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Jemen: Warum der Schlüssel zum Frieden in Teheran liegt
International 4 Min. 09.03.2021 Aus unserem online-Archiv

Jemen: Warum der Schlüssel zum Frieden in Teheran liegt

Im Jemen kämpft ein von Saudi-Arabien geführtes Militärbündnis an der Seite der Regierung gegen die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen.

Jemen: Warum der Schlüssel zum Frieden in Teheran liegt

Im Jemen kämpft ein von Saudi-Arabien geführtes Militärbündnis an der Seite der Regierung gegen die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen.
Foto: AFP
International 4 Min. 09.03.2021 Aus unserem online-Archiv

Jemen: Warum der Schlüssel zum Frieden in Teheran liegt

Trotz des Kurswechsels von US-Präsident Joe Biden ist ein Ende des Jemenkrieges nicht in Sicht. Sieben Fragen, sieben Antworten.

Von Michael Wrase (Limassol)

Eine Großoffensive der pro-iranischen Huthis könnte eine riesige Flüchtlingswelle im Jemen auslösen und die humanitäre Katastrophe in dem bitterarmen Land weiter verschärfen.

Am 4.Februar hatte US-Präsident Joe Biden in einer außenpolitischen Rede erklärt, dass „dieser Krieg (im Jemen) aufhören muss“. Gleichzeitig kündigte er an, die militärischen Operationen der Saudis im Jemen nicht länger zu unterstützen – und strich die Huthis von der Liste ausländischer Terrororganisationen. Wie reagierte die pro-iranische Schiitenorganisation auf den Kurswechsel der USA?

Mit Krieg. Vor möglichen Friedens – oder Waffenstillstandsverhandlungen wollen die Huthis ihre militärische Position weiter verbessern. Ihr Ziel ist die Eroberung der Provinz Marib im Osten des Landes. Die gleichnamige, offenbar schon umzingelte Hauptstadt der ölreichen Region gilt als die letzte Bastion der schwachen, aber internationalen anerkannten Regierung des Jemens unter Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi. Diese wird sowohl politisch als auch militärisch von Saudi-Arabien gestützt.

Welche Folgen hätte die Eroberung von Marib durch die Huthis?

Vermutlich das Ende der Hadi-Regierung. Für Saudi-Arabien und seinen de facto-Herrscher Mohammed bin Salman, kurz MBS, wäre der Fall von Marib eine Katastrophe. Der saudische Kronprinz hatte im März 2015 mit einer gewaltigen Militärintervention auf den Vormarsch der Huthis, die aus der Perspektive Riads „einen iranischen Brückenkopf“ im Jemen errichten würden, reagiert. „In wenigen Wochen“, hieß es damals in Riad, werde Präsident Hadi zurück an der Macht in Sana sein.

Saudi-Arabien befindet sich in einer Position der Schwäche, kann den Krieg aber nicht gesichtswahrend beenden, weil dies eine schwere Niederlage für MBS bedeuten würde.

Sechs Jahre später haben die pro-iranischen Huthis ihre Macht konsolidiert. Saudi-Arabien befindet sich in einer Position der Schwäche, kann den Krieg aber nicht gesichtswahrend beenden, weil dies eine schwere Niederlage für MBS bedeuten würde. Um den Fall von Marib zu verhindern, hat Riad seine Luftangriffe auf Ziele der Huthis massiv verschärft. Diese reagierten am Sonntag mit Drohnen und - Raketenangriffen auf Ölanlangen im Osten von Saudi-Arabien. Zuvor waren Huthi-Raketen auch in der Region von Dschidda eingeschlagen.

Um eine Verschärfung der humanitären Katastrophe im Jemen zu verhindern, haben die Vereinten Nationen und die USA die Huthis aufgefordert, ihre Offensive in der Provinz Marib zu stoppen. Warum gerade dort?

In Marib leben bis zu zwei Millionen jemenitische Binnenflüchtlinge, also Vertriebene aus anderen Landesteilen. Marib, wo sich große Flüchtlingslager befinden, war für sie der letzte Rettungsanker. Eine erneute Flucht würden diese Menschen womöglich nicht überleben.

24 der 30 Millionen Jemeniten sind auf internationale Hilfe angewiesen. Vor allem Kinder leiden unter dem beständigen Nahrungsmangel.
24 der 30 Millionen Jemeniten sind auf internationale Hilfe angewiesen. Vor allem Kinder leiden unter dem beständigen Nahrungsmangel.
Foto: AFP

Auch in anderen Landesteilen ist das Leid riesengroß. Der Konflikt hat nach Einschätzung von Amnesty International die schwerste humanitäre Katastrophe seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ausgelöst. Ist die Lage wirklich so dramatisch?

Zweifellos. 24 der 30 Millionen Einwohner sind auf internationale Hilfe angewiesen. Viele von ihnen, vor allem die Kinder, sind akut von Hunger bedroht. Die meist völlig entkräfteten Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Gesundheitsversorgung ist völlig unzureichend, eine wirksame Bekämpfung der im Land grassierenden Seuchen Cholera und Malaria daher kaum möglich. Auch dem Corona-Virus sind die Jemeniten meist schutzlos ausgeliefert. Da kaum getestet wird, ist die Zahl der Covid-Toten, vermutlich einige Tausend, nicht bekannt. Wegen der anhaltenden Kampfhandlungen und der von Riad verhängten Seeblockade erreicht die Nothilfe das Land nur unregelmäßig.


Opposers of Yemen's Huthi rebels shout slogans during a rally in support of the United States and the outgoing Trump administration's decision to apply the "terrorist" designation to the Iran-backed movement, in Yemen's third city of Taez on January 27, 2021. (Photo by AHMAD AL-BASHA / AFP)
Wie die USA den Jemen-Krieg beenden wollen
Die USA stoppen ihre Waffenlieferungen an Saudi-Arabien und die Emirate. Erklärtes Ziel ist das Ende des Jemen-Krieges.

Trotz dieser dramatischen Lage ist die Bereitschaft der internationalen Staatengemeinschaft, dem Jemen zu helfen, gering. Warum?

Bei der letzten UNO-Geberkonferenz für Jemen in Genf Ende Februar wurden mit 1,7 Milliarden Dollar weniger als die Hälfte der benötigten Hilfsgelder zugesagt. Deutschland kündigte 240 Millionen Dollar Hilfe an, die Schweiz lediglich 14 Millionen Franken. Als Grund für die Spendenmüdigkeit wird die Bewältigung der Corona-Krise im Westen genannt. Hinzu kommt, dass der mörderische Konflikt im Jemen eher wenig Schlagzeilen macht und keine Flüchtlinge aus dem arabischen Bürgerkriegsland nach Europa kommen. Das kriegführende Saudi-Arabien hat seine Grenzen zum Jemen für Zivilisten hermetisch abgeriegelt.

Was kann die internationale Staatengemeinschaft noch tun, um ein Ende der Kämpfe sowie einen Frieden im Jemen zu erreichen?

Das gegen Saudi-Arabien verhängte Waffenembargo der USA sowie der politische Druck auf den Kronprinzen war zweifellos ein richtiger Schritt. Gegen die Huthis hat Washington allerdings keine Druckmittel, was sich gegenwärtig in der Provinz Marib zeigt. Die Huthis werden sich vermutlich erst dann bewegen, wenn entsprechende Signale aus Teheran kämen. Dort läge der Schlüssel für einen Frieden im Jemen, glaubt nicht nur die für das „Sana-Center for Strategic Studies“ arbeitende jemenitische Islamwissenschaftlerin Maysaa Shuja al-Din.


EDITORS NOTE: Graphic content / Al-Anoud Hussain Sheryan, a 19-year-old girl disfigured in an acid attack by her abusive husband, sits at a hospital where she is undergoing treatment in Yemen's capital Sanaa on January 28, 2021. - Married at the age of 12, rejected at 16, and then disfigured in an acid attack, Sheryan's fate is a shocking illustration of abuse in a society beset by war and poverty. Now aged 19, the young Yemeni woman agreed to relate her ordeal at the hands of her abusive husband -- rare testimony in a country where domestic violence is largely hidden. (Photo by Mohammed HUWAIS / AFP)
Leitartikel: Der Krieg ohne Ende
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 „Umsonst“ wird sich das iranische Regime im Jemen-Konflikt nicht bewegen. Welche Gegenleistungen erwartet Teheran?

Letztendlich die Aufhebung der Sanktionen, die im Atomstreit mit Iran verhängt wurden. Teheran sieht Washington in der Pflicht, da Trump es war, der den Atomvertrag mit Iran gekündigt hatte. Zu den Druckmitteln der Iraner gegenüber den USA und der internationalen Staatengemeinschaft gehört nicht nur die Drohung einer fortgesetzten Uranreicherung. Auch die Aktivitäten der Verbündeten im Libanon, Syrien, Irak und Jemen, wo sich die Huthis in der Offensive befinden, werden bei Verhandlungen als Druckmittel in die Waagschale geworfen.

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