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Harris und Pence vermeiden Schlammschlacht
International 7 Min. 08.10.2020 Aus unserem online-Archiv

Harris und Pence vermeiden Schlammschlacht

In Salt Lake City fand die einzige TV-Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten Kamala Harris und Mike Pence statt.

Harris und Pence vermeiden Schlammschlacht

In Salt Lake City fand die einzige TV-Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten Kamala Harris und Mike Pence statt.
Foto: AFP
International 7 Min. 08.10.2020 Aus unserem online-Archiv

Harris und Pence vermeiden Schlammschlacht

Nachdem das TV-Duell von Donald Trump und Joe Biden im Chaos versank, bekamen die Amerikaner zumindest von ihren Vize-Kandidaten eine geordnetere Debatte geboten.

(dpa/mer) - Bei der einzigen TV-Debatte der beiden US-Vizepräsidentschaftskandidaten haben sich Amtsinhaber Mike Pence und Herausforderin Kamala Harris einen Schlagabtausch ohne heftige verbale Attacken gegeneinander geliefert. Anders als beim Fernsehduell zwischen den Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und Joe Biden in der Vorwoche ließen sich die Kontrahenten meist ausreden und hielten sich weitgehend an die Vorgaben der Moderatorin Susan Page von der Zeitung „USA Today“. Pence überzog jedoch immer wieder die ihm zugeteilte Zeit. Er ließ sich auch von der Moderatorin nicht unterbrechen und redete einfach weiter.

Beide Kandidaten wichen der Frage aus, wie ihre Absprachen mit den jeweiligen Präsidentschaftsanwärtern für eine Machtübergabe sind. Es ist ein wichtiger Punkt: Trump ist 74 Jahre alt und an Covid-19 erkrankt, Biden ist 77. Jeder der beiden wäre bei Amtsantritt im Januar 2021 der älteste Präsident in der US-Geschichte. 

Herausforderin Kamala Harris lächelte während der Debatte viel, gab sich aber dennoch angriffslustiger als Amtsinhaber Pence.
Herausforderin Kamala Harris lächelte während der Debatte viel, gab sich aber dennoch angriffslustiger als Amtsinhaber Pence.
Foto: AFP

Der Umgang mit der Corona-Pandemie

Gleich zu Beginn warf die Vizekandidatin der US-Demokraten Harris Präsident Donald Trump Versagen in der Corona-Pandemie vor. „Diese Regierung hat das Recht auf eine Wiederwahl verwirkt“, sagte Harris bei der Debatte am Mittwochabend (Ortszeit, 3 Uhr früh am Donnerstag mitteleuropäischer Zeit) in Salt Lake City. „Das amerikanische Volk ist Zeuge des größten Versagens einer Regierung in der Geschichte unseres Landes geworden.“ Damit zielte sich auch auf die Bilanz von Vizepräsident Pence ab, der Chef der Corona-Task-Force im Weißen Haus ist. 

Diese Regierung hat das Recht auf eine Wiederwahl verwirkt. 

Kamala Harris

Dieser nahm das Krisenmanagement der Regierung in Schutz. Pence verwies darauf, dass Trump frühzeitig in der Pandemie Einschränkungen für Reisende aus China und der EU erlassen und damit zahlreiche Menschenleben gerettet habe. Harris sagte, anders als die Trump-Regierung habe Biden einen Plan für den Kampf gegen das Virus. So solle die Kontaktverfolgung verbessert und ein Impfstoff - wenn die Entwicklung abgeschlossen ist - kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Pence sagte, Trump und er hätten großes Vertrauen in die Fähigkeit der Amerikaner, die Informationen zum Schutz vor Corona selber in die Praxis umzusetzen.

Vizepräsident Mike Pence ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
Vizepräsident Mike Pence ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
Foto: AFP

Der Klimawandel

Pence wich der Frage aus, ob er den Klimawandel für eine existenzielle Bedrohung hält. „Das Klima ändert sich, wir werden der Wissenschaft folgen“, sagte er. Harris bezeichnete den Klimawandel als „eine existenzielle Bedrohung für uns als Menschen“. Harris kündigte an, sollte der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden am 3. November die Wahl gegen Trump gewinnen, würden die USA dem Pariser Klimaschutzabkommen, das Trump gekündigt hatte, „mit Stolz“ wieder beitreten.

Das Klima ändert sich, wir werden der Wissenschaft folgen. 

Mike Pence

Pence erwiderte, eine Rückkehr zu dem Vertrag und der von Teilen der Demokraten angestrebte „Green New Deal“ werde amerikanische Jobs vernichten. Laut Harris schaffen die von Biden angestrebten Reformen für erneuerbare Energien hingegen zahlreiche neue Arbeitsplätze. Biden hatte bei der TV-Debatte mit Trump in der vergangenen Woche gesagt, der „Green New Deal“ sei nicht Teil seines Plans. Die linke Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez und der demokratische Senator Edward Markey hatten den „Green New Deal“ im vergangenen Jahr in den Kongress eingebracht. Das Vorhaben sieht einen gewaltigen Kraftakt der Regierung zur Bekämpfung des Klimawandels vor.

Eine friedliche Machtübergabe

Pence wich der Frage nach seiner möglichen Rolle für den Fall aus, dass der Präsident eine Wahlniederlage am 3. November nicht akzeptieren würde. „Ich denke, wir werden diese Wahl gewinnen“, sagte Pence. Harris forderte die Amerikaner zur Stimmabgabe auf und betonte: „Wir werden gewinnen. Und wir werden niemandem erlauben, unsere Demokratie zu untergraben.“ 


US President Donald Trump looks at his mask as he speaks with Democratic Presidential candidate and former US Vice President Joe Biden during the first presidential debate at Case Western Reserve University and Cleveland Clinic in Cleveland, Ohio, on September 29, 2020. - US President Donald Trump, 74, was forced off the campaign trail on October 2, 2020, after testing positive for Covid-19. Trump announced on Twitter that he and First Lady Melania Trump, 50, had tested positive and were going into quarantine. (Photo by JIM WATSON / AFP)
Trumps Glaubwürdigkeit in Trümmern
Nachdem sich der Präsident infiziert hat, liegt seine ohnehin schwache Verteidigungsstrategie in Sachen Corona vollends in Trümmern.

Pence warf den Demokraten vor, in den vergangenen dreieinhalb Jahren versucht zu haben, das Wahlergebnis von 2016 zu kippen. Er spielte damit auf die Russland-Untersuchungen des FBI gegen Trumps Wahlkampfteam und auf die Ukraine-Affäre an. Letztere hatte zu einem Amtsenthebungsverfahren gegen Trump geführt. Mit der Mehrheit seiner Republikaner im Senat war der Präsident freigesprochen worden.

Kampf gegen Rassismus

Harris hat im Fall eines Machtwechsels in Washington umfangreiche Justiz- und Polizeireformen angekündigt. Sie  verwies auf den Fall des Afroamerikaners George Floyd, der Ende Mai bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis getötet worden war. Die Vizepräsidentschaftskandidatin sagte, sollten Biden und sie die Wahl am 3. November gewinnen, würden Würgegriffe bei der Polizei verboten. Es werde außerdem eine nationale Datenbank geschaffen, in der Polizisten registriert würden, die gegen Gesetze verstoßen haben. Privat betriebene Gefängnisse würden abgeschafft. Marihuana werde entkriminalisiert.

Schlechte Polizisten sind schlecht für gute Polizisten.

Kamala Harris

Pence sagte, er habe Vertrauen in das US-Justizsystem. Mit Blick auf Ausschreitungen am Rande von Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt fügte er hinzu, für Randale und Plünderungen gebe es keine Entschuldigung. Er kritisierte, die Demokraten unterstellten der Polizei pauschal, gegen Minderheiten voreingenommen zu sein. Das sei eine Beleidigung. Trump und er stünden an der Seite der Polizisten. 

Die Steuerpolitik 

US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden will im Fall seines Wahlsiegs die Steuerreform von Donald Trump rückgängig machen, betonte seine Vizekandidatin Harris. Zugleich versicherte sie: „Joe Biden wird für niemanden die Steuern erhöhen, der weniger als 400.000 Dollar (340.000 Euro) im Jahr verdient.“ Pence behauptete unterdessen: „Joe Biden wird Ihre Steuern am ersten Tag erhöhen.“ 

Kamala Harris:  „Joe Biden wird für niemanden die Steuern erhöhen, der weniger als 400.000 Dollar im Jahr verdient.“
Kamala Harris: „Joe Biden wird für niemanden die Steuern erhöhen, der weniger als 400.000 Dollar im Jahr verdient.“
Foto: AFP

Harris warf der Trump-Regierung vor, sie messe den Erfolg ihrer Wirtschaftspolitik daran, wie gut es den Reichen gehe - während sich Biden um die wirtschaftliche Lage der arbeitenden Amerikaner sorgen werde.

Joe Biden wird Ihre Steuern am ersten Tag erhöhen

Mike Pence

Pence stellte dagegen darauf ab, dass Trump unter anderem mit Steuersenkungen einen wirtschaftlichen Aufschwung und eine schnelle Erholung der Konjunktur in der Corona-Krise erreicht habe. 

Die Außenpolitik

Harris warf Trumps Regierung vor, Amerika mit seiner Isolationspolitik unsicherer gemacht zu haben. „Er hat unsere Freunde verraten und sich mit Diktatoren auf der ganzen Welt verbündet“, sagte die Demokratin. In der Außenpolitik gehe es um Beziehungen: Darum, gegenüber Freunden sein Wort und Feinde in Schach zu halten, sagte Harris und kritisierte ausdrücklich Trumps Austritt aus dem internationalen Atomabkommen mit dem Iran.


TOPSHOT - (COMBO) This combination of pictures created on September 29, 2020 shows Democratic Presidential candidate and former US Vice President Joe Biden (L) and US President Donald Trump speaking during the first presidential debate at the Case Western Reserve University and Cleveland Clinic in Cleveland, Ohio on September 29, 2020. (Photos by JIM WATSON and SAUL LOEB / AFP)
Leitartikel: Neuer, trauriger Tiefpunkt der Debattenkultur in den USA
Das erste TV-Duell zwischen Donald Trump und Joe Biden offenbart den Zustand der politischen Debattenkultur in den USA.

Pence widersprach ihrer Darstellung umgehend. Die US-Regierung habe sich gegenüber Verbündeten stark gemacht, aber sei auch fordernd gewesen, sagte er und verwies darauf, dass die NATO-Verbündeten der Forderung von Trumps Forderung entsprechend die Verteidigungsausgaben erhöht hätten. Auf die Spannungen mit traditionellen Verbündeten wie Deutschland ging Trumps Vize nicht ein.

Glasscheiben und mehr Abstand

Wegen der Corona-Erkrankung des Präsidenten waren die Sicherheitsvorkehrungen erhöht worden. So wurde der Abstand der Kandidaten zueinander erhöht, zudem wurden zwei dezente Glasscheiben zwischen Beiden aufgestellt. Anders als Trump und Biden, die vor Rednerpulten gestanden hatten, konnten sie an Tischen Platz nehmen. 

Zum Schluss kamen die Ehepartner der beiden Kontrahenten, Douglas Emhoff (l.) und Second Lady Karen Pence (r.) auf die Bühne.
Zum Schluss kamen die Ehepartner der beiden Kontrahenten, Douglas Emhoff (l.) und Second Lady Karen Pence (r.) auf die Bühne.
Foto: AFP

US-Präsident Donald Trump hat Harris bei ihrer TV-Debatte mit Vizepräsident Mike Pence per Twitter kritisiert. „Sie ist eine Ausrutscher-Maschine“, schrieb Trump am Mittwochabend (Ortszeit) während des laufenden TV-Duells in Salt Lake City im Bundesstaat Utah. Voll des Lobes war Trump in seinem Tweet für seinen Vizepräsidenten. „Mike Pence macht das großartig!“, schrieb Trump.  

In einer Schnellumfrage des Nachrichtensenders CNN hielten 59 Prozent Harris für die Gewinnerin der Debatte - und 38 Prozent Pence. Unter Frauen war das Ergebnis mit 69 zu 30 Prozent noch eindeutiger. Trump verkündete unterdessen bei Twitter: „Mike Pence hat KLAR GEWONNEN!“ Biden schrieb an die Adresse von Harris: „Du hast uns alle heute Nacht sehr stolz gemacht.“ 

Die Fliege auf Mike Pences grauer Haarpracht sorgte für Erheiterung.
Die Fliege auf Mike Pences grauer Haarpracht sorgte für Erheiterung.
Foto: AFP

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