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Islamisten nehmen Kundus ein
International 2 Min. 08.08.2021
Taliban-Vormarsch

Islamisten nehmen Kundus ein

Zahlreiche Menschen sind derzeit in dem Land auf der Flucht.
Taliban-Vormarsch

Islamisten nehmen Kundus ein

Zahlreiche Menschen sind derzeit in dem Land auf der Flucht.
Foto: AFP
International 2 Min. 08.08.2021
Taliban-Vormarsch

Islamisten nehmen Kundus ein

Die 370.000-Einwohner-Stadt ist unter der Kontrolle der Taliban. Rücken die Islamisten nun auf die Hauptstadt Kabul vor?

(dpa) - Schekib Salarsai braucht nicht viele Worte, um zu beschreiben, wie es in seiner Heimatstadt Kundus nun aussieht. „Totales Chaos“, berichtet Salarski, einer von 370.000 Menschen, die in der Großstadt in Afghanistans Norden zuhause sind, am Telefon. „Die Leute von der Regierung sind geflohen. Die Taliban haben Häftlinge aus dem Gefängnis entlassen. Wir haben weder Wasser noch Strom. Die Straßen sind gesperrt. Keiner kann die Verletzten in die Krankenhäuser bringen.“ In verschiedenen Teilen brennt die Stadt.

Nach zwei Tagen heftiger Kämpfe haben die militant-islamistischen Taliban die Provinzhauptstadt am Sonntag erobert - einer ihrer wichtigsten Erfolge, seit die internationalen Truppen mit ihrem Abzug begonnen haben. Die Islamisten hätten die wichtigsten Regierungseinrichtungen der Stadt übernommen, bestätigten drei Provinzräte der Deutschen Presse-Agentur. Der Name Kundus sagt auch in Deutschland vielen etwas - hier in der Nähe betrieb die Bundeswehr jahrelang ein Feldlager.

In genau diese Militärbasis in der Nähe des Flughafens, die jetzt das 217. afghanische Armeekorps beherbergt, hätten sich nun Sicherheitskräfte und Regierungsvertreter zurückgezogen, sagt Provinzrat Amruddin Wali. Die Regierung halte nur noch ein Gebiet rund um den Flughafen und diese Basis. Im „Camp Pamir“ waren vergangenes Jahr noch etwa 100 deutsche Soldaten stationiert, um afghanische Sicherheitskräfte auszubilden. Am Sonntagnachmittag (Ortszeit) dauerten Gefechte in dem Gebiet rund um den Flughafen an.

Schwerer Verlust


This photograph taken on July 14, 2021 shows Salima Mazari (2nd L), a female district governor in male-dominated Afghanistan, looking on from a hill while accompanied by security personnel near the frontlines against the Taliban at Charkint district in Balkh province. - Mazari, a female district governor in male-dominated Afghanistan, is on a mission -- recruiting menfolk to fight the Taliban. (Photo by FARSHAD USYAN / AFP) / TO GO WITH AFP STORY AFGHANISTAN-CONFLICT-GOVERNOR,FOCUS BY FARSHAD USYAN
Taliban setzen Siegeszug fort
Seit dem Beginn des Abzugs der US- und Nato-Truppen Anfang Mai haben die Taliban massive Gebietsgewinne verzeichnet.

Der Verlust von Kundus wiegt für Afghanistans Regierung schwer. Die Stadt ist ein wichtiges Handelszentrum nahe der Grenze zum Nachbarland Tadschikistan. Die Taliban hatten sie bereits 2015 und 2016 kurzzeitig eingenommen. Beide Male wurden die Islamisten mit US-Luftangriffen zurückgedrängt. Auch aktuell fliegen die USA Luftschläge - noch. Die US-Truppen sind praktisch schon abgezogen. Die Flieger steigen außerhalb Afghanistans auf. „Das heißt: Es gibt nicht mehr genügend Mittel, um jede angegriffene Stadt des Landes zu verteidigen“, schrieb die „New York Times“.

In weniger als drei Wochen endet die US-Militärmission offiziell. Bisher gab es noch kein Zugeständnis der USA, die afghanischen Sicherheitskräfte auch danach gegen die Taliban zu unterstützen. Am Sonntag war unklar, ob Regierungskräfte in einer großen Aktion die Rückeroberung von Kundus versuchen.

Nicht die erste Stadt ...

Am Freitag war schon Sarandsch in Nimrus an der iranischen Grenze gefallen - praktisch kampflos. Am Samstag folgte Schiberghan in Dschausdschan im Norden, Machtsitz des ehemaligen Kriegsfürsten und Ex-Vizepräsidenten Abdul Raschid Dostum. Fast zeitgleich mit Kundus nahmen die Islamisten Sar-i Pul ein, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Norden.

Der Verlust solcher kleinerer Provinzhauptstädte sei „für die Regierung ein enormer Prestigeverlust, aber noch zu verschmerzen“, meint der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network. Der Fall von Kundus hingegen „wiegt schwerer“. Er könnte den Weg in die Hauptstadt öffnen, nach Kabul.

Die USA hatten die „neue gewaltsame Offensive der Taliban gegen afghanische Städte“ schon am Samstag verurteilt. 


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