Wählen Sie Ihre Nachrichten​

In Irland: Kinderleichen in früherem Mutter-Kind-Heim gefunden
International 1 5 Min. 03.03.2017 Aus unserem online-Archiv

In Irland: Kinderleichen in früherem Mutter-Kind-Heim gefunden

Unter dieser Grünfläche fanden die Ermittler das Massengrab, vermutlich aus dem Zeitraum 1925 bis 1961. Die inoffizielle Gedenkplatte rechts im Bild stammt von 2014.

In Irland: Kinderleichen in früherem Mutter-Kind-Heim gefunden

Unter dieser Grünfläche fanden die Ermittler das Massengrab, vermutlich aus dem Zeitraum 1925 bis 1961. Die inoffizielle Gedenkplatte rechts im Bild stammt von 2014.
Foto: REUTERS
International 1 5 Min. 03.03.2017 Aus unserem online-Archiv

In Irland: Kinderleichen in früherem Mutter-Kind-Heim gefunden

Tom RUEDELL
Tom RUEDELL
"Erhebliche Mengen" menschlicher Überreste sind im westirischen Tuam gefunden worden. Eine Untersuchungskommission bestätigte jetzt entsprechende Hinweise aus den Jahren 1975 und 2014.

Von Tom Rüdell (mit dpa)

Der Verdacht stand jahrelang im Raum, jetzt wurde er bestätigt: Ermittler haben bei Ausgrabungen in einem ehemaligen Heim für unverheiratete Mütter in Irland Massengräber mit Kinderleichen entdeckt. Wie eine Untersuchungskommission am Freitag in Dublin mitteilte, wurden in unterirdischen Kammern im westirischen Tuam „erhebliche Mengen“ menschlicher Überreste gefunden. Einige der Leichen seien untersucht worden. Es handelt sich demnach um Föten, die jüngsten in der 35. Schwangerschaftswoche, und kleine Kinder, die ältesten zwei bis drei Jahre alt.

Die Kommission hatte 2015 ihre Arbeit aufgenommen, nachdem die Anwohnerin Catherine Corless in jahrelangen Recherchen bis 2014 ermittelt hatte, dass in den 36 Jahren, die das Heim bestand, insgesamt 797 Kinder verstarben, die meisten an Grippe, Masern und Lungenentzündung. Auch Frühgeburten tauchen in der Liste auf. Die ältesten Kinder auf dieser Liste waren neun Jahre alt. Hobby-Historikerin Corless hatte sich auf eigene Kosten die Sterbeurkunden der 797 Kinder besorgt - für jeweils 4 Euro pro Kopie. Amtliche Urkunden über Beerdigungen aber fand sie nur für ein Kind. Nach dem Studium alter Karten, Lagepläne und Stadtratsprotokolle kam sie zu dem Schluss, dass es ein anonymes Massengrab für die restlichen 796 toten Kinder aus dem "St. Mary’s Mother and Baby Home"  geben musste. 

Interview mit Catherine Corless:

Erste Funde bereits 1975

Die Existenz eines Massengrabes war allerdings schon bekannt - hatte aber keine Konsequenzen. Bereits 1975 hatten zwei Jungen aus dem Ort beim Spielen in der bereits in den 1930er-Jahren stillgelegten Klärgrube des Heimes rund 20 Kinderskelette gefunden, allerdings wurde der Fund damals nicht polizeilich untersucht - lediglich ein Priester sei gekommen und habe die Grabstätte gesegnet, so Barry Sweeney, der als damals Zehnjähriger die grausige Entdeckung unter einer Betonplatte gemacht hatte. Der ganze Raum unter der Platte sei voll mit Skeletten gewesen, die kreuz und quer gelegen hätten, wird Sweeney zitiert. Von Särgen keine Spur. Doch die Einheimischen wollten entweder nichts davon wissen oder hielten die Skelette für Opfer der großen irischen Hungersnöte im 19. Jahrhundert. Das Grab wurde ohne weitere Fragen wieder verschlossen.

Erst die Initiative von Corless brachte Bewegung in die Affäre. Sie hatte vom Fund der beiden Jungen gehört, aber erst viel später herausgefunden, dass beide noch in der Gegend wohnten. Mit den Aussagen von Sweeney und seinem Freund Frannie Hopkins war das Puzzle komplett.


Traurige Gewissheit

Corless' These war damit zwar noch nicht bewiesen. Doch die Regierung reagierte auf ihre Ermittlungen und setzte eine Untersuchungskommission ein. Die begann 2015 mit Testgrabungen. 

Die Ausgrabungen im Oktober 2016 und Anfang 2017 bestätigen jetzt offensichtlich die schlimmsten Befürchtungen. Kinder- und Jugendministerin Katherine Zappone nannte den Bericht "erschütternde und traurige, wenn auch nicht unerwartete Nachrichten" und versprach: "Wir werden das Andenken der Kinder ehren und sicherstellen, dass die sterblichen Überreste angemessen behandelt werden."

Die Suche nach den Verantwortlichen

Das Heim in Tuam wurde von 1925 bis 1961 von der katholischen Kirche, genauer von der "Congregation of the Sisters of Bon Secours", betrieben. Die Leichen stammen nach Ergebnissen einer Radiokarbon-Datierung höchstwahrscheinlich aus dieser Zeit. Damit wäre zum Beispiel die These entkräftet, dass es sich bei den Kindern um Opfer der Hungersnöte von 1845 bis 1849 oder 1879 handeln könnte.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

„Die Kommission ist schockiert von dieser Entdeckung und ermittelt weiterhin, wer verantwortlich für die Entsorgung menschlicher Überreste in dieser Art war“, hieß es in einer Mitteilung. Die Gerichtsmedizin wurde eingeschaltet. Von deren Untersuchungen ist abhängig, wie die Ermittler weiter vorgehen werden. Die Behörden haben zudem eine Telefon-Hotline geschaltet, unter der Bürger sich über den Stand der Ermittlungen informieren können.

Der Orden der Schwestern von Bon Secours hat seine volle Kooperation bei den Ermittlungen angekündigt. "Nach der Schließung des Heimes im Jahr 1961 sind alle Akten, die das Heim betreffen, zurück an den Galway County Council gegangen, dem das Grundstück mittlerweile gehört", so der Orden in einem Statement vom Freitag.  "Wir können daher die Nachricht von heute nicht kommentieren, bestätigen aber unsere Absicht, auch weiter mit der Kommission zu kooperieren und sie bei ihrer Arbeit zu unterstützen, die Wahrheit über das Heim herauszufinden." 

Wer dort hingeht, wird kein Massengrab finden und keine Beweise, dass hier jemals Kinder auf diese Art und Weise begraben wurden.

2014 hatte das noch anders geklungen: Damals hatte sich die PR-Beauftragte des Ordens, Terry Prone, offensiv und geradezu herablassend gegen Corless' Nachforschungen gestellt - und die Hungersnot-Theorie weiter hochgehalten. "Alle waren überrascht, davon zu hören, auch die Schwestern von Bon Secours in Irland, von denen keine jemals in Tuam gearbeitet hat und von denen die wenigsten je davon gehört hatten", schrieb Prone in einer Antwort auf eine Interview-Anfrage von France 2. "Wer dort hingeht, wird kein Massengrab finden und keine Beweise, dass hier jemals Kinder auf diese Art und Weise begraben wurden. Die örtliche Polizei wird ihre Augen gen Himmel richten und sagen 'Na gut, da liegen ein paar Knochen - aber hier in der Gegend wurden nun mal Opfer der Hungersnöte beerdigt.' Und weiter?" Prone sagte später, der Kern ihre Antwort unterscheide sich nicht von offiziellen Aussagen der Schwestern in dieser Sache.

Extreme Sterblichkeitsraten im Heim

Neben dem Mutter-Kind-Heim in Tuam stehen noch 17 weitere kirchliche Einrichtungen auf der Untersuchungsliste der Kommission. Es geht um einen Zeitraum von 1922 bis 1998. Außereheliche Schwangerschaften wurden in Irland landläufig als Skandal betrachtet. Viele schwangere unverheiratete Frauen brachten in den Mutter-Kind-Heimen ihr Kind zur Welt, das dann oft zur Adoption freigegeben wurde. Die Gesamtzahl der betroffenen Frauen wird auf 35.000 geschätzt. Mutter und Kind wurden getrennt untergebracht, die Kinder wurden schlecht behandelt. Die Heime wiesen eine immens hohe Kindersterblichkeitsrate auf. Das Heim in Tuam soll in dieser Kategorie trauriger Spitzenreiter gewesen sein, schreibt die irische online-Zeitung "The Journal" und zitiert Zahlen aus dem Nationalarchiv: 31,6% der unter Einjährigen in Tuam verstarben innerhalb eines Jahres.


Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Suche nach 800 Kinderleichen im irischen Tuam genehmigt
Knapp 800 Kinder sollen zwischen 1925 und 1961 in einem von der katholischen Kirche betriebenen Heim gestorben und namenlos wie Abfall verscharrt worden sein. Nach ihnen gefragt hat bis 2014 niemand. Jetzt beginnen Ausgrabungen.
(FILES) This file photo taken on June 09, 2014 shows schoolchildren arrive at a shrine in Tuam, County Galway on June 9, 2014, erected in memory of up to 800 children who were allegedly buried at the site of the former home for unmarried mothers run by nuns. 
"Significant quantities" of baby remains have been discovered in an apparent makeshift crypt at the site of a former Catholic home for unmarried mothers in Ireland, an official commission said on March 3, 2017. The find in the town of Tuam in western Ireland came during extensive excavations by the Commission on Mother and Baby Homes, which was set up following the first claims in 2014 of possible child burials at the site.
 / AFP PHOTO / PAUL FAITH