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Geteilte Insel, doppelter Frust
International 4 Min. 30.12.2018

Geteilte Insel, doppelter Frust

Geteilte Insel, doppelter Frust

AP
International 4 Min. 30.12.2018

Geteilte Insel, doppelter Frust

Den 7. April 2004 wird Sophokles Nicolaou niemals vergessen. „Wir hatten damals für ein griechisches Ja bei der Abstimmung über den Annan-Plan geworben“, erzählt der 68 Jahre alte Tischler. Die Hoffnung sei groß gewesen, dass der Plan zur Wiedervereinigung der seit 1974 geteilten Insel tatsächlich angenommen würde.

Von LW-Korrespondent Michael Wrase aus Limassol

„Doch dann kam Tassos Papadopoulos und machte alles kaputt“, empört sich der Handwerker und schlägt mit der Faust auf den Küchentisch. Der Präsident der Republik Zypern hatte in Gesprächen mit dem damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan den Lösungsplan mit ausgearbeitet und per Handschlag abgesegnet. Doch anstatt für eine Annahme zu werben, forderte er zwei Tage vor dem orthodoxen Osterfest seine Landsleute in einer melodramatischen Rede dazu auf, „mit einem donnernden Oxi“ - einem Nein - gegen das Vertragswerk zu votieren.

Knapp zwei Wochen später lehnten 75,8 Prozent der griechischen Zyprer den Plan ab. Im türkischen Landesteil stimmten dagegen 64.9 Prozent für die Wiedervereinigung. Trotzdem wurde die (griechische) Republik Zypern für ihr von Papadopoulos erkämpftes „Nein“ belohnt: Sie trat am 1.Mai 2004 der Europäischen Union bei. „Die türkischen Ja-Sager wurden dagegen bestraft“, schimpft der türkisch-zyprische Journalist Coskun Tözen, der die Mitgliedschaft des südlichen Landesteils in der EU als „völlig absurd“ empfindet.

„Nein“ zum Annanplan lautete die Parole bei einem Treffen der griechisch-zypriotischen Regierungspartei kurz vor dem entscheidenden Referendum im April 2004.
„Nein“ zum Annanplan lautete die Parole bei einem Treffen der griechisch-zypriotischen Regierungspartei kurz vor dem entscheidenden Referendum im April 2004.
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Auch 18 Jahre später fühlt man sich im türkischen Norden der Mittelmeerinsel immer noch von den Griechen „hintergangen“. Dabei haben auch türkische Zyprer, sofern sie auf Zypern geboren sind, den begehrten EU-Pass. Im griechischen Süden hat man sich längst mit dem „Status Quo“, also der Teilung, abgefunden, obwohl „die meisten griechischen Zyprer zunächst davon ausgegangen waren, dass mit dem EU-Beitritt auch das Zypern-Problem gelöst wird“, erklärt der in Nicosia lebende Analyst Michael Theodoulou.

Ein Gefühl der Geborgenheit

Im Gegensatz zu dem meisten anderen neuen Mitgliedstaaten der EU sei Zypern nicht aus wirtschaftlichen, sondern ausschließlich aus sicherheitspolitischen Gründen der Union beigetreten. „Europa gibt uns ein Gefühl der Geborgenheit, was angesichts der militärischen Übermacht der Türken auch notwendig ist“, betont Theodoulou.

„Ohne die EU an unserer Seite wäre die ganze Insel jetzt türkisch“, glaubt Costas Roussos, ein IT-Experte aus Paphos, der eine Lösung des Zypern-Problems für illusorisch hält. „Dafür fehlt Brüssel die politische Stärke und wahrscheinlich auch der Wille“, analysiert der Endvierziger bei einem „zyprischen Kaffee“. „Bestellen Sie hier niemals einen türkischen Kaffee“, warnt der Familienvater und lacht schallend.

Türkische Zyprer standen der Wiedervereinigung und dem EU-Beitritt überwiegend positiv gegenüber.
Türkische Zyprer standen der Wiedervereinigung und dem EU-Beitritt überwiegend positiv gegenüber.
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Roussos kennt, wie die meisten seiner Landesleute, das Leid und den Horror der türkischen Invasion vom Juli 1974, die 180 000 griechische Zyprer zu Flüchtlingen machte, nur aus Erzählungen. „Wir Griechen haben immer nach Westen geschaut und begegnen, wenn wir ehrlich sind, unseren muslimischen Nachbarn, seien es Türken oder Araber, mit einer gewissen Geringschätzung“, sagt Michalis Economou. Der Gymnasiallehrer fühle sich „wohl in Europa“ und will, „dass das für immer so bleibt“. Ein derart klares Bekenntnis zu Europa hört man in der „Republik Zypern“ indes selten.

Tadelhaftes Brüssel

Gerade einmal fünf Jahre sind seit der Verabschiedung des europäischen Rettungspakets über 10 Milliarden Euro für den damals fast bankrotten Inselstaates vergangen. Die EU, empört sich Panikos Psylogenis, habe damals in Zypern „ein Exempel statuiert“ und Vermögen über 100 000 Euro mit einem „Abschlag“ von rund 50 Prozent belastet.

„Brüssel hat mir fast 600 000 Euro gestohlen“, schimpft der Besitzer eines Supermarktes mit hochrotem Kopf. In keinem anderen Mitgliedsstaat der EU hätte es Brüssel gewagt, die Geldanleger zur Kasse zu bitten, um die Großbanken zu retten. „Doch mit dem kleinen Zypern konnten sie es machen“, beendet Panikos seine Schimpftirade über die „Halsabschneider in Brüssel“.

Der „sogenannte“ Haircut ist zwar nicht vergessen, wurde wohl aber von den meisten griechischen Zyprern wohl vergeben. Das überlebenswichtige Hilfspaket der Union führte zu einem kleinen Wirtschaftsboom, von dem auch „kleine Leute“, Zyprer wie die Tischler Sophokles Nicolaou, profitieren. Den Politikern misstraut der Handwerker noch immer. Aber das Geschäft laufe gut, sagt er und zeigt auf die mit Bast bezogenen Holzstühle, die ein 5-Sterne-Hotel in Paphos bei ihm bestellt hat.


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