessen Sie nicht, dass Europa nicht nur deutsch-französisch ist.“ Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der konservativen europäischen Volkspartei (EVP), Manfred Weber. „Die deutsch-französische Achse ist wichtig, aber Europa ist viel mehr.“
Ein Hauch von Wahlkampf
Macron fliegt am Donnerstag nach Berlin, um mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel über die Reform der Euro-Zone zu reden, für die der Präsident ein eigenes Budget, einen Finanzminister und eine parlamentarische Kontrolle will. „Wir brauchen eine parlamentarische Vertretung in der Euro-Zone. Eine demokratische Kontrolle ist nötig“, erneuerte er seine Forderung, die aber wenig Aussicht auf Erfolg hat.
Denn die Union bremst seine Ideen aus und hält beispielsweise eine Diskussion über einen Eurozonen-Haushalt momentan für nicht sinnvoll. Nachdem die Abgeordneten Macron anfangs eher höflich applaudiert hatten, kam hingegen echte Begeisterung auf, als der Präsident auf Angriffe von Euroskeptikern vom rechten und linken Rand reagierte. In beiden Fällen sprachen französische Redner, sodass der Schlagabtausch einen Hauch von Wahlkampf bekam.
„Sie verteidigen ein Projekt das verloren hat, weil das französische Volk es so entschieden hat“, sagte der Präsident an die Adresse von Nicolas Bay, dem Fraktionsvorsitzenden der rechtspopulistischen Bündnisses Europa der Nationen. Macron hatte bei seinem Auftritt bereits die Europawahlen im nächsten Jahr im Kopf, bei denen die Euroskeptiker Zulauf bekommen könnten. „Bis zum Frühjahr 2019 müssen wir sichtbare Erfolge vorweisen“, forderte der 40-Jährige. Er wolle nicht zu einer „Generation von Schlafwandlern“ gehören. „Ich möchte einer Generation angehören, die standhaft entschieden hat, die Demokratie zu verteidigen.“