Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Karneval in Aalst: Antisemitische Karikaturen und Spottlieder
International 2 2 Min. 05.03.2019

Karneval in Aalst: Antisemitische Karikaturen und Spottlieder

Karneval in Aalst: Antisemitische Karikaturen und Spottlieder

Foto: Screenshot Youtube Stad Aalst
International 2 2 Min. 05.03.2019

Karneval in Aalst: Antisemitische Karikaturen und Spottlieder

Tom RUEDELL
Tom RUEDELL
Empörung beim Straßenkarneval in der flämischen Kleinstadt Aalst: Ein Motivwagen hatte auf Geldsorgen der Karnevalstruppe aufmerksam machen wollen - und bediente sich dabei beleidigender antijüdischer Stereotype.

Der Wirbel über die Zoten der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer über intersexuelle Menschen ist noch nicht verklungen, da kommt bereits der nächste Karnevals-Fauxpas, diesmal aus Luxemburgs westlichem Nachbarland: Bei einem Straßenkarnevalsumzug in der flämischen Kleinstadt Aalst fuhr ein Motivwagen mit, der stereotypisch extrem überzeichnete orthodoxe Juden zeigt - laut Auskunft der verantwortlichen Karnevalstruppe, um bekannt zu geben, dass sie im nächsten Jahr nicht am Zug teilnehmen, sondern Geld für einen besonders aufwendigen Beitrag im übernächsten Jahr sammeln werden. Der Beitrag trägt daher den doppeldeutigen Titel "Sabbatjahr".

Der "Stürmer" hätte es - bis auf die rosa Jackets - vor 80 Jahren nicht besser hinbekommen: Der Karnevalswagen von "De Vismooil'n" in Aalst.
Der "Stürmer" hätte es - bis auf die rosa Jackets - vor 80 Jahren nicht besser hinbekommen: Der Karnevalswagen von "De Vismooil'n" in Aalst.
Foto: Facebook-Seite "De Vismooil'n"

Die beiden Figuren tragen auf dem Kopf den Schtrejml, die traditionelle Kopfbedeckung orthodoxer Juden. Sie haben Schläfenlocken, Wulstlippen und Hakennasen, sind also genau so gefertigt, wie das berüchtigte NS-Hetzblatt "Stürmer" in seinen Karikaturen Juden darstellte. Auf der Schulter der einen Figur findet sich eine weiße Ratte, beide Figuren haben zu ihren Füßen Geldsäcke und Goldmünzen. Dem Wagen folgt ein zweiter, auf dem die Karnevalstruppe in ähnlicher Aufmachung tanzt und dabei offenbar ein Spottlied in verballhorntem Jiddisch und westflandrischem Dialekt singt. 

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Binyomin Jacobs, der niederländische Oberrabbiner, nannte den Beitrag "schockierend". Er enthalte "typische, antisemitische Karikaturen von 1939", sagte er der Nachrichtenagentur "Jewish Telegraphic Agency". Die Dachverbände der Juden in Belgien FJO und CCOJB beschwerten sich offiziell bei den für Rassismus zuständigen Behörden. Die Facebook-Seite der verantwortlichen Karnevalstruppe "De Vismooil'n" ist nicht mehr zu erreichen. Der Beitrag ist aber noch auf dem Youtube-Kanal der Stadt Aalst zu sehen. 


dpatopbilder - 28.02.2019, Baden-Württemberg, Staufen: Die Bundesvorsitzende der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer, steht vor dem Narrengericht und verzieht das Gesicht. Das Narrengericht in Stockach zitiert jedes Jahr politische Prominenz vor seine Schranken. Die Veranstaltung gilt als einer der Fastnachtshöhepunkte im Südwesten. Foto: Patrick Seeger/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Kramp-Karrenbauer spöttelt über Intersexuelle
Männer, Frauen – und divers. Manche Menschen lassen sich nicht einfach einem Geschlecht zuordnen. Die CDU-Chefin nimmt das zum Aufhänger für einen Fastnachtswitz über Männer und ihre Toilettengewohnheiten.

Nach Angaben der "Jüdischen Allgemeinen" ist es nicht der erste geschmacklose Vorfall im Aalster Karneval: 2013 sei ein Wagen im Umzug mitgefahren, der an einen Eisenbahnwaggon erinnerte, begleitet von Karnevalisten in SS-Uniformen.

EU-Kommission findet deutliche Worte

Die Europäische Kommission verurteilte den Vorfall am Dienstag scharf. Kommissionssprecher Mathildis Schinas sagte auf Nachfrage eines Journalisten: "Es sollte jedem einleuchten, dass es absolut undenkbar ist, dass solche Bilder heutzutage in Europa bei einer Parade zur Schau getragen werden, 74 Jahre nach der Schoah.

Dann zitierte er Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker: "Unsere Union wurde errichtet auf der Asche des Holocausts. Sich daran zu erinnern und Antisemitismus zu bekämpfen, ist unsere Pflicht der jüdischen Gemeinschaft gegenüber. Und es ist unabdingbar, dass wir unsere gemeinsamen europäischen Werte verteidigen."


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Hitlergruß auf dem Klassenfoto
An einer Highschool im US-Bundesstaat Wisconsin haben etliche Schüler für ein Klassenfoto mit erhobenem rechten Arm posiert. Die Schule distanziert sich. Kritik kommt unter anderem von der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.
Fast alle männlichen Schüler dieser amerikanischen Abschlussklasse 2019 amüsieren sich über den Hitlergruß. Außer Jordan Blue (hinten rechts).
Der Bildhauer der Erinnerung
Eine kleine Oase in einer turbulenten Stadt, ein Hinterhof eines Wohnhauses in der Rue Letellier in Paris. Dort arbeitet der Bildhauer Shelomo Selinger und lässt sich von seinen Steinen diktieren, was er zu tun hat.
in seinem Atelier in Paris / Foto: Francis VERQUIN