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Jean-Claude Juncker über Norbert Blüm: "Ich verliere einen guten Freund"
International 3 Min. 24.04.2020 Aus unserem online-Archiv

Jean-Claude Juncker über Norbert Blüm: "Ich verliere einen guten Freund"

Norbert Blüm nimmt Jean-Claude Juncker bei der Journée sociale 2011 in Luxemburg in die Arme.

Jean-Claude Juncker über Norbert Blüm: "Ich verliere einen guten Freund"

Norbert Blüm nimmt Jean-Claude Juncker bei der Journée sociale 2011 in Luxemburg in die Arme.
Foto: Marc Wilwert
International 3 Min. 24.04.2020 Aus unserem online-Archiv

Jean-Claude Juncker über Norbert Blüm: "Ich verliere einen guten Freund"

Michael MERTEN
Michael MERTEN
Der Tod des früheren deutschen Arbeitsministers Norbert Blüm (CDU) hat dessen Weggefährten Jean-Claude Juncker sehr getroffen. Der CSV-Politiker über die Höhepunkte einer Freundschaft.

Jean-Claude Juncker, der frühere deutsche Arbeitsminister Norbert Blüm ist tot. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie davon erfahren haben?

Das hat mich sehr betroffen gemacht. Ich habe mich dankbar daran erinnert, dass ich vor Wochenfrist, nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus, noch ein halbstündiges Telefonat mit ihm geführt habe. Wir haben ernsthaft über europäische Dinge geredet. Er hat wie immer geschäkert und Humor versprüht - nicht so, wie ein Sterbender dies täte, sondern wie jemand, der noch viel vorhat. Wohlwissend, dass er sich bedingt durch seine Lähmung sehr zurücknehmen müsste, was ihm hörbar schwergefallen ist. Denn er ist ja immer ein Stehaufmännchen gewesen - und die Tatsache, dass er den Monaten und Jahren, wie er dachte, gelähmt entgegensehen müsste, hat ihn doch sehr betrübt.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Norbert Blüm?

Wir haben so viel erlebt, auch im Privaten. Ich verliere einen guten Freund. Wir haben uns immer gut verstanden, weil wir ein christlich-soziales Verständnis der Demokratie unser eigen nannten. Ich komme mir heute ein bisschen einsamer vor. Ich war 17 Jahre Arbeitsminister, er war es 16 Jahre lang zur selben Zeit. Wir haben also in Europa viel zusammen erlebt. Es findet heute kaum Beachtung, dass er am Ursprung der gesamten Gesetzgebung zur europaweiten Frage der Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz stand. Dagegen gab es viele Widerstände, weil um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gefürchtet wurde.


ARCHIV - 17.04.2019, Nordrhein-Westfalen, Bonn: Norbert Blüm (CDU), ehemaliger Arbeits- und Sozialminister, steht in seinem Arbeitszimmer.  Der ehemalige Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm ist tot. Er sei im Alter von 84 Jahren gestorben, sagte sein Sohn am Freitag der Deutschen Presse-Agentur in Bonn. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Früherer deutscher Arbeitsminister Norbert Blüm gestorben
Der CDU-Politiker starb im Alter von 84 Jahren, wie am Freitag bekannt wurde.

Sie waren ein enger Freund von Blüm, aber auch von Helmut Kohl. Im Zuge der CDU-Spendenaffäre hatte sich Blüm von Kohl distanziert. Daraufhin hat Kohl den Kontakt zu ihm abgebrochen. Darunter hat er sehr gelitten, wie er mehrfach sagte.

Er hat darunter gelitten. Ich auch - ich war ja bis zum letzten Tag mit Helmut Kohl wie auch mit Blüm wie auch mit Heiner Geißler sehr befreundet. Der stand ja in der selben Verdachtsrubrik, die von Kohl sehr minutiös geführt wurde. Ich habe immer wieder versucht, dieses Verhältnis zu arrangieren, die beiden wieder näher zu bringen. Das war aber nicht möglich und deshalb möchte ich über die Bemühungen, die ich da unternommen habe, nicht sprechen.

20. August 2008: Der ehemalige deutsche Arbeitsminister Norbert Blüm zu Besuch bei Jean-Claude Juncker.
20. August 2008: Der ehemalige deutsche Arbeitsminister Norbert Blüm zu Besuch bei Jean-Claude Juncker.
Foto: Serge Waldbillig

Blüm war ja zunächst Werkzeugmacher bei Opel, sein Abitur hat er auf dem zweiten Bildungsweg gemacht. Heute sind nahezu alle Spitzenpolitiker Akademiker. Fehlen solche Typen wie er heute?

Was mich und Blüm sehr früh zusammenbrachte, war die Tatsache, dass wir beide Gewerkschaftsmitglieder waren. Er in der IG Metall, ich im Christlichen Gewerkschaftsbund, in dem ich durch meinen Vater Mitglied wurde, bevor ich der CSV beigetreten bin. Ich habe an Blüm immer bewundert, dass er seine Lehre bei Opel gemacht hat, dann den zweiten Bildungsweg geschafft hat und ein Studium der Philosophie absolviert hat. Das hat es ihm erlaubt, immer sehr nahe an den Menschen, vor allem an den schaffenden Menschen zu bleiben.


President of the EU Commission Jean-Claude Juncker listens during a news conference in Tallinn, Estonia, June 30, 2017. REUTERS/Ints Kalnins
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Man hat ihm nie erklären müssen, wie die Lebensverhältnisse eines Arbeiters sind. Er hat das selbst erlebt. Insofern war er ein authentischer christlich-sozialer Politiker, der auch in seiner Partei nicht immer einen leichten Stand hatte, der aber nie bereit war, Kompromisse zu machen, wo es um das Wesentliche ging. Das Wohl der arbeitenden Menschen war ihm ein lebenslanges Anliegen.

Mit einem allzu neoliberalen Kurs seiner Partei hat er immer gehadert. Was ist das Vermächtnis von Norbert Blüm - für die Gesellschaft, aber auch für CDU und CSV?

In der CSV war der reflektierende Arbeitnehmerflügel immer stärker, als die Sozialausschüsse in der CDU es waren. Blüm hat zu den deutschen Politikern gehört, die in den Reihen der CSV sehr beliebt waren. In der CDU hat er für eine ausbalancierte Atmosphäre zwischen Kapital und Arbeit gesorgt. Er war wie ich Anhänger der katholischen Soziallehre und hat deshalb immer dem Miteinander von Kapital und Arbeit das Wort geredet. Und er hat die christliche Demokratie in Europa positiv beeinflusst. Ich habe an ihm seine Empathie, seine gelebte, spontane, aber auch überlegte Nächstenliebe bewundert. Wir werden ihn sehr vermissen.

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