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In Nahost droht Eskalation mit Iran
International 4 Min. 03.01.2020 Aus unserem online-Archiv

In Nahost droht Eskalation mit Iran

Tausende protestierten am Freitag in Teheran gegen die USA.

In Nahost droht Eskalation mit Iran

Tausende protestierten am Freitag in Teheran gegen die USA.
Foto: AFP
International 4 Min. 03.01.2020 Aus unserem online-Archiv

In Nahost droht Eskalation mit Iran

Die USA töten den Architekten der iranischen Militärpolitik in der arabischen Welt - ein schwerer Schlag für Teheran. Der Iran und seine Verbündeten dürften auf den Angriff mit Gegengewalt reagieren.

(dpa) - Auf den Bildern sind nur noch die Überreste zweier völlig zerstörter Fahrzeuge in Flammen zu sehen, irgendwo an einer Straße nahe dem Flughafen der irakischen Hauptstadt Bagdad. Der iranische Top-General Ghassem Soleimani war offenbar kurz vorher gelandet und hatte den Airport gerade verlassen. Dann schlagen drei Raketen ein, abgefeuert von einer US-Drohne. Soleimani dürfte sofort tot gewesen sein, genauso wie der einflussreiche irakische Schiitenführer Abu Mahdi al-Muhandis, ein enger Verbündeter Teherans. Die US-Armee hat auf Befehl von Präsident Donald Trump zugeschlagen.


(FILES) A file image grab taken from a broadcast by Islamic Republic of Iran Broadcasting (IRIB) on October 1, 2019, shows Qasem Soleimani, Iranian Revolutionary Guards Corps (IRGC) Major General and commander of the Quds Force, speaking during an interview with members of the Iranian Supreme Leader's bureau in Tehran. - A US strike killed top Iranian commander Qasem Soleimani and the deputy head of Iraq's Hashed al-Shaabi military force at Baghdad's airport early on January 3, 2020, the Hashed announced. (Photo by - / IRIB TV / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT "AFP PHOTO / HO / IRIB" - NO MARKETING NO ADVERTISING CAMPAIGNS - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS  /NO RESALE/ NO ACCESS ISRAEL MEDIA/PERSIAN LANGUAGE TV STATIONS/ OUTSIDE IRAN/ STRICTLY NI ACCESS BBC PERSIAN/ VOA PERSIAN/ MANOTO-1 TV/ IRAN INTERNATIONAL" /
Kommentar: Trumps drohender Krieg
Mit der Tötung von Ghassem Soleimani hat Donald Trumps Amtszeit eine grundlegende Wende genommen, meint LW-Korrespondent Karl Doemens.

Getötet hat sie nicht irgendjemanden, sondern den wichtigsten iranischen General im Ausland. Fast jeder in der Region kennt das Gesicht des 62-Jährigen. Irak, Syrien - Soleimani tauchte immer dann auf, wenn es für den Iran besonders wichtig war. Sein Ruf war legendär, sein Name berühmt-berüchtigt. Er war der Architekt der iranischen Militärpolitik in der arabischen Welt, der wichtigste Befehlsgeber der zahlreichen mit Teheran verbündeten Milizen in der Region. Soleimanis Tod bedeutet für den Iran einen schweren Schlag, weil Teheran seinen wohl fähigsten Strippenzieher verloren hat.

Die Überreste eines von Raketen getroffenen Fahrzeugs vor dem Flughafen von Bagdad.
Die Überreste eines von Raketen getroffenen Fahrzeugs vor dem Flughafen von Bagdad.
Foto: DPA

Risikobehafteter Angriff

Doch Trump geht mit dem Raketenangriff ein großes Risiko ein. Mit Soleimanis Tod erreicht der ohnehin schon schwere Konflikt der USA mit dem Iran eine neue Stufe der Eskalation, deren möglicherweise dramatische Folgen sich nur erahnen lassen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Iran derartige Operationen gegen seine eigenen Kräfte nicht stillschweigend hinnimmt. Die oberste Führung in Teheran, aber auch die iranischen Verbündeten drohen mit Rache. Die Gefahr, dass sich der Konflikt mit dem Iran in einer Spirale aus Aktion und Reaktion zu einem Krieg auswächst, scheint größer denn je.


HANDOUT - 01.01.2020, Irak, Bagdad: Zwei Soldaten der US-Armee beobachten von einem Posten aus die Proteste vor der Botschaft der Vereinigten Staaten. Foto: Spc. Ryan Swanson/Planetpix/Planet Pix via ZUMA Wire/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++
Reaktionen auf Angriff: Teheran droht mit Rache
Mit der gezielten Tötung des Generals Soleimani habe US-Präsident Trump „eine Stange Dynamit in ein Pulverfass geworfen“, sagt der frühere US-Vizepräsident Joe Biden.

Irans Militär verfügt über ein dichtes Netz von treuen Verbündeten in wichtigen Ländern der Region. Soleimani war auch deswegen in der Region viel unterwegs, um dieses zu knüpfen und zu pflegen. Libanon, Syrien, Irak, Jemen - überall stehen iranische Verbündete für schmerzhafte Schläge gegen die USA und ihre Partner bereit. Nicht lange her sind etwa die Raketenangriffe auf wichtige saudische Ölanlagen, hinter denen Washington und Riad den Iran sahen. Denkbar wären auch Raketenangriffe der Iran-treuen libanesischen Hisbollah-Miliz auf ihren benachbarten Erzfeind Israel.

Weitere Eskalation wahrscheinlich

Ein sehr wahrscheinliches Szenario: dass der Iran den Konflikt im Krisenland Irak weiter eskalieren lässt. Hier verfügt Teheran über besonders viele treue schiitische Milizen, die auch politisch großen Einfluss besitzen. Gleichzeitig sind in dem Land noch rund 5000 US-Soldaten stationiert, die die irakische Armee eigentlich im Kampf gegen die noch immer aktive Terrormiliz Islamischer Staat (IS) unterstützen sollen. Schon in den vergangenen Monaten haben Angriffe im Irak gezeigt, wie verwundbar die US-Truppen dort sind. Und auch die US-Soldaten in Syrien wären ein mögliches Angriffsziel.

Erinnerungen werden wach an die Jahre nach der US-Invasion 2003 im Irak und den Sturz von Machthaber Saddam Hussein. Damals gerieten die US-Truppen immer wieder ins Visier schiitischer Milizen. Auch jetzt rufen einflussreiche irakische Milizenführer zu Vergeltung auf. Die nächsten Tage würden „eine baldige Eroberung und einen großen Sieg“ gegen die USA bringen, drohte der Chef der Miliz Asaib Ahl al-Hak, Kais al-Khasali, am Freitag. Die Sorge der USA ist so groß, dass die Botschaft in Bagdad alle US-Bürger zur sofortigen Ausreise aufrief.

"Akt der Verteidigung"

Der Konflikt zwischen Washington und Teheran stand in den vergangenen Monaten schon mehrfach vor einer militärischen Eskalation. Trump erklärte im Juni, er habe einen Militärschlag gegen den Iran im letzten Moment - „zehn Minuten vor dem Angriff“ - abgeblasen. Wegen der erwarteten 150 Toten auf der iranischen Seite.


ARCHIV - 05.03.2019, Hessen, Frankfurt/Main: Bulle und Bär stehen als Bronzeskulpturen vor der Frankfurter Wertpapierbörse im Regen. (Zu dpa: «Mehr Umsatz und weniger Gewinn - Gemischte Bilanz der Top-Konzerne») Foto: Arne Dedert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Spannungen zwischen USA und Iran setzen Finanzmärkte unter Druck
Börsen im Minus, der Ölpreis legt zu. Nach der Tötung eines iranischen Generals durch einen US-Raketenangriff im Irak wächst an den Finanzmärkten weltweit die Unruhe.

Diesmal schreckte der US-Präsident nicht zurück. Die gezielte Bombardierung einer kleinen Gruppe um Soleimani erfolgte nach offiziellen Angaben des Pentagon als „Akt der Verteidigung“, um den Iran von weiteren Angriffen auf Amerikaner und Verbündete abzuhalten.

Innenpolitisch kommt die Aktion zu einem heiklen Zeitpunkt - zum Auftakt des Wahljahres in den USA und inmitten eines Amtsenthebungsverfahrens gegen den US-Präsidenten. Trump steht in der Heimat schwer unter Druck. Ein militärischer Konflikt könnte zwar womöglich die Aufmerksamkeit von den Vorwürfen gegen Trump in der Ukraine-Affäre ablenken, den Fokus auf ihn als Oberbefehlshaber und Beschützer amerikanischer Kräfte lenken. Doch ausgerechnet Trump verspricht seinen Anhängern seit jeher, die „endlosen“ Kriege Amerikas zu beenden und US-Truppen heimzuholen. Kurz vor der Wahl einen neuen Krieg zu beginnen, stünde dem fundamental entgegen.

Schlechte Erinnerungen

Die Amerikaner haben traumatische Erinnerungen an die militärischen Konflikte im Irak und in Afghanistan, die sich lange hinzogen und nicht die gewünschten Ergebnisse brachten. Eine Eskalation mit dem Iran ist wohl kaum etwas, hinter dem sich das Land versammeln dürfte.


A picture published by the media office of the Iraqi military's joint operations forces on their official Facebook page shows a destroyed vehicle on fire following a US strike on January 3, 2020 on Baghdad international airport road in which top Iranian commander Qasem Soleimani was killed along with eight others, including the deputy head of Iraq's powerful Hashed al-Shaabi paramilitary force. - Early Friday, a volley of US missiles hit Baghdad's international airport, striking a convoy belonging to the Hashed al-Shaabi, an Iraqi paramilitary force with close ties to Iran. Soleimani was killed in the US strike on the Iraqi capital's airport, according to Hashed, in a dramatic escalation of tensions between Washington and Tehran. (Photo by - / IRAQI MILITARY / AFP) / === RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT "AFP PHOTO / HO / IRAQI MILITARY" - NO MARKETING NO ADVERTISING CAMPAIGNS - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS ===
US-Militär tötet hohen iranischen General
Ghassem Soleimani war der wichtigste Vertreter des iranischen Militärs im Ausland. Seine Tötung durch das US-Militär wird nicht ohne Folgen bleiben.

So ist der Angriff auf Soleimani in den USA hoch umstritten. Kurz nach der Bombardierung eilen diverse Republikaner ihrem Parteifreund Trump zur Seite und verteidigen Soleimanis Tötung als gerechte Strafe für einen Feind Amerikas.

Auch Demokraten erklären, niemand werde dem General eine Träne nachweinen - doch der Raketenangriff auf ihn sei eine verantwortungslose und noch dazu vom Kongress nicht abgesegnete Eskalation. „Präsident Trump hat soeben eine Stange Dynamit in ein Pulverfass geworfen“, erklärte der frühere US-Vizepräsident und demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden.    


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