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Indiens Corona-Krise geht ungebrochen weiter
International 3 Min. 27.04.2021 Aus unserem online-Archiv

Indiens Corona-Krise geht ungebrochen weiter

Da die Krankenhäuser überfüllt sind, müssen Corona-Patienten notdürftig auf der Straße versorgt werden.

Indiens Corona-Krise geht ungebrochen weiter

Da die Krankenhäuser überfüllt sind, müssen Corona-Patienten notdürftig auf der Straße versorgt werden.
Foto: AFP
International 3 Min. 27.04.2021 Aus unserem online-Archiv

Indiens Corona-Krise geht ungebrochen weiter

Während die Corona-Zahlen seit Tagen explodieren, bemüht sich die Regierung um Schönfärberei. Journalisten haben Zweifel an den offiziellen Statistiken.

Von Agnes Tandler (Dubai)

„Wir machen keine Stopps, keine Pause, um was zu essen“, berichtet Krankenwagenfahrer Premchand. Er fährt Corona-Patienten durch Indiens Hauptstadt New Delhi und umliegende Regionen, in der Hoffnung, dass sich irgendwo ein freies Bett mit Sauerstoff findet. In den vergangenen sieben Tagen ist Premchand nicht daheim gewesen. „Ich habe noch nie so eine Situation erlebt“, sagt der 39-Jährige dem „Indian Express“. „Wir haben keine Zeit für irgendetwas anderes, nicht einmal für unsere Familien“, schildert die Ärztin Geetika Sharma ihren Arbeitsalltag: Zwischen 16 bis 18 Stunden verbringt sie jeden Tag im Asian Hospital nahe der indischen Hauptstadt New Delhi. „Alle Angestellten leiden, körperlich und seelisch“, klagt Sharma.

Indien meldet am Montag fast 352.991 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden. Es ist der fünfte Tag in Folge mit mehr als 300.000 Corona-Neuinfektionen. Die Zahl der Corona-Toten an einem einzigen Tag wurde mit 2.812 angegeben. Damit hat Indien mehr als 17 Millionen Corona-Fälle seit Beginn der Pandemie registriert. Die Regierung von New Delhi verlängerte am Sonntag die Lockdown-Maßnahmen um eine weitere Woche bis zum 3. Mai. Experten gehen davon aus, dass der Höhepunkt der jetzigen Krise erst Mitte Mai erreicht wird und erwarten erst ab dann wieder sinkende Zahlen.

Innerhalb von 24 Stunden starben 2.812 Menschen in Verbindung mit dem Corona-Virus, wie das Gesundheitsministerium am Montag mitteilte. Die Dunkelziffer dürfte aber deutlich höher liegen.
Innerhalb von 24 Stunden starben 2.812 Menschen in Verbindung mit dem Corona-Virus, wie das Gesundheitsministerium am Montag mitteilte. Die Dunkelziffer dürfte aber deutlich höher liegen.
Foto: AFP

Die neue Corona-Welle hat Indiens Kliniken förmlich überrollt. Es fehlt an Betten, Sauerstoff, und Medikamenten. Am Sonntagmorgen gab es in der 30-Millionen-Metropole New Delhi nur noch ein einziges Bett mit Beatmungsgerät auf einer Intensivstation. Weil die Versorgung mit medizinischem Sauerstoff immer wieder unterbrochen ist, haben Kliniken begonnen, ihre Plätze für Covid-19-Patienten zu verringern. Das staatliche Rajiv Gandhi Super Specialty Hospital in Delhi unterhält nur noch 350 statt 650 Betten für die Versorgung von schwerkranken Corona-Patienten. Ständig senden Krankenhäuser in der Hauptstadt Hilferufe aus, dass ihr Vorrat an medizinischem Sauerstoff nur noch wenige Stunden reicht. Am Freitag starben in der Stadt Jaipur 20 Corona-Patienten, weil die Klinik keinen Sauerstoff mehr hatte.


A medical worker holds a vial of the Covishield, ChAdOx1nCoV-19 coronavirus vaccine, at Moti Lal Nehru Medical College in Allahabad on April 1, 2021. (Photo by SANJAY KANOJIA / AFP)
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Auch Indiens Krematorien und Friedhöfe stoßen angesichts der vielen Toten an ihre Grenzen. An den Verbrennungsstätten brennen Tag und Nacht die Scheiterhaufen, während Angehörige ihre Verstorbenen bringen. Im Krematorium in Ghazipur musste ein Parkplatz umgewandelt werden, um weitere 20 Verbrennungsplätze zu schaffen.

Schönfärberei

Während die Corona-Krise unvermindert weitergeht, kümmert sich Indiens Regierung unter dem hindunationalistischen Premierminister Narendra Modi mehr um die Optik. Das soziale Netzwerk Twitter löschte auf Wunsch seiner Regierung Dutzende kritische Tweets, die sich mit dem Versagen in der Krise auseinandersetzen – darunter auch der Beitrag des Politikers Moloy Ghatak aus West-Bengalen, in dem Modi mit dem römischen Kaiser Nero verglichen wird. Nicht nur Ghatak ist es bitter aufgestoßen, dass Modi sich augenscheinlich mehr für die wichtige Wahl in West-Bengalen interessiert, als für eine rasche Eindämmung der Krise.

Der Ministerpräsident des indischen Bundesstaates Uttar Pradesh, Yogi Adityanath, der bereits als möglicher Nachfolger von Modi gehandelt wird, bestritt ganz einfach, dass es in seinem Bundesstaat mit einer Bevölkerung von über 200 Millionen irgendeinen Mangel an Sauerstoff gebe. Dutzende Angehörige von Corona-Kranken widersprachen dem auf Twitter. Fotos und Videos von weinenden und flehenden Menschen vor den Kliniken, die nach Sauerstoff und einem Bett suchten, zeigten ein völlig anderes Bild der Lage. Adityanath wird auch beschuldigt, die Corona-Todeszahlen in seinem Bundesstaat geschönt zu haben. 


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Journalisten, die vielerorts die Angaben von Krematorien mit den offiziellen Zahlen der Regierung von Uttar Pradesh verglichen, kamen zu dem Schluss, dass die meisten Toten gar nicht in die Statistik aufgenommen wurden. In der Stadt Kanpur zählte der Video-Journalist Arun Sharma am Samstag 476 Feuerbestattungen. Offiziell gab es aber in Kanpur an diesem Tag nur drei Corona-Tote. Indiens wahre Corona-Todeszahlen könnten zehnmal höher sein, als die Statistik es ausweist.

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