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Hitler wollte Liechtenstein nicht
Die Residenz der Fürstenfamilie in Vaduz.

Hitler wollte Liechtenstein nicht

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Die Residenz der Fürstenfamilie in Vaduz.
International 1 3 Min. 23.01.2019

Hitler wollte Liechtenstein nicht

Das Fürstentum Liechtenstein feiert dieses Jahr sein 300-jähriges Bestehen. Zum Auftakt der Feierlichkeiten am 23. Januar blicken die Menschen in dem Ministaat auch auf eine der größten Krisen ihrer Geschichte.

Von LW-Korrespondent Jan Dirk Herbermann in Genf

Als am 12. März 1938 die deutschen Truppen in Österreich einmarschierten, ging im benachbarten Liechtenstein die Angst um. Was hat Adolf Hitler mit dem Fürstentum vor? Soll Liechtenstein in etwa geschluckt werden? Alarmiert von der braunen Gefahr an der östlichen Grenze machte sich der damalige Regierungschef Josef Hoop auf den Weg zum Fürsten von Liechtenstein. Doch die Herrscherfamilie, eine der ältesten österreichischen Adelsdynastien, residierte zum damaligen Zeitpunkt ausgerechnet im entfernten Wien, das nun in der Hand Hitlers war.

„Diese Zeit des Anschlusses Österreichs an Deutschland war sicher eine der bedrohlichsten in der Geschichte unseres Landes“, sagt heute Rainer Vollkommer,  Direktor des Landesmuseums in Liechtensteins Hauptstadt Vaduz. „Wenn wir in diesem Jahr den 300. Geburtstag des Fürstentums feiern, sollten wir auch dankbar sein, dass wir unsere staatliche Souveränität bewahren konnten.“

Eingeläutet werden die Jubiläumsfeierlichkeiten am Mittwoch, exakt 300 Jahre nachdem Kaiser Karl VI. am 23. Januar 1719 die Grafschaft Vaduz und die benachbarte Herrschaft Schellenberg zusammen geschlagen und das Gebiet zu einem Reichsfürstentum mit dem Namen Liechtenstein erhoben hat. Kurz zuvor nämlich hatte Fürst Johann Adam Andreas von Liechtenstein die ärmlichen, aber reichsunmittelbaren Territorien erworben.

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Die Herrschaft über Gebiete, die direkt dem Kaiser unterstanden, war notwendig, um dauerhaft im Reichsfürstenrat Platz nehmen zu können. Nachdem der Aufstieg geschafft war, zeigten die Fürsten von Liechtenstein allerdings nicht gerade großes Interesse für ihren Staat: Der erste Besuch eines Fürsten erfolgte erst ganze 123 nach der Staatsgründung im Jahre 1842. Bis 1938 genossen Liechtensteins Staatsoberhäupter ein Leben in ihren prunkvollen Schlössern in Wien und in der damaligen Tschechoslowakei. Das karge Vaduz wurde indessen verschmäht.

Politischer Drahtseilakt in Wien

Dieses doch kuriose Privileg ließ sich nach der Einverleibung Österreichs durch das Dritte Reich 1938 nicht mehr aufrechterhalten. „Der todkranke Fürst Franz I. und Regierungschef Hoop legten auf ihrer Wiener Krisensitzung, die am Wochenende des sogenannten Anschlusses stattfand, klare Ziele fest“, erläutert Historiker Vollkommer, der eine Ausstellung zu den Ereignissen organisierte. „Die staatliche Selbstständigkeit mit der engen Anbindung an die Schweiz sollte unbedingt gewahrt werden. Gleichzeitig aber wollte man das Dritte Reich nicht reizen.“ Liechtenstein wäre der deutschen Wehrmacht völlig schutzlos ausgeliefert gewesen. Das wirtschaftlich schwache Fürstentum verfügte noch nicht einmal über eine Armee. Diese war im Jahre 1868 von Fürst Johann II. abgeschafft worden.

Angesichts der Spannungen erschien Thronfolger Franz Josef am 18. März 1938 in Liechtenstein. Dort sollte er in Zukunft residieren – und damit den Anspruch auf ein unabhängiges Liechtenstein untermauern. Auch der Landtag von Liechtenstein pochte auf die Eigenständigkeit des Landes. Ganz vorne kämpfte der Landtagspräsident Anton Frommelt, ein katholischer Pfarrer, für das Weiterbestehen des Staates. Doch schwirrten an jenen Tagen wilde Gerüchte über eine bevorstehende Annexion oder eine Beruhigung der Lage umher, auch in den Zeitungen des Auslandes. So meldeten am 17. März die Neuen Zürcher Nachrichten: „Liechtenstein bleibt unabhängig “. Nur zwei Tage später, am 19. März, hieß es in der Arbeiterzeitung aus Winterthur hingegen: „Doch Anschluss Liechtensteins?“.

Keiner der Journalisten wusste, dass Hitler tatsächlich am 18. März einen Entschluss gefasst hatte: Der Hasardeur an der Spitze des Deutschen Reiches wollte Liechtenstein nicht. „Wunsch des Führers ... dass wir uns nicht einmischen“, heißt es in einer handschriftlichen Randbemerkung auf einem Dokument des Auswärtigen Amtes im Berlin vom 19. März 1938. Hitlers „Wunsch“ blieb jedoch unter Verschluss. Liechtenstein sei für Hitler zu unbedeutend gewesen, so hält der Historiker Donat Büchel in einer Schrift des Landesmuseums fest. „Nach dem Anschluss Österreichs war Hitler zudem um den Eindruck bemüht, er wolle Frieden in Europa.“

Tatsächlich blieb Liechtenstein von der Eroberungsgier der NS-Führung verschont. Nach dem Tod von Franz I. im Juli 1938 folgte ihm Franz Josef II. als Fürst von Liechtenstein. Dieser ließ sich dann auch als erstes Staatsoberhaupt von Liechtenstein in Liechtenstein nieder, auf Schloss Vaduz.