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Hitlergruß auf dem Klassenfoto
International 3 Min. 13.11.2018 Aus unserem online-Archiv

Hitlergruß auf dem Klassenfoto

Fast alle männlichen Schüler dieser amerikanischen Abschlussklasse 2019 amüsieren sich über den Hitlergruß. Außer Jordan Blue (hinten rechts).

Hitlergruß auf dem Klassenfoto

Fast alle männlichen Schüler dieser amerikanischen Abschlussklasse 2019 amüsieren sich über den Hitlergruß. Außer Jordan Blue (hinten rechts).
Foto: Screenshot Twitter @jules_su
International 3 Min. 13.11.2018 Aus unserem online-Archiv

Hitlergruß auf dem Klassenfoto

Tom RUEDELL
Tom RUEDELL
An einer Highschool im US-Bundesstaat Wisconsin haben etliche Schüler für ein Klassenfoto mit erhobenem rechten Arm posiert. Die Schule distanziert sich. Kritik kommt unter anderem von der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

Es hätte ein ganz normales Gruppenfoto werden können. Ungefähr 50 junge Männer um die 16 stehen auf den Treppen des Schulgebäudes und amüsieren sich köstlich mit dem Fotografen. Sie tragen feinen Zwirn - ganz offensichtlich ist die Aufnahme vor oder während dem Schulball entstanden. Diese "Proms" genannten Veranstaltungen sind an amerikanischen Highschools ein wichtiger Termin mit Abendgarderobe und strengem Protokoll, bei gleichzeitig lockerer Stimmung. Das Foto würde dazu passen - wenn da nicht der Hitlergruß wäre, den bis auf wenige Ausnahmen alle Schüler auf dem Foto zeigen. 

Entstanden ist das Bild im Frühjahr im Schulbezirk Baraboo im Bundesstaat Wisconsin, seit Montag macht es in den sozialen Netzwerken die Runde. Die Leiterin der Schulbehörde distanziert sich: Das Bild spiegele nicht die Werte des Bezirks wider, Maßnahmen seien bereits eingeleitet. In die "Ermittlungen" hat sich unterdessen auch die Polizei eingeschaltet.

Der einsame Widerstand des Jordan Blue

In der oberen Reihe ganz rechts steht ein Schüler, der den Arm nicht hebt. Dem Journalisten Jules Suzdaltsev, der auf Twitter als einer der Ersten nach dem Hintergrund des Bildes fragte, sagte er: "Mein Name ist Jordan Blue. Man sieht mir an, dass mir das unangenehm ist, aber ich bin mit auf dem Bild, weil es so schnell ging. Der Fotograf hat uns gesagt, wir sollten die Geste machen. Ich kann keinen Gruß für etwas machen, an das ich absolut nicht glaube." Der Schüler führt weiter aus, dass solche Szenen an der Schule nicht selten seien. "Das ist die Abschlussklasse 2019 und nichts wird dagegen getan."

Während sich die erhobenen rechten Arme als geschmackloser Witz des Fotografen in Verbindung mit dem entsprechenden Gruppendruck abtun lassen, spricht ein weiteres Detail dagegen: Einer der Jungen, er steht in der ersten Reihe genau in der Mitte, hebt zwar nicht den Arm, formt aber mit der rechten Hand das "OK"-Zeichen, das als Symbol der White-Power-Bewegung verstanden werden kann. 

Kritik im Netz ließ nicht lange auf sich warten. Unter anderem die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau meldete sich zu Wort. 

"Das ist der Grund, warum wir jeden Tag hart arbeiten, um aufzuklären. Wir müssen erklären, warum es gefährlich ist, wenn diese hasserfüllte Ideologie Erfolg hat. Auschwitz mit seinen Gaskammern war das Ende eines sehr langen Prozesses der Normalisierung", heißt es auf dem Twitter-Kanal der Gedenkstätte.

Nur einer grüßt nicht: Der Fall August Landmesser 

(Fast) alle machen mit, einer nicht - das gab es schon mal. Das Foto aus Baraboo hat eine ungewollte historische Parallele: Auf einem Foto, das 1936 in einer Hamburger Werft entstand, sieht man eine große Gruppe Werftarbeiter geschlossen beim Hitlergruß. Der Anlass war der Stapellauf eines Segelschulschiffs der damaligen Kriegsmarine. Hitler selbst soll anwesend gewesen sein, und so sollte die Belegschaft dem Führer "ihren" Respekt erweisen. Auf dem Foto ist deutlich ein Mann zu erkennen, der sich diesem Spektakel verweigert und stattdessen die Arme verschränkt. 

Foto: gemeinfrei

Die Identität des Grußverweigerers ist nicht zweifelsfrei zu ermitteln. Es wird mittlerweile angenommen, dass es sich dabei um August Landmesser handelt, einen damals 25-jährigen Werftarbeiter. Landmesser war mit der Jüdin Irma Eckler verlobt, durfte sie aber wegen der 1935 erlassenen "Rassengesetze" nicht heiraten. Das Paar hatte zwei Kinder. Weil Landmesser sich weiterhin öffentlich mit der Mutter seiner Töchter zeigte, kam er zunächst wegen "Rassenschande" ins Zuchthaus, dann in ein Strafbataillon der Wehrmacht. Die Nazis verschleppten Irma Eckler ins KZ Ravensbrück und ermordeten sie in der Pflegeanstalt Bernburg bei Dessau, vermutlich im April 1942. Landmesser fiel vermutlich 1944 in Kroatien.  


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