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Innehalten am Ausgangspunkt der Spur der Vernichtung durch Europa
International 9 1 3 Min. 01.09.2019

Innehalten am Ausgangspunkt der Spur der Vernichtung durch Europa

Eine Video-Installation läuft bei der Gedenkfeier in Wielun.

Innehalten am Ausgangspunkt der Spur der Vernichtung durch Europa

Eine Video-Installation läuft bei der Gedenkfeier in Wielun.
Bernd von Jutrczenka/dpa
International 9 1 3 Min. 01.09.2019

Innehalten am Ausgangspunkt der Spur der Vernichtung durch Europa

Etwa sechs Millionen Tote zählte allein Polen im Zweiten Weltkrieg. Hier nahm der Vernichtungsfeldzug Hitler-Deutschlands seinen Lauf. Und genau dorthin fährt der deutsche Bundespräsident 80 Jahre später. Er weiß, dass die seitdem erreichte Versöhnung ein hohes Gut ist.

(dpa) - Die losheulenden Alarmsirenen gehen durch Mark und Bein. Es ist 4.40 Uhr am Sonntagmorgen und noch nächtlich dunkel in Wielun. Eine Ehrengarde ist aufmarschiert und steht stramm. Hunderte Menschen haben sich trotz der frühen Stunde auf dem Marktplatz der polnischen Kleinstadt versammelt, manche mit Kerzen in der Hand.

Auch auf den Tag genau vor 80 Jahren um eben diese Stunde erfüllte ein Heulen die zwischen Lodz und Breslau (Wroclaw) gelegene Kleinstadt in Polen. Es war das Heulen deutscher Sturzkampfbomber. Sie jagten aus dem Himmel auf die Stadt hinunter und lösten ihre todbringende Bombenlast aus.


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Wielun und nicht - wie lange Zeit von deutscher wie polnischer Seite offiziell erklärt - die Danziger Westerplatte war das erste Ziel des deutschen Überfalls auf Polen und der Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939. Der Angriff auf die wehrlose Bevölkerung der militärisch nicht gesicherten Stadt war auch das erste schwere Kriegsverbrechen der Wehrmacht.

80 Jahre später wird das grausame Geschehen wieder lebendig. In einer Video-Animation auf einer Hauswand am Marktplatz fliegen nochmals die Sturzkampfbomber, fallen die Bomben, fliehen die Menschen.

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Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steht hier zusammen mit Polens Präsident Andrzej Duda. Hier, wo „die Spur der Gewalt und Vernichtung ihren Anfang nahm, die sich sechs Jahre lang durch Polen und ganz Europa ziehen sollte“, wie Steinmeier dann sagt. Ihm sei bewusst, „dass es ganz und gar nicht selbstverständlich ist, dass ein deutscher Bundespräsident heute hier vor Ihnen stehen darf“.

Doch Duda dankt Steinmeier ausdrücklich dafür, dass er gekommen ist, „dass Sie sich der Verantwortung stellen“. Und: „Wenn ich mit Ihnen spreche, sehe ich einen Menschen, der mit geneigtem Haupte hier ist und mit Demut der Opfer gedenken will.“

Erst Italien, nun Polen: Es ist bereits der zweite Sonntag in Folge, an dem sich Steinmeier zu dem unermessliche Leid bekennt, das Deutsche über ihre europäischen Nachbarn gebracht haben.

Erst Fivizzano, nun Wielun: Beide Orte haben gemeinsam, dass die dort von deutschen Soldaten begangenen Verbrechen in Deutschland kaum bekannt sind. „Viel zu wenige Deutsche kennen heute diesen Ort. Viel zu wenige wissen um diese Taten“, sagt Steinmeier. „Wielun muss in unseren Köpfen und in unseren Herzen sein.“ Um eben das zu erreichen, besucht er bewusst diese „weiße Flecken des Gedenkens“, von denen man im Präsidialamt spricht.

Ich verneige mich vor den Opfern des Überfalls auf Wielun. Ich verneige mich vor den polnischen Opfern der deutschen Gewaltherrschaft. Und ich bitte um Vergebung.

Und er kommt, um Überlebende und Nachfahren der Opfer um Verzeihung für etwas zu bitten, für das es nur schwer ein Verzeihen geben kann: etwa 1200 Tote in Wielun, an die 6 Millionen Tote insgesamt in Polen. „Ich verneige mich vor den Opfern des Überfalls auf Wielun. Ich verneige mich vor den polnischen Opfern der deutschen Gewaltherrschaft. Und ich bitte um Vergebung.“ Diese zentralen Sätze seiner Rede spricht Steinmeier auch auf Polnisch. Und bekommt Beifall dafür. Dudas Antwort: „Dass Sie hier sind, ist eine Form der moralischen Wiedergutmachung.“

Steinmeier hatte sich mit Duda bei seinem Besuch im Juni vergangenen Jahres in Polen darauf verständigt, zum Jahrestag des Kriegsbeginns gemeinsam nach Wielun zu fahren. Erst später wurde bekannt, dass es direkt anschließend in Warschau noch eine viel größere Veranstaltung mit zahlreichen Staats- und Regierungschefs geben soll - inklusive US-Präsident Donald Trump, der auch reden wollte.

In Berlin kam die Befürchtung auf, dass dies das eigentliche Gedenken in den Hintergrund drängen könnte. Dass der US-Präsident wegen des Hurrikans „Dorian“ kurzfristig absagte und seinen Vice Mike Pence nach Warschau schickte, kam daher nicht ungelegen.

Donald Trump, Mike Pence - in Wielun spielen sie keine Rolle. Wohl aber Zofia Burchacinska und Jozef Stepien. Die beiden Überlebenden des deutschen Terrorangriffs treffen Steinmeier im örtlichen Museum in der Ausstellung „Zeitzeugen sprechen... Wielun am 1. September 1939“. Die Erinnerung an explodierende Bomben, zerfetzte Menschen, berstende Häuser hat sich für immer in ihr Gedächtnis gebrannt.


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