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Iran: Der Islam gerät in den Hintergrund
International 3 Min. 18.04.2020

Iran: Der Islam gerät in den Hintergrund

Im Gottesstaat Iran spielt der Islam wegen der Corona-Krise zurzeit nur noch eine untergeordnete Rolle.

Iran: Der Islam gerät in den Hintergrund

Im Gottesstaat Iran spielt der Islam wegen der Corona-Krise zurzeit nur noch eine untergeordnete Rolle.
Foto: AFP
International 3 Min. 18.04.2020

Iran: Der Islam gerät in den Hintergrund

Wenn im Iran auf einmal Wissenschaftler mehr zu sagen haben als Kleriker, dann läuft etwas falsch im Gottesstaat. Schuld daran ist die Corona-Krise.

(dpa) - Die Corona-Pandemie hat seit Ende Februar vieles im Iran auf den Kopf gestellt. Wegen der Kontaktbeschränkungen konnten die Perser nicht einmal am 20. März ihr Neujahr richtig feiern. Selbst an Beerdigungen und Trauerzeremonien darf nur noch der engste Familienkreis teilnehmen. 

Drei Iraner stehen an einem Grab auf dem Fascham Friedhof im gleichnamigen Vorort von Teheran. Wegen der Corona-Krise dürfen Bestattungen nur im engsten Familienkreis stattfinden.
Drei Iraner stehen an einem Grab auf dem Fascham Friedhof im gleichnamigen Vorort von Teheran. Wegen der Corona-Krise dürfen Bestattungen nur im engsten Familienkreis stattfinden.
Foto: Farshid-Motahari Bina/dpa

Beachtlich ist jedoch, dass in der islamischen Republik auch der Islam dem Corona-Virus weichen musste. Manches wäre früher einfach undenkbar gewesen.

Geschlossene Moscheen

Als erstes schlossen wegen der Ansteckungsgefahr die Moscheen - auch die große Dschamkaran Moschee in Ghom in Zentraliran. Danach wurden die für das islamische Land wichtigen Freitagsgebete, wo Woche für Woche Propaganda betrieben wurde, abgesagt.

Die Hasrate Ali Moschee in Teheran musste, wie viele andere Moscheen im Land auch, wegen der Corona-Krise geschlossen werden.
Die Hasrate Ali Moschee in Teheran musste, wie viele andere Moscheen im Land auch, wegen der Corona-Krise geschlossen werden.
Foto: Farshid-Motahari Bina/dpa

Zum ersten Mal in der Geschichte des Irans schlossen dann sogar zwei der wichtigsten schiitischen Mausoleen in Maschad in Nordostiran und in Ghom, die jährlich von Millionen von iranischen und ausländischen Pilgern besucht werden. Auch der Schrein von Revolutionsführer Ruhollah Chomeini in Teheran ist zu. Und das alles mit Zuspruch der gesamten religiösen Elite des Landes.

Heilung oder Ansteckung?

Besonders auf die Schließung der beiden Mausoleen reagierten streng gläubige Muslime mit Protesten. Sie glauben nämlich, dass ein Besuch in diesen Mausoleen auch die schlimmsten Krankheiten heilen könne. Nun erfahren sie vom Klerus selbst, dass sie sich dort sogar anstecken können. „Was nun, wird man an solchen Orten geheilt oder infiziert?“, fragen junge Iraner, die den strengen islamischen Regeln grundsätzlich skeptisch gegenüber stehen, in sozialen Medien.

Das Mausoleum des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Ruhollah Chomeini ist zurzeit nicht zugänglich.
Das Mausoleum des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Ruhollah Chomeini ist zurzeit nicht zugänglich.
Foto: Farshid-Motahari Bina/dpa

„Wenn dann noch im iranischen Staatsfernsehen mehr Wissenschaftler zu Wort kommen als Kleriker, dann läuft im Land etwas falsch“, sagt ein Politologe in Teheran, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Keine Zeit für Propaganda

Der Staatssender IRIB, der von Persern wegen der vielen Programme mit langbärtigen Klerikern als „Glasfaser“ verspottet wird, strahlt jetzt in den Krisenzeiten fast nur noch Diskussionsrunden mit Offiziellen des Gesundheitsministeriums sowie Viro- und Epidemiologen aus. Hauptthemen sind die Fallzahlen - bis Freitagmorgen waren es 4.869 Tote und rund 77.995 Infizierte - und Ratschläge aus Medizin und Hygiene, was man gegen Corona tun sollte. Für die sonst beim Sender übliche Propaganda des Klerus bleibt wenig Zeit.

Auch in der Gesellschaft hinterlässt Corona Spuren: Menschen beachten die strengen islamischen Vorschriften im Land nicht mehr so wie vor Beginn der Pandemie. 


Iran's supreme leader Ayatollah Ali Khamenei speaks during Friday prayers at Tehran University February 3, 2012. Ayatollah Ali Khamenei said on Friday the Islamic Republic would not yield to international pressure to abandon its nuclear course, threatening retaliation for sanctions aimed at Iran's oil exports. REUTERS/khamenei.ir/Handout (IRAN - Tags: POLITICS RELIGION) FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS. THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. IT IS DISTRIBUTED, EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS
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Viele Frauen in der Hauptstadt Teheran tragen zwar Schutzmasken und Plastikhandschuhe, dafür aber nicht das obligatorische Kopftuch. Mehr oder weniger problemlos, weil wegen der Kontaktbeschränkungen auch die strenge Sittenpolizei nicht mehr in den Straßen patrouilliert. „Wenn es keine Kontrollen gibt, was soll ich da noch das blöde Kopftuch tragen ... Maske genügt“, so die 39 Jahre alte Mastaneh aus Teheran.

Vorschriften werden ignoriert

Auch in den U-Bahnen ignorieren Menschen die Vorschriften. Immer mehr Männer setzen sich in die nur für Frauen bestimmten U-Bahn-Waggons, wo meistens mehr Sitzplätze frei sind. In den Zeiten vor Corona wäre das undenkbar gewesen.

Mehrere Männer sitzen in einem nur für Frauen zugelassenen U-Bahn-Wagon in der Station Tadschrisch in Teheran.
Mehrere Männer sitzen in einem nur für Frauen zugelassenen U-Bahn-Wagon in der Station Tadschrisch in Teheran.
Foto: Farshid-Motahari Bina/dpa

Die Pandemie hat auch die Heiratspläne von vielen jungen Iranern durcheinandergebracht. Hochzeitsfeiern sind wegen der Ansteckungsgefahr verboten, alle Festhallen sind geschlossen. Tradition und Religion gebieten es eigentlich im Iran, dass die Braut nicht nach der Trauung, sondern erst nach der Hochzeitsfeier zum Bräutigam darf. Auch sollte des Segens wegen ein Kleriker die Trauung vollziehen. Das alles geht derzeit nicht. 


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Aber geht nicht, gibt’s für manche Liebespaare nicht. Viele von ihnen trauen sich ganz einfach im Standesamt, und danach geht es ab ins gemeinsame Nest. Die traditionellen und religiösen Vorschriften ignorieren sie einfach.

Lieber unislamisch heiraten

„Das ist nun mal Liebe in Zeiten von Corona“, sagt der 37-jährige Pedschman M. in Anspielung auf den Roman „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ von Gabriel García Márquez. Er und seine zwei Jahre jüngere Partnerin Marjam - beide Animatoren - sollten eigentlich ganz traditionell heiraten. Doch dann kam die Corona-Krise und sie mussten sich entscheiden: entweder warten und klassisch heiraten oder nur im Standesamt trauen und dann ab nach Hause. 

Das junge Paar Marjam und Pedschman M. stehen mit Schutzmasken vor ihrer noch nicht eingerichteten Wohnung in Pardis, einem Vorort in Teheran.
Das junge Paar Marjam und Pedschman M. stehen mit Schutzmasken vor ihrer noch nicht eingerichteten Wohnung in Pardis, einem Vorort in Teheran.
Foto: Farshid-Motahari Bina/dpa

„Da wir nicht sonderlich religiös sind, haben wir uns für die unislamische Option entschieden“, sagt Pedschman. Er und Marjam haben auch schon eine gemeinsame Wohnung in einem Teheraner Vorort gemietet und wollen dort umgehend einziehen. „Im Notfall, dank Corona, auch ohne Trauschein“, sagt Marjam. 

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