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Immer noch auf der Flucht: Wo ist Jürgen Conings?
International 5 4 Min. 22.05.2021

Immer noch auf der Flucht: Wo ist Jürgen Conings?

Das belgische Militär fährt auf der Suche nach dem abtrünnigen Kameraden schweres Geschütz auf.

Immer noch auf der Flucht: Wo ist Jürgen Conings?

Das belgische Militär fährt auf der Suche nach dem abtrünnigen Kameraden schweres Geschütz auf.
Foto: AFP
International 5 4 Min. 22.05.2021

Immer noch auf der Flucht: Wo ist Jürgen Conings?

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
Die belgische Polizei jagt seit Tagen einen bewaffneten Neonazi. Auch am Samstag gibt es keine Spur von ihm. Im Internet erhält er Zuspruch. Der Fall wirft viele Fragen auf. Zum Beispiel die nach der politischen Verantwortung.

Der Fall hält das westliche Nachbarland Luxemburgs seit Tagen in Atem: Die belgische Polizei, verstärkt durch das Militär und Kräfte aus dem Ausland, fahndet auch am Samstag nach Jürgen (manchmal auch: Jurgen) Conings, einem 46-jährigen Berufssoldaten. Bisher gibt es keine Spur von dem Mann, der als bewaffnet, gefährlich und rechtsextrem gilt. 

Was ist passiert?

Conings ist seit Montag verschwunden, nachdem er sich in seiner Kaserne in Leopoldsburg, Provinz Limburg offenbar ausgiebig mit Waffen und Munition eingedeckt hatte. Sein Geländewagen, wahrscheinlich versehen mit einer Sprengfalle, wurde von einem Förster in der Gemeinde Niel-bij-As in der Nähe von Genk gefunden. Darin stellten die Fahnder vier Antipanzerraketen und Munition sicher. Was Medienberichten zufolge aber noch fehlt: Eine Handfeuerwaffe, eine Kompakt-Maschinenpistole des Typs FN-P90 und eine größere Anzahl Patronen - die könnte der Flüchtige bei sich tragen. 

Die FN-P90 aus belgischer Herstellung.
Die FN-P90 aus belgischer Herstellung.
Foto: gemeinfrei

Conings hat drei Abschiedsbriefe hinterlassen, in denen er staatlichen Institutionen, aber auch Einzelpersonen mit einem Anschlag droht. Er sei bereit, zu sterben heißt es da. Und dass er sich bewusst sei, „plötzlich Staatsfeind zu sein“. Ein Hassobjekt für ihn ist offensichtlich der belgische Virologe Marc van Ranst, der mit seiner Familie seitdem unter Polizeischutz steht. Conings hatte van Ranst schon des öfteren im Internet bedroht - offensichtlich ist der Soldat ein radikaler Gegner der belgischen Coronapolitik. 

Zwischenzeitlich wurden weitere Details über die Wege bekannt, die Conings genommen hat, bis sich seine Spur verlor: Am Montagababend soll er sich einige Stunden in der Nähe von Van Ransts Wohnung aufgehalten haben. Der Virologe wurde schon frühzeitig mit seiner Familie an einen sicheren, geheimen Ort gebracht. Am Dienstag hinterlegte Conings laut der Zeitung "Het Belang van Limburg" seine militärischen Auszeichnungen, die er für Auslandseinsätze erhalten hat, am Grab seiner Eltern. Diese Nachricht wurde später von den Behörden bestätigt.

Wer ist Jürgen Conings?

Der 46-Jährige ist seit 1992 Soldat bei der belgischen Armee. Laut Medienberichten hat er mehrere Auslandseinsätze absolviert: Ex-Jugoslawien, Libanon, Afghanistan, Irak. Er soll auch ausgebildeter Scharfschütze sein. Conings war nach seiner Rückkehr nach Belgien bei der Militärpolizei in Peutie bei Brüssel stationiert. Dort soll er Zugang zu sensiblen Informationen gehabt haben. 

Das Foto von Conings' LinkedIn-Account zeigt ihn in Freizeitkleidung in einem Auto.
Das Foto von Conings' LinkedIn-Account zeigt ihn in Freizeitkleidung in einem Auto.
Foto: Screenshot Linkedin

Im Jahr 2020 gerät seine Militärkarriere allerdings aus den Fugen: Weil Conings offen rechtsradikal ist, unter anderem soll er Mitglied bei der rechtsextremen Bewegung Knights of Flanders sein, verhängt das Verteidigungsministerium eine Disziplinarstrafe. Eine Klage gegen ihn wurde zuvor abgewiesen. Pikant: Beim Militär darf er bleiben, obwohl die belgische Anti-Terror-Behörde OCAM in von nun an als „potenziell gewalttätigen Extremisten“ führt. 

Mitte 2020 wird Conings strafversetzt in die Kaserne nach Leopoldsburg. Dort wird er Ausbilder und leitet Schießübungen für Soldaten, die zu Auslandseinsätzen abkommandiert werden - eine Funktion, in der er freien Zugang zu den Munitions- und Waffendepots der Kaserne hatte. Nach Angaben des Nachrichtenmagazins vrt.be war Conings nicht der einzige Rechtsextremist in der Leopoldsburger Kaserne.

Die belgische Verteidigungsministerin Ludivine Dedonder hat zwischenzeitlich vor dem Parlament eingestanden, dass Conings Ansichten bereits 2020 unter anderem wegen seiner Facebook-Postings auch höheren Stellen bekannt gewesen seien. Das habe „offenbar nicht gereicht, um ihm den Zugang zu Waffen und Munition zu verwehren“. Einen Rücktritt schloss sie aus.

Der Stand der Dinge

Stand Samstagvormittag ist Conings immer noch flüchtig. Ein Kontingent aus rund 400 Soldaten und Polizisten aus verschiedenen Ländern hat erfolglos den Nationalpark „Hoge Kempen“ durchkämmt. Auch Einheiten der USP der Police Grand-ducale sind an der Suche beteiligt. Die Polizei der Nachbarstaaten ist informiert, falls der 46-Jährige einen Grenzübertritt plant. 

Die Behörden gehen davon aus, dass Conings noch lebt und weiterhin gefährlich ist. Es sei auch bislang nicht auszuschließen, dass er Depots angelegt habe, um sich auf der Flucht versorgen zu können, hieß es. Seine Ausbildung lasse es ohne weiteres zu, Wochen im Freien überleben zu können, so ein ehemaliger Vorgesetzter gegenüber der Zeitung „De Morgen“. Conings Profil auf der Netzwerk-Plattform LinkedIn listet Kenntnisse in Erster Hilfe, Verwundetenversorgung im Gefecht („Tactical Combat Casualty Care“), aber auch im Umgang mit Handfeuerwaffen und Personenschutz auf. 

Foto: Screenshot LinkedIn

Mehrere Moscheen in der Provinz Limburg sind vorsorglich geschlossen worden und mit Polizeischutz versehen worden. Schulen in der Umgebung des 12.000 Hektar großen Nationalparks haben weiterhin regulär Unterricht, einige Eltern haben ihre Kinder aber vorsorglich zuhause gelassen. 


This handout picture released by Belgian Federal Police on May 19, 2021 shows an undated portrait of Jurgen Conings. Belgian police were hunting for Jurgen Conings, a soldier with suspected far-right views who has gone on the run after threatening public figures, including renowned virologist Marc Van Ranst, a leading academic who has become a public figure in Belgium during the coronavirus crisis. - Special police units deployed overnight near the missing serviceman's home town of Dilsen-Stokkem in the northeast of the country, near the Dutch border. (Photo by Handout / BELGIAN FEDERAL POLICE / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT "AFP PHOTO / BELGIAN FEDERAL POLICE " - NO MARKETING - NO ADVERTISING CAMPAIGNS - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS
Bewaffneter Neonazi in Belgien immer noch flüchtig
In der belgischen Provinz Limburg fahndet die Polizei nach einem bewaffneten Soldaten. Die Luxemburger Polizei hat Spezialkräfte im Einsatz.

Die generelle Gefahrenstufe in Belgien bleibt weiterhin auf Stufe 2. Am Samstag wurde bekannt, dass zwischenzeitlich ein Ermittlungsrichter mit dem Fall betraut wurde, der Tatverdacht lautet auf „Mordversuch und verbotener Waffenbesitz in terroristischem Zusammenhang“. Damit ist Conings jetzt auch offiziell ein Terrorverdächtiger. Im Umfeld des Flüchtigen wurden mehrere Wohnungen in Flandern durchsucht, darunter auch seine eigene und die von Tomas Boutens, einem bekannten belgischen Neonazi und ebenfalls ehemaligem Soldaten. 

Unterstützung für Conings in den sozialen Medien

Es gibt eine Reihe von Solidaritätsbekundungen mit Conings, eine Gruppe auf Facebook namens „Wir stehen hinter Jürgen“ („Als 1 achter Jürgen“) hat bereits mehr als 20.000 Mitglieder. Am Freitagabend wurde dort zu einem Schweigemarsch aufgerufen. Einer der Gründer der Gruppe sagte der Zeitung „Het Nieuwsblad“, man wünsche sich lediglich einen fairen Prozess für Conings. 

Beunruhigend: 26.000 Menschen sind Mitglied einer Facebook-Gruppe, die Conings als "unseren Helden" bezeichnet und von Machtmissbrauch spricht.
Beunruhigend: 26.000 Menschen sind Mitglied einer Facebook-Gruppe, die Conings als "unseren Helden" bezeichnet und von Machtmissbrauch spricht.
Foto: Screenshot Facebook, Samstag, 13.45 Uhr

Die belgische Innenministerin Annelies Verlinden kritisierte diese Tendenzen: „Natürlich gibt es bei verschiedenen Leuten auch verschiedene Meinungen. Aber wer in ihm einen Helden oder eine Figur wie Rambo sieht, der täuscht sich, glaube ich.“


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