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Journalistin stört Nachrichtensendung: „Stoppt den Krieg“
International 1 2 Min. 14.03.2022 Aus unserem online-Archiv
Moskau

Journalistin stört Nachrichtensendung: „Stoppt den Krieg“

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Journalistin stört Nachrichtensendung: „Stoppt den Krieg“

Foto: Screenshot
International 1 2 Min. 14.03.2022 Aus unserem online-Archiv
Moskau

Journalistin stört Nachrichtensendung: „Stoppt den Krieg“

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
Ein mutiger Akt gegen die Kreml-Propaganda: Marina Owsyannikowa stürmt die Nachrichten ihres eigenen Senders mit einem Schild, auf dem „No War“ steht. Das ist streng verboten.

Eine Mitarbeiterin des russischen Staatsfernsehens Perwy kanal („Der erste Kanal“, in der englischen Selbstbezeichnung auch „Channel One Russia“) hat die Nachrichtensendung „Vremya“ („Zeit“) ihres eigenen Senders unterbrochen, um eine politische Botschaft an die Zuschauer zu senden. Marina Owsyannikowa, die als Lokalredakteurin für Perwy kanal arbeitet, lief am Montagabend hinter der Sprecherin ins Bild und hielt ein Plakat hoch, auf dem auf Englisch „Stop the War“ und auf Russisch „Glauben Sie nicht der Propaganda! Sie werden belogen“ zu lesen stand. Dann wieder auf Englisch: „Russians against the War“. 

Die Aufzeichnung der nur wenige Sekunden andauernden Szene verbreitete sich schnell in den sozialen Medien. Russischen Medienberichten zufolge wurde Owsyannikowa kurz darauf festgenommen und zu einer Moskauer Polizeistation gebracht. 

Vor ihrer Aktion nahm sie offenbar eine Videobotschaft auf. „Was im Moment in der Ukraine passiert, ist ein Verbrechen“, sagt sie. „Russland ist der Aggressor.“ Dann entschuldigt sie sich dafür, dass sie durch ihre Arbeit für Perwy kanal jahrelang geholfen habe, Putins Propaganda zu verbreiten. Sie endet mit einem Aufruf zu Protesten: „Wir haben es in der Hand, diesen Wahnsinn zu stoppen. Geht protestieren. Habt keine Angst. Sie können uns nicht alle ins Gefängnis stecken.“

Ihr droht jahrelange Haft

Zwar berichtet die Nachrichtenagentur Tass, gegen Owsyannikowa  werde nur wegen einer Ordnungswidrigkeit ermittelt, was lediglich einige Tage Arrest bedeuten würde. Mit ihrer Plakataktion und der Videobotschaft dürfte ihr nach dem neuen Gesetz zur „Falschinformation über die Armee“ aber deutlich Schlimmeres blühen - schon für die Verwendung des Wortes „Krieg“ im Zusammenhang mit der aktuellen Lage in der Ukraine drohen drakonische Strafen, die Rede ist von bis zu 15 Jahren Haft. Anwalt Pavel Chikow schrieb nach der Aktion auf Twitter, Owsyannikowa werde tatsächlich ein Verstoß gegen den neu eingeführten Artikel 20.3.3 vorgeworfen. 


Jewgeni Plotnikow, Dimitri Astachow und Jewgeni Spiridonov vor einer Studiowand der ukrainischen Nachrichtenagentur Unian.
Die Scham des Oberkommissars Astachow
Ein Video dreier russischer Kriegsgefangener sorgt im Internet für Aufsehen. Sie bitten die Menschen in der Ukraine um Verzeihung.

Andere russische Medien berichteten über den Vorfall, müssen sich dabei aber ebenfalls an die strengen Zensurgesetze halten. Die „Novaya Gazeta“, deren Chefredakteur Dmitri Muratow den Friedensnobelpreis 2021 erhalten hatte, schrieb beispielsweise: „Hinter dem Rücken der Nachrichtensprecherin Jekaterina Andrejewa erschien eine Frau mit einem Plakat, dessen Inhalt wir aus rechtlichen Gründen nicht zeigen dürfen.“ Auf dem dazugehörigen Foto ist lediglich der Satz „Glauben Sie nicht der Propaganda“ lesbar geblieben. Andere Medien pixelten das Plakat ganz weg. 

Ein Foto der Aktion mit zensiertem Plakat. Der Satz „Glauben Sie nicht der Propaganda“ ist in seiner Zweideutigkeit offenbar erlaubt.
Ein Foto der Aktion mit zensiertem Plakat. Der Satz „Glauben Sie nicht der Propaganda“ ist in seiner Zweideutigkeit offenbar erlaubt.
Foto: Screenshot Novaya Gazeta

Auf Owsyannikowas Facebook-Seite sammelten sich innerhalb kurzer Zeit Hunderte Solidaritätsnachrichten. 

„Perwy kanal“ ist eines der wichtigsten Propagandaorgane des Kreml. Die russische Regierung ist mit 51 Prozent Mehrheitseigner. Der 1994 gegründete Sender ist der offizielle Nachfolger des „Ersten Programms“ aus Sowjetzeiten. Er hat gigantische Reichweiten und konnte seine Marktführerposition aus der Zeit der Sowjetunion trotz wachsender Konkurrenz halten. 

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