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Im Land der brennenden Turnschuhe
International 4 Min. 05.09.2018 Aus unserem online-Archiv

Im Land der brennenden Turnschuhe

Colin Kaepernick - vom Quarterback zum Rebellen.

Im Land der brennenden Turnschuhe

Colin Kaepernick - vom Quarterback zum Rebellen.
AFP
International 4 Min. 05.09.2018 Aus unserem online-Archiv

Im Land der brennenden Turnschuhe

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
Nike wirbt mit dem Ex-NFL-Quarterback Colin Kaepernick. Das ist wegen Kaepernicks Protest ein Deal, der nicht jedem gefällt. Donald Trump schimpft, die Nike-Aktie fällt und US-Amerikaner verbrennen ihre Turnschuhe.

(dpa/sid/tom) - Die jüngsten Attacken von Donald Trump sind gerade erst verhallt, da wird der Werbe-Coup des eigenen Ausrüsters für die NFL zum brisanten Politikum. Kurz vor Saisonstart engagierte der Sportartikelhersteller Nike ausgerechnet den Quarterback-Rebellen Colin Kaepernick als Gesicht seiner neuen Kampagne. Obwohl sich der geächtete Profi derzeit mitten im Rechtsstreit mit der National Football League befindet. 


Colin Kaepernick während der Nationalhymne.
American Football als Politikum: Kaepernicks Knie - und was daraus wurde
Im August 2016 boykottierte der Quarterback der 49ers die Nationalhymne, um gegen Rassismus zu protestieren. Nach dem einkalkulierten Aufschrei wurde es schnell ruhiger um Colin Kaepernick. Dabei hat er viel zu sagen.

Damit fällt nach den immer neuen Angriffen von US-Präsident Trump gegen protestierende Profis und der ersten Teil-Niederlage im Verfahren gegen Kaepernick der nächste Schatten auf die neue NFL-Spielzeit. Diese beginnt am Donnerstag (Ortszeit) mit dem Duell von Super-Bowl-Champion Philadelphia Eagles gegen Atlanta Falcons. 

Mit Kaepernick begann vor gut zwei Jahren die Welle an Protesten von NFL-Profis, die sich während der amerikanischen Hymne per Kniefall oder mit erhobenen Fäusten gegen Polizeibrutalität und Rassenungleichheiten aussprechen. Die San Francisco 49ers entließen ihren Spielmacher am Ende der Saison 2016/17, seitdem findet er kein neues Team mehr.

Im Oktober 2017 leitete Kaepernick rechtliche Schritte gegen die Liga ein, weil die Club-Besitzer ihn aus seiner Sicht im Zuge einer Verschwörung aus der Liga halten. Ein Schlichter sah vergangene Woche nun genug Hinweise für eine derartige Absprache, so dass demnächst Besitzer, Trainer und Teamverantwortliche aussagen müssen. Ein Albtraum-Szenario für die NFL, die gehofft hatte, die Causa schnell vom Tisch zu haben. Kaepernick darf damit auf eine millionenschwere Entschädigung hoffen - einen Job kann er sich aber nicht einklagen. Somit kommt die neue Werbekampagne für die NFL zur Unzeit, erst im März war der Ausrüstervertrag mit Nike bis 2028 verlängert worden.

Nike mietet bei Donald Trump

Trump, es war zu erwarten, schaltete sich bereits kurz nach Bekanntwerden der Kaepernick-Kampagne erneut in die Debatte ein - und setzte den Sportartikelhersteller gehörig unter Druck:  Nikes Werbe-Zusammenarbeit mit Kaepernick sende eine „furchtbare Botschaft“ aus, sagte Trump am Dienstag (Ortszeit) im Weißen Haus der konservativen Internetseite „The Daily Caller“. 


San Francisco, 2016: Colin Kapernick (M.) tritt eine Protestwelle los. Wenig später wurde er arbeitslos.
NFL-Hymnenprotest: Nike wirbt mit Kaepernick
Die NFL und der Hymnenprotest - ein schwelender Konflikt. Eine Republikanerin nannte schwarze Football-Spieler "Paviane". Der Sportartikelhersteller Nike stellt sich unterdessen demonstrativ hinter Colin Kaepernick.

Außerdem, so Trump in dem Interview, sei Nike in New York Mieter in einem seiner Gebäude: "Sie zahlen viel Miete". Die Aktien des Konzerns aus Beaverton (Bundesstaat Oregon) reagierten spürbar auf die Verbalattacke, sie verloren an der New Yorker Börse 3,2 Prozent. Gesunken sind übrigens auch die TV-Quoten der Liga: Einen Zuschauerrückgang von 9,7% musste die NFL in der vergangenen Saison wegstecken. 

Die amerikanische Bevölkerung ist in der Debatte um die Proteste weitgehend gespalten. In einer Umfrage der NBC News und des „Wall Street Journal“ antworteten kurz vor Saisonstart 54 Prozent, dass das Knien während der Hymne nicht angemessen sei, um auf die Anliegen der Spieler aufmerksam zu machen. 43 Prozent sehen dies anders. 

Und von denen, die es unangemessen finden, greifen seit dem Nike-Deal so einige zu drastischen Maßnahmen: Unter den Hashtags #BoykottNike und #JustBurnIt sind in den sozialen Medien zahlreiche Bilder und Videos von Nutzern zu finden, die ihre Turnschuhe verbrennen, in den Müll werfen, oder ihre Nike-Socken zerschneiden.

"Pat Tillman wäre der erste, der sich hinknien würde"

Doch die Debatte reicht natürlich weiter als in Amerikas Stadien und Kleiderschränke: Es ist eine Mischung aus Sport, Konsum und Patriotismus, die hier mit jedem neuen Kniefall und mit jedem Trump-Tweet zum Thema neu verhandelt wird. Kaepernick, der Mann mit der markanten Afro-Frisur taugt zur rebellischen Ikone vielleicht sogar noch besser als zum NFL-Star. Doch unpatriotisch ist sein Hymnenboykott tatsächlich nur auf den ersten Blick. Es mehren sich die Stimmen, die sagen: Im "Land of the Free" muss man das Recht haben, während der Hymne zu stehen, ODER zu knien. 

Corporal Pat Tillman im Jahr 2003. Der ehemalige NFL-Profi meldete sich nach dem 11. September 2001 freiwillig zum Wehrdienst und gab dafür einen Millionenvertrag auf. Er fiel 2004 in Afghanistan durch "Friendly Fire".
Corporal Pat Tillman im Jahr 2003. Der ehemalige NFL-Profi meldete sich nach dem 11. September 2001 freiwillig zum Wehrdienst und gab dafür einen Millionenvertrag auf. Er fiel 2004 in Afghanistan durch "Friendly Fire".
Foto: Public Domain

So formuliert es auch Marie Tillman. Ihr Mann Pat war NFL-Profi für die Arizona Cardinals. 2004 fiel er in Afghanistan, irrtümlich von eigenen Kameraden erschossen. Donald Trump hatte Tillman im September vergangenen Jahres als Argument gegen die Hymnenproteste benutzt - wegen Männern wie Tillman sei das Knien während der Hymne respektlos. 

Tillmans Witwe antwortete mit einer öffentlichen Erklärung an CNN: "Die Freiheit, seine Meinung sagen zu dürfen, unabhängig vom Inhalt - dafür haben Pat und viele andere Amerikaner ihr Leben gegeben. Auch wenn sie diese Meinungen vielleicht nicht immer geteilt haben." Der Wehrdienst ihres Mannes und der aller anderen Soldatinnen und Soldaten, so Marie Tillman, "sollte niemals politisch instrumentalisiert werden, um uns zu spalten." 

Tillmans Name fällt neuerdings wieder öfter auf Twitter - von Kritikern an Kaepernicks Nike-Werbung. Seine Geschichte passe eher zu dem Werbespruch "Glaube an etwas, auch wenn Du dafür alles aufgeben musst", so  das Argument.   

Der bekannte Sachbuchautor Jon Krakauer, der Tillmans tragische Geschichte in einem Buch aufgearbeitet hat, will das so nicht stehen lassen. In einem Interview mit der Washington Post sagte Krakauer am Dienstag: "Tillman wäre der erste, der sich hinknien würde - er würde Kaepernick für seinen Glauben an eine gute Sache bewundern."


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