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Junckers Abschied von Helmut Kohl : "Ich bin der Einzige, der ihn weinen sah"
Jean-Claude Juncker hält seine Ansprache vor Helmut Kohls Sarg, über den die Europafahne gebreitet ist.

Junckers Abschied von Helmut Kohl : "Ich bin der Einzige, der ihn weinen sah"

Foto: AFP
Jean-Claude Juncker hält seine Ansprache vor Helmut Kohls Sarg, über den die Europafahne gebreitet ist.
International 3 Min. 01.07.2017

Junckers Abschied von Helmut Kohl : "Ich bin der Einzige, der ihn weinen sah"

Volker BINGENHEIMER
Volker BINGENHEIMER
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl als einen Giganten der Nachkriegszeit gewürdigt.

(dpa) - EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl als einen Giganten der Nachkriegszeit gewürdigt. Er sei ein deutscher, aber auch ein europäischer Patriot gewesen, sagte Juncker am Samstag beim Trauerakt für Kohl im EU-Parlament in Straßburg.

Im Folgenden die Rede des Kommissionspräsidenten in Auszügen:

„Mit Helmut Kohl verlässt uns ein Nachkriegsgigant. Schon zu Lebzeiten hielt er Einzug in die Geschichtsbücher – und in diesen Geschichtsbüchern wird er für immer stehen. ...

Helmut Kohl war ein deutscher Patriot. Aber auch ein europäischer Patriot. Er war jemand, der Dinge und Menschen zusammenführte und zusammenbrachte. Ein deutscher und europäischer Patriot ja, weil es für ihn keinen Widerspruch gab zwischen dem, was Deutsch ist, und dem Europäischen, das sein muss. ...

Helmut Kohl hat in vielen geduldigen Einzelgesprächen für die deutsche Wiedervereinigung geworben. Er konnte dies erfolgreich tun, weil seine über Jahre gewachsene Reputation es ihm erlaubte, glaubwürdig zu versichern, dass er ein europäisches Deutschland anstrebe und nicht ein deutsches Europa. ... Er hat den Mantel Gottes, der für einen kurzen Augenblick durch die Geschichte wehte, zu greifen verstanden. ... Andere wären an dieser Epoche gestaltenden Aufgabe gescheitert. Man spürte, dieser Mann verfügt über perspektivische Kraft.

Helmut Kohl, das Deutsche im Blick, das Europäische weiterdenkend, hat seinen Blick immer auch nach Ost- und Mitteleuropa gerichtet. Nicht nur nach Polen, aber in besonderem Maße nach Polen. Er war für die Verbrechen der Nazis in Polen nicht verantwortlich. Aber er war sich der historischen Verantwortung, die auf Deutschland lastete, sehr bewusst. Genauso wie Willy Brandt, dem er an dessen Lebensende sehr nahe kommt. Helmut Kohl und Willy Brandt: Zwei große Männer unserer Zeit. ...

Ich bin wahrscheinlich, Maike, meine Freunde, der Einzige in diesem Saal, der Helmut Kohl während einer Sitzung hat weinen sehen. Das war am 13. Dezember 1997. An dem Tag beschloss der Europäische Rat unter meinem Vorsitz in Luxemburg die Erweiterung der Europäischen Union nach Mittel- und Osteuropa sowie nach Zypern und Malta. ... Er bat um das Wort während des Mittagessens und sagte mit tränenerstickter Stimme, dass dieser Tag des Auftaktes der Beitrittsverhandlungen zu den schönsten Momenten seines Lebens gehörte. Dass er als deutscher Bundeskanzler diesen historischen Augenblick des zusammenwachsenden Europas erleben dürfe, erfüllte ihn im Innersten mit großer Bewegung – nach all dem, so sagte er, Unheil, das Deutschland über Europa gebracht hatte. Und dann wurde er still, in sich ruhend, und hat lange Minuten geweint. Er war nicht der Einzige. Niemand hat sich seiner Tränen geschämt. Europe at its best!

Auch in Sachen Euro war er – gemeinsam mit meinem Freund Theo Waigel – die treibende und die tragende Kraft. ... Ohne Helmut Kohl gäbe es den Euro nicht. Die Währungsunion hat in seinen Augen die europäische Einigung irreversibel gemacht. Für ihn war der Euro stets europäische Friedenspolitik mit anderen Mitteln. ...

Schließlich stand Helmut Kohl für die französisch-deutsche Aussöhnung, der mit Inbrunst das Werk de Gaulles und Adenauers weiterführte. ... Die Geschichte wird ein Bild bewahren, das alles sagt über Kohl und die enge Beziehung, die er mit Frankreich pflegte. Als Helmut Kohl und Franςois Mitterrand sich in Verdun an den Händen fassten, da haben sie für alle Zeit die Bruderschaft zwischen Frankreich und Deutschland besiegelt. ...

Lieber Helmut,

du bist, so denke ich, jetzt im Himmel. Wir hätten dich lieber hier. Versprich mir, dass Du im Himmel nicht sofort einen neuen CDU-Ortsverein gründest. Du hast genug getan für Deine Partei, für Dein Land, für unser gemeinsames Europa. Vielen Dank Helmut. Merci, obrigado, спасибо, dank u wel, dziękuję, mille grazie, muchas gracias, thank you.

Ruhe in Frieden, Herr Bundeskanzler und lieber Freund. Du hast nach einem reich gefüllten Leben Ruhe verdient. Ewige Ruhe“


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