Wählen Sie Ihre Nachrichten​

In Mexiko werden im Schnitt elf Frauen pro Tag ermordet
International 3 Min. 13.05.2021

In Mexiko werden im Schnitt elf Frauen pro Tag ermordet

Eine Frau hält am Internationalen Frauentag eine Fahne mit der Aufschrift «Gerechtigkeit» hoch. In ganz Lateinamerika wurden laut offiziellen Angaben 2020 3.752 ermordet.

In Mexiko werden im Schnitt elf Frauen pro Tag ermordet

Eine Frau hält am Internationalen Frauentag eine Fahne mit der Aufschrift «Gerechtigkeit» hoch. In ganz Lateinamerika wurden laut offiziellen Angaben 2020 3.752 ermordet.
Foto: dpa
International 3 Min. 13.05.2021

In Mexiko werden im Schnitt elf Frauen pro Tag ermordet

Weil Regierung und Polizei meistens wegsehen, wehrt sich eine neue Generation junger Feministinnen - mit Hämmern und Farbe.

Von Klaus Ehringfeld (Mexiko City)

Was macht man in Mexiko, wenn man erlebt, wie die Tochter getötet, die Schulfreundin vergewaltigt oder die Schwester von Drogenkartellen entführt wird? Man geht jedenfalls nicht zur Polizei. Denn sie tut nichts oder macht sogar mit Mördern und Vergewaltigern gemeinsame Sache. Man verzweifelt, so wie die Familie von Ingrid Escamilla, der jungen Frau, die im Februar 2020 in Mexiko-Stadt von ihrem Freund ermordet und zerstückelt wurde und deren Bilder später in der Presse auftauchten. Vermutlich hatten Polizisten die Fotos an die Redaktionen verkauft. 

Frauen sind in Mexiko nicht nur Opfer von unfasslichen Gewalttaten, sondern ihnen wird auch im Tod noch die Würde genommen. Dabei ist der „Femizid“, also der geschlechtsbedingte Mord, seit 2007 ein Straftatbestand. Aber kaum in einem anderen Land der Welt ist das Papier geduldiger als in Mexiko, vor allem bei der Strafverfolgung. Gerade mal ein Prozent aller Morde werden aufgeklärt. 

Schüler, Lehrer und Aktivisten nehmen am Dienstag am "Marsch des Friedens und der Gerechtigkeit" in Guadalajara teil.
Schüler, Lehrer und Aktivisten nehmen am Dienstag am "Marsch des Friedens und der Gerechtigkeit" in Guadalajara teil.
Foto: AFP

Und so kommen die Frauenmörder in der Regel ungeschoren davon. Dabei werden im zweitgrößten Land Lateinamerikas annähernd elf Frauen jeden Tag getötet. „Sie werden stranguliert, verbrannt, geknebelt und erstickt“,sagt Maria de la Luz Estrada, die Sprecherin der Nationalen Beobachtungsstelle für Femizide. 3.752 Frauen wurden vergangenes Jahr laut offiziellen Angaben ermordet, 969 der Taten gelten als Femizide. Das ist nach Brasilien die höchste Zahl in ganz Lateinamerika. Nur in Honduras und El Salvador werden pro Kopf noch mehr Frauen getötet. 

Frauenmorde sind leider ein sehr lateinamerikanisches Thema. 14 der 25 Staaten mit den weltweit höchsten Zahlen an diesem Verbrechen befinden sich auf dem amerikanischen Subkontinent. Eine tief verwurzelte Machokultur, eine untätige, unfähige oder unwillige Justiz sowie die gesellschaftlich hohe Gewaltkultur in vielen Staaten sind Ursachen dieser gespenstischen Zahlen. Angesichts dieses Panoramas blieb den Angehörigen der Opfer lange Jahre nichts anderes übrig, als im Ausland nach Hilfe zu suchen und daheim Trauerkundgebungen mit Bildern der Opfer und Kerzen zu organisieren. Ein Zeichen der stillen Ohnmacht.

Frauen setzen sich zu Wehr

Doch inzwischen ist eine neue Generation von kämpferischen Frauen und Feministinnen herangewachsen, die sich mit stillem Protest und gesenktem Kopf nicht mehr abfinden will. „Ni una menos“ - „Nicht eine weniger.“ Das ist das Motto dieser neuen Frauenrechtlerinnen, das sie laut und bisweilen aggressiv vertreten.  


A health worker sprays disinfectant against the spread of Covid-19 in the streets of the Andean city of Puno, Peru, close to the border with Bolivia, on April 19, 2021. - Peru registered this Sunday for the first time more than 400 deaths from covid-19 in 24 hours, amid a sharp increase in infections driven by the Brazilian variant of the virus spread throughout the country, reported the Ministry of Health. (Photo by Juan Carlos CISNEROS / AFP)
Corona vernichtet in Lateinamerika Leben und Existenzen
25 Millionen Infizierte, fast eine Million Tote: Corona hat in Lateinamerika verheerende Auswirkungen. Vor allem in Brasilien und Mexiko.

So zum Beispiel der „schwarze feministische Block“, junge Frauen zwischen 18 und 30, die alle in irgendeiner Form Opfer männlicher Gewalt wurden. Und alle blieben mit ihrem Leid und ihrem Wunsch nach Gerechtigkeit allein und ungehört. Und jetzt nehmen sie in gewisser Weise die Justiz in die eigene Hand. 

 

Die Frauen des „Bloque negro“ lernen Boxen und bewaffnen sich mit Hämmern. Sie sind radikal und stellen sich potenziellen Peinigern entgegen, sind laut, gewalttätig und destruktiv. Und sie erklären die Männer und die mexikanische Polizei explizit zu ihren Gegnern. „Kein Vergessen, kein Vergeben“ ist ihre Formel.

Es ist keine Gewalt, es ist Selbstverteidigung.

Aktivistin

„Es ist keine Gewalt, es ist Selbstverteidigung“, beschreibt eine Aktivistin, die sich „Matancera“ nennt. Sie und ihre Mitstreiterinnen bleiben anonym, ihr wichtiges Kleidungsstück ist eine Sturmhaube, die so fest sitzt, dass die Polizisten sie ihnen bei handgreiflichen Auseinandersetzungen nicht vom Kopf reißen können. 

Und so gehen sie zu ihren lauten Protesten auf Plätze und Straßen und singen: „Für das Blut, das Du vergossen hast, wirst Du bezahlen“. Sie besetzten Häuser, die sie zu Rückzugsorten für Frauen und Mädchen ausbauen, die Opfer von Männergewalt wurden oder die aus Angst davor geflohen sind. 


People march during a national strike triggered by a now abandoned tax reform, in Bogota on May 9, 2021. - Facing anti-government protests that have spiraled into deadly violence, Colombian President Ivan Duque is holding a series of talks with his political foes in search of a way out of the crisis. (Photo by Juan BARRETO / AFP)
Kolumbien kollabiert und Lateinamerika zittert
Während der Druck auf den rechten Präsident Duque von allen Seiten steigt, schaut eine ganze Region auf den Andenstaat.

Aber vor allem ziehen die schwarzen Frauen los, wenn es wieder einmal Vorwürfe gegen Männer gibt, sie hätten Frauen bedrängt, bedroht oder gegen ihren Willen angefasst oder gar vergewaltigt. Dann kann es passieren, wie an diesem 8. März, dem Internationalen Frauentag, dass sie mit Farbe und Schlagstöcken bewehrt vor den Wohnhäusern der Verdächtigen Stellung beziehen und diese mit Sprüchen wie „Du bist ein Vergewaltiger“ oder „Du wirst bezahlen“ beschallen. Manchmal versuchen sie sogar, das Gebäude zu entern. Schaulustige bestaunen das Spektakel oft genug regungslos, manchmal fahren Autos vorbei und hupen zustimmend. Nur die Polizei erscheint sehr spät, wenn überhaupt. 

Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter und Instagram und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema