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"Ich will eine Scheidung"
International 3 Min. 01.02.2016 Aus unserem online-Archiv
Exklusiv für Abonnenten
Ukip-Chef Nigel Farage in Luxemburg

"Ich will eine Scheidung"

Farage in Luxemburg
Ukip-Chef Nigel Farage in Luxemburg

"Ich will eine Scheidung"

Farage in Luxemburg
Chris Karaba
International 3 Min. 01.02.2016 Aus unserem online-Archiv
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Ukip-Chef Nigel Farage in Luxemburg

"Ich will eine Scheidung"

Diego VELAZQUEZ
Diego VELAZQUEZ
In seiner Heimat gilt Nigel Farage als knallharter Populist und lauter Befürworter des EU-Austritts Großbritanniens. Am Montag war der britische Politiker in Luxemburg ... Ein Gesprächsversuch.

Interview: Diego Velazquez

Herr Farage, warum hassen 
Sie die EU eigentlich so sehr?

Ich glaube an Nationalstaaten. Ich hasse die Idee, unterschiedliche Länder in so eine enge Weste drücken zu wollen. Ich will keine EU-Flagge, keine EU-Hymne und keine EU-Hauptstadt. Zusammenarbeit ist okay, aber eine politische Union will ich nicht. Manchmal muss man einfach einsehen, dass eine Ehe nicht klappt, und dann ist die gute Lösung, eine Scheidung in einer freundlichen Art und Weise anzustreben.

Geht es in der „Brexit“-Debatte somit vor allem um Gefühle und Ressentiments, also nicht um 
Fakten und Argumente?

Wenn man über die ökonomischen Fragen eines EU-Austritts des Vereinigten Königreiches spricht, gibt es keine richtige und keine falsche Antwort. Jene, die nicht austreten wollen, sagen, wir würden danach ärmer sein. Ich sage aber, wir könnten dadurch reicher werden. Aber schlussendlich wird diese Frage egal sein und die meisten Menschen langweilen. Eigentlich geht es darum, ob die Briten sich europäisch fühlen oder nicht.

Also glauben Sie, dass die 
Verhandlungen mit der EU keinen Einfluss auf den Ausgang des 
Referendums haben werden?

Mein Gott! Diese Verhandlungen sind so etwas von irrelevant. Eine fundamentale Reform der EU-Mitgliedschaft Großbritanniens wäre durchaus sexy gewesen, aber der britische Premier David Cameron verhandelt über Details. Ich glaube, dass die Debatte unabhängig von den Verhandlungen darum gehen wird, ob wir sicherer sind innerhalb der EU oder, ob es besser wäre, unsere Grenzen wieder selbst zu kontrollieren.

Was verstehen Sie mit „Grenzen kontrollieren“? EU-Bürger werden gründlich untersucht, wenn sie nach Großbritannien wollen, da das Land nicht zum Schengenraum gehört.

Wenn Sie ein Krimineller wären, würden wir Sie momentan trotzdem reinlassen. Das hängt nicht vom Schengenraum ab.

Dann würde ich eher im Gefängnis sitzen, anstatt in einem Zug 
unterwegs nach London ...

... Hier geht es eher um tiefe kulturelle Fragen, wie wir uns innerhalb der EU fühlen und ob wir uns da sicher fühlen. Ich glaube, dass wir strengere Grenzkontrollen brauchen. Auch hat die Immigration die Löhne deutlich runtergedrückt.

Farage in Luxemburg
Farage in Luxemburg
Chris Karaba


Sind es wirklich die Ausländer, die über die Löhne entscheiden? 
Eine Regierung hat doch Hebel, 
um Mindestlöhne festzulegen.

Das ist eine einfache Frage der Marktwirtschaft. Auch ist die kulturelle Frage wichtig. Bislang hat Integration gut funktioniert, weil die Zahlen überschaubar waren. Das geht mit einer Politik der offenen Türen nicht. Ich finde hingegen, dass Rosinenpickerei gut ist. Ja zum deutschen Arzt, Nein zum ungebildeten Rumänen. Die Erweiterung der EU war ein Fehler.

Sie reden von Rosinenpickerei. 45 Prozent der britischen Exporte gehen in die EU. Wollen Sie darauf verzichten? 

Es sind keine 45 Prozent, sondern lediglich 38 Prozent. Natürlich wollen wir dennoch weiter mit der EU Geschäfte machen. Doch ich glaube, dass die Wichtigkeit des europäischen Marktes zurückgeht. Zudem, will ich kein Teil des EU-Binnenmarkts sein. Ich will nur Zugang dazu haben. Mindeststandards sind okay, aber keine massiven Regelungen aus Brüssel.

Dieses Argument funktioniert nur dann, wenn man nicht an globale Herausforderungen glaubt wie 
Umwelt- und -Klimaschutz.

Es macht keinen Sinn, als Einziger etwas unternehmen zu wollen, wenn es China und Indien egal ist und diese dadurch wettbewerbsfähiger sind. 

Haben Sie keine Angst, dass 
finanzielle Dienstleistungen die 
„City of London“ verlassen werden? 

Die „City of London“ ist ein globales Zentrum, kein europäisches. 

Besteht kein Risiko, mit einem EU-Austritt Schottland neue Gründe zu geben, um Großbritannien 
verlassen zu wollen?

Das ist ein trügerisches Argument. Unser Referendum geht über die Unabhängigkeit. Warum sollten Schotten, die für ihre Unabhängigkeit sind, gegen die Unabhängigkeit Großbritanniens stimmen?


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