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In Afrika wüten Wetterextreme: Afrika verdorrt und ertrinkt zugleich

In Afrika wüten Wetterextreme: Afrika verdorrt und ertrinkt zugleich

International 4 Min. 04.06.2016

In Afrika wüten Wetterextreme: Afrika verdorrt und ertrinkt zugleich

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
In Afrika wüten die schlimmsten Wetterextreme seit 50 Jahren. Während ein Teil des Kontinents austrocknet, kommt es in anderen Regionen zu Fluten und Erdrutschen., berichtet LW-Korrespondent Markus Schönherr aus Kapstadt.

Von Markus Schönherr

In Afrika wüten die schlimmsten Wetterextreme seit 50 Jahren. Während ein Teil des Kontinents austrocknet, kommt es in anderen Regionen zu Fluten und Erdrutschen. In beiden Fällen macht die Natur Millionen Menschen abhängig von Hilfspaketen. Doch die Zeit für kurzweilige Spendenaktionen ist längst vorüber, warnt die UNO: Katastrophen wie jene in Afrika könnten wegen des voranschreitenden Klimawandels zur neuen Norm zu werden.

Kornkammern sind leer

Nzoka Kathande ist Vorstand eines Kleinfarmerverbands in der Region Kitui im Süden Kenias - eine Rolle, die aus der Not heraus entstand. Der 47-Jährige hatte seine Nachbarn in der Hoffnung zur Zusammenarbeit überzeugt, sie könnten in mageren Zeiten einander unterstützen. Doch mittlerweile verfügt keiner der Selbstversorger mehr über Reserven. Die Kornkammern liegen leer, nachdem in der Region bereits in der zweiten Erntesaison der Regen ausblieb.

Dorfbewohner suchen nach Spuren von Wasser in einem ausgetrockneten Flussbett. Zimbabwe, Region Masvingo.
Dorfbewohner suchen nach Spuren von Wasser in einem ausgetrockneten Flussbett. Zimbabwe, Region Masvingo.
REUTERS

Während die kümmerlichen Maiskolben am Feld verdorren, pflastern die Skelette verdursteter Kühe die Staubstraßen. In dem panischen Versuch, Familienbesitz zu retten, hatten die Farmer ihre Rinder um je zehn US-Dollar verkauft. Mehr war für die halbtoten Tiere nicht drin.Bis zu 20 Kilometer reisen die Bewohner von Kitui jeden Tag, um an Wasser heranzukommen. Ob und wie Kathande, seine Frau und ihre drei Kinder die nächsten Monate überleben, entscheiden die internationalen Hilfsorganisationen.

Globale Hungerkrise

Vor einer „enormen globalen Hungerkrise“ warnt der Chef der UN-Nothilfekoordination (OCHA) Stephen O’Brien. 60 Millionen Menschen gefährden die Wetterextreme derzeit weltweit, die Hälfte davon allein in Süd- und Ostafrika. Viele Länder wie Malawi oder Simbabwe haben angesichts der hungernden Bevölkerung den Notstand ausgerufen.

Eine Frau trägt einen Waserbehälter auf dem Kopf, während sie ein Feld mit Sorghum-Hirse durchquert.
Eine Frau trägt einen Waserbehälter auf dem Kopf, während sie ein Feld mit Sorghum-Hirse durchquert.
REUTERS

Das Grundübel heißt El Niño. Dieses Wetterphänomen durchbricht die zyklischen Strömungen des Pazifiks und schickt einem Teil der Landmassen extreme Regenfälle, während es auf dem anderen ausgedehnte Trockenperioden auslöst.

Störendes Christkind

„Der El Niño hat die diesjährige Saison in vielerlei Hinsicht gestört. Er folgte unmittelbar auf die schlechte Ernte von letztem Jahr“, erklärt der Analytiker des Welternährungsprogramms (WFP) Andrew Odero. Die Staatengemeinschaft schätzt, dass es sich hierbei um den stärksten El Niño der Geschichte handelt und dass sein Gipfel nicht vor Weihnachten erreicht sein wird. Ende Mai ernannte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon deshalb seine ersten zwei „Sondergesandten für El Niño und Klima“.

Für Afrika, seine Bevölkerung und die wirtschaftliche Entwicklung kommt das Wetterphänomen als Vernichtungsschlag. In Südafrika werden Gemüse und Fleisch zur Luxusware. Das Land, das normalerweise als Kornkammer der Region gilt, muss 60 Prozent seiner Grundnahrungsmittel importieren, so wie zuletzt über Tausend Tonnen Mais aus den USA.

Wassermangel schadet Aufschwung

Der Wassermangel schadet auch dem Aufschwung: In Namibia ordneten Behörden die Unternehmen an, ihren Verbrauch um ein Drittel zu drosseln. Coca Cola stellte daraufhin in der Hauptstadt Windhoek seine Getränkeproduktion ein. Ebbe herrscht auch in Sambia, wo es aufgrund des Wassermangels täglich zu Stromausfällen kommt. Der Kariba-Staudamm, die einst nie versiegen wollende Energiequelle des Landes, hat einen historischen Tiefstand erreicht.

Ausgetrocknetes Flussbett.
Ausgetrocknetes Flussbett.
REUTERS

Verstärkt werde die Hungersnot durch politische Fehlentscheidungen, warnen Beobachter. In Simbabwe habe die Regierung zu lange gezögert, ehe sie den Notstand ausrief. Hinzu kämen die Wirtschaftskrise und die ziellose Agrarpolitik, für die viele Präsident Robert Mugabes Landreformen verantwortlich machen. Ab der Jahrtausendwende hatte das Regime Tausende weiße Farmer von ihrem Land vertrieben. Ihre Felder endeten in den Händen von Politikern und elitären Familien. Die Hungerkrise führte jetzt dazu, dass Tausende Schüler den Unterricht versäumen, wie der Schuldirektor David Mwaitomupi erzählt. „Die Schüler laufen mit leeren Mägen mehrere Kilometer zur Schule. Einige flogen im Klassenzimmer bewusstlos um.“ Ein Drittel von Simbabwes Bevölkerung ist derzeit abhängig von Hilfsgütern.

Hilfe ist nicht genug

In Ostafrika schlägt El Niño gleich doppelt zu: Während in Tansania die ausgetrocknete Baumwolle aus den Hüllen fällt, leiden Kenia und Ruanda unter sintflutartigem Regen. Seit Jahresbeginn starben in Ruanda mehr als 120 Menschen durch Erdrutsche, Tausende Kenianer wurden obdachlos. Ebenso litten die Äthiopier erst unter der stärksten Dürre seit Jahrzehnten und nun unter Überschwemmungen.

Eine Frau in Zimbabwe bereitet Sorghum-Hirse als Mahlzeit vor.
Eine Frau in Zimbabwe bereitet Sorghum-Hirse als Mahlzeit vor.
REUTERS

Die Stimmung war überschwänglich, als Elhadj As Sy, der Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften, Mitte Mai die Dürre-Provinz Mduzi in Simbabwe besuchte. 85 Prozent der Einwohner leben aktuell von Spenden. Die Organisation will ihnen und dem südlichen Afrika in den nächsten fünf Jahren mit 110 Millionen US-Dollar helfen. Entscheidungsträger wie die UNO warnen allerdings, dass „Hilfe nicht genug ist“. Um die Schwächsten zu stärken, brauche es in Zeiten des Klimawandels einen „längerfristigen Ansatz“.

Umstieg auf dürreresistente Saat

Die Organisation Farm Africa will einen Weg gefunden haben, Afrikas Kleinbauern über die Nothilfe hinaus zu unterstützen. Seit 1982 hilft die britische Organisation Kleinbauern in Ostafrika und propagiert immer lauter den Umstieg auf eine „klimaresistente Landwirtschaft“. Über die kommenden Jahrzehnte werden die Temperaturen in Afrika schneller ansteigen als im weltweiten Durchschnitt, was den Kontinent besonders anfällig macht für die Auswirkungen der Erderwärmung.

Farm Africa unterstützt den Umstieg auf dürreresistente Saat wie Sorghumhirse und bringt den Bewohnern bei, wie sie in Zeiten von Dürre Boden und Pflanzen schützen. Dazu gehören auch neue Pflanz- und Bewässerungstechniken. „Das ist wichtig, um den Kreis von Geben und Nehmen zu durchbrechen“, sagt Nzoka Kathande, der Vorstand des Kleinfarmerverbands in Kenia. „Das Training hilft uns dabei, unabhängig zu werden. So können wir uns weiter verbessern, wenn Farm Africa uns eines Tages verlässt.“