Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Kanada-Wahl: Kleine Ohrfeige für Justin Trudeau
International 3 Min. 22.10.2019

Kanada-Wahl: Kleine Ohrfeige für Justin Trudeau

Platz eins gehalten: Justin Trudeau und Ehefrau Sophie lassen sich von ihren Anhängern feiern.

Kanada-Wahl: Kleine Ohrfeige für Justin Trudeau

Platz eins gehalten: Justin Trudeau und Ehefrau Sophie lassen sich von ihren Anhängern feiern.
Foto: Cole Burston/Getty Images/AFP
International 3 Min. 22.10.2019

Kanada-Wahl: Kleine Ohrfeige für Justin Trudeau

Mit einem Erdrutschsieg wurde Justin Trudeau 2015 Premierminister in Kanada. Er wurde als „Sonnyboy“ und „Anti-Trump“ gefeiert. Vier Jahre, zahlreiche nicht eingelöste Wahlversprechen und Skandale später ist viel Lack ab. Trudeau bleibt – aber angeschlagen.

(dpa) - Der Wahlkampf war eng umfochten und unversöhnlich - und so endete auch der Wahlabend. „Wir sind mit einem klaren Mandat nach Ottawa geschickt worden“, sagt Justin Trudeau, Kanadas alter und neuer Premierminister, der mit seiner liberalen Partei wieder die meisten Sitze im Parlament errungen - aber die absolute Mehrheit verloren hat. 1.10 Uhr war es da in Montréal und längst nicht alle Wahlbezirke im zweitgrößten Flächenland der Erde waren ausgezählt.  

Traditionell spricht der Wahlsieger in Kanada als letzter und lässt allen anderen höflich den Vortritt, aber daran hielt sich diesmal niemand. Trudeaus „Führungskraft ist angeschlagen und seine Regierung wird bald vorbei sein“, sagt der konservative Herausforderer Andrew Scheer zur gleichen Zeit drei Provinzen weiter westlich in Saskatchewan. „Wir sind die Regierung in Lauerstellung.“

Der Wahlkampf hat die Menschen in Kanada auseinandergetrieben. Hatte Trudeau 2015 noch mit seinem Kantersieg die Landkarte liberal-rot gefärbt, ist dort jetzt viel Blau der Konservativen, Orange der Sozialdemokraten, Hellblau der Regionalpartei Bloc Québécois und sogar ein wenig mehr Grün zu sehen. „Unser Team wird für alle Kanadier kämpfen, egal wie ihr eure Stimmen abgegeben habt“, sagt Trudeau und versucht, die Menschen zu einigen. Vor allem aber wirkt er erleichtert, dass er es in dem harten Wahlkampf geschafft hat, an der Macht zu bleiben.


Die Reportage: Kanadas Ureinwohner erkennen ihre Macht als Wähler
Die Ureinwohner in Kanada waren stets zurückhaltend bei nationalen Wahlen. Doch mit Blick auf die Parlamentswahl am 21. Oktober wird eine deutlich gestiegene Wahlbeteiligung erwartet, was zu einem entscheidenden Faktor werden könnte.

Denn es ist ein großes „trotz“, das an diesem Tag über Kanada schwebt: Trudeaus Liberale gewinnen trotz Skandalen in den letzte Monaten, trotz einer durchwachsenen Bilanz nach vier Jahren mit einer absoluten Mehrheit im Rücken und trotz nicht erfüllter Versprechen. Das größte Glück in diesem Wahlkampf, dessen Ende hinter dem glanzvollen Sieg von 2015 zurückbleibt, war für Trudeau dabei sein Herausforderer.

Andrew Scheer war mit seiner aggressiven Anti-Trudeau-Strategie nur zum Teil erfolgreich.
Andrew Scheer war mit seiner aggressiven Anti-Trudeau-Strategie nur zum Teil erfolgreich.
Foto: AFP/Geoff Robins

Andrew Scheer, Chef der Konservativen, blieb über die ganze Länge des Wahlkampfes blass. Statt mit frischen Ideen zu überzeugen, verfolgte er eine aggressive Anti-Trudeau-Strategie, ging den Premier hart an und beschimpfte ihn sogar als „Betrüger“ - das verfing aber offensichtlich nicht bei genug Wählern.  

Doch es war nicht nur Scheers Schwäche, die den liberalen Sieg ebnete. Auch die Schützenhilfe eines prominenten Weggefährten sorgte für Aufsehen: Der frühere US-Präsident Barack Obama hatte Trudeau wenige Tage vor der Abstimmung öffentlich unterstützt. Bei Twitter schrieb er, die Welt brauche dessen „progressive Führung“. Meinungsforscher David Coletto hatte daraufhin von einem möglichen „Obama-Effekt“ gesprochen.

Vertrauen verspielt

Trotzdem hat Trudeau – auch wegen der Affäre um unterdrückte Korruptionsermittlungen gegen eine kanadische Firma und um alte Fotos, die ihn kostümiert mit einem als rassistisch wahrgenommenen dunkel geschminkten Gesicht zeigten - Vertrauen bei den Kanadiern verspielt. Das spiegelt auch der Verlust der absoluten Mehrheit im Parlament wider. Es ist zumindest eine kleine Ohrfeige für die Liberalen, die nun auf die Duldung kleinerer Parteien angewiesen sind.


(FILES) In this file photo taken on April 20, 2016 A woman waves a flag with a marijuana leef on it next to a group gathered to celebrate National Marijuana Day on Parliament Hill in Ottawa, Canada. - Nearly a century of marijuana prohibition came to an end Wednesday, October 17, 2018, as Canada became the first major Western nation to legalize and regulate its sale and recreational use. The change was praised by pot enthusiasts and investors in a budding industry that has seen pot stocks soar on the Toronto and New York stock exchanges, but sharply questioned by some health professionals and opposition politicians. (Photo by Chris Roussakis / AFP) / ALTERNATIVE CROP
Shit-Sturm
In Kanada ist die Legalisierung des Marihuana-Konsums in Kraft getreten – Kunden stehen Schlange vor „Pot-Laden“ in Neufundland.

Die Sozialdemokraten von Jagmeet Singh und die Grünen von Elizabeth May hatten bereits vor der Wahl gesagt, dass sie eine mögliche - aber für Kanada nicht ungewöhnliche - Minderheitsregierung dafür nutzen würden, die liberale Politik nach links zu drücken. Damit könnte Trudeau sich den Forderungen ausgesetzt sehen, das vor allem für kleinere Parteien nachteilige Wahlsystem zu ändern oder eine radikalere Klimapolitik zu fahren. Auch auf die erstarkte Regionalpartei Bloc Québécois könnte eine größere Rolle zukommen.

Bei den Kanadiern muss Trudeau in seiner zweiten Amtsperiode viel Vertrauen zurückgewinnen - denn immerhin rund drei Viertel der Wähler haben gegen ihn gestimmt. In seiner Siegesrede gestand er ein, Frust bei vielen Wählern gespürt zu haben. Aber er gab sich trotzdem weiter optimistisch: „Heute haben wir entschieden, Kanada weiter nach vorne zu bringen.“


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Kanadas schwere Wahl
Vor vier Jahren versprach Justin Trudeau „sonnige Wege“ - nun ist die Liebe zwischen dem einst gefeierten Premier und den Kanadiern nach Skandalen erloschen.
Leader of the Liberal Party of Canada, Prime Minister, Justin Trudeau, speaks to supporters during a "Team Trudeau 2019" Rally at the Woodward�s Atrium in Vancouver B.C. on October 20, 2019. (Photo by Don MacKinnon / AFP)
Wahlen in Kanada: Justin Trudeau wackelt
Der kanadische Premierminister Justin Trudeau wird bis zum letzten Tag kämpfen müssen: Vor der Wahl am 21. Oktober liegt seine Liberale Partei in Umfragen Kopf-an-Kopf mit den Konservativen von Andrew Scheer.
Justin Trudeau: Der Lack des Sonnyboy ist ab.
Rassismus-Vorwürfe gegen Justin Trudeau
Der kanadische Premierminister malte sich vor 20 Jahren bei einem Kostümball das Gesicht schwarz an. Nun sind Fotos des Abends aufgetaucht. Trudeau entschuldigt sich für das Make-up: "Ich hätte das nicht tun sollen."
(FILES) In this file photo taken on August 26, 2019 Canada's Prime Minister Justin Trudeau addresses media representatives at a press conference in Biarritz, south-west France, on the third day of the annual G7 Summit. - Canada's Prime Minister Justin Trudeau, a fervent advocate of the multiculturalism integral to Canadian identity, wore brownface makeup to a party at a school where he taught 18 years ago, Time magazine reported on September 18, 2019. (Photo by Ludovic MARIN / AFP)
150 Jahre Kanada: Globale Perspektiven zum Geburtstag
Trump, Brexit, ein mit sich selbst beschäftigtes Europa - all das schafft ein Vakuum und Kanada bietet sich an, es zu füllen. Zum 150. Jahrestag seiner Gründung probiert sich das zweitgrößte Land der Erde an einer stärkeren Weltposition
Premierminister Justin Trudeau will dass sein Land künftig eine aktivere Rolle auf dem globalen Parkett spielt.
Justin Trudeau: Rückkehr zu den Ursprüngen
Wenn Justin Trudeau in einigen Wochen in Ottawa in „24 Sussex Drive“, die Residenz des Premierministers, einziehen wird, ist es eine Rückkehr zu den Ursprüngen. Schon als Kind lebte er in dem Haus.
Justin Trudeau hatte erst nach längerem Zögern kandidiert.
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.