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G20-Gipfel: Polizei setzt Wasserwerfer ein
Nach dem offiziellen Abbruch der Demonstration durch den Veranstalter, eskalierte die Lage endgültig.

G20-Gipfel: Polizei setzt Wasserwerfer ein

Foto: AFP
Nach dem offiziellen Abbruch der Demonstration durch den Veranstalter, eskalierte die Lage endgültig.
International 21 3 Min. 06.07.2017

G20-Gipfel: Polizei setzt Wasserwerfer ein

Tom RUEDELL
Tom RUEDELL
Am Vorabend des G20-Gipfels in Hamburg, wird der Protestmarsch "Welcome to Hell" schon nach kurzer Zeit von der Polizei gestoppt. Es habe rund 1.000 Vermummte im Zug und Gewalt gegeben, so die Einsatzleitung. Mehrere Menschen wurden verletzt, Autos brannten.

(dpa) - Am Vorabend des G20-Gipfels in Hamburg ist es zu massiven gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen. Bei der „Welcome to Hell“-Kundgebung gegen das Treffen der großen Wirtschaftsmächte flogen Flaschen, Feuerwerkskörper wurden gezündet, später brannten umgestürzte Mülltonnen und mehrere Autos. Die rigoros vorgehende Polizei setzte wiederholt Wasserwerfer und Pfefferspray ein und trieb die rund 12.000, in der großen Mehrzahl friedlichen Teilnehmer auseinander. Sie meldete mindestens sieben verletzte Beamte. Auch zahlreiche Demonstranten wurden laut Veranstalter verletzt - einige ernsthaft.

Unter die Demonstranten hatten sich nach Polizeiangaben etwa 1000 Vermummte gemischt - was die Polizei aber nicht duldete. Sie war ursprünglich sogar von bis zu 8000 gewaltbereiten Autonomen ausgegangen. Der Veranstalter erklärte den Demonstrationszug nach gut einer Stunde für beendet. Dieser war nur wenige Meter weit gekommen.

Das globalisierungskritische Netzwerk Attac verurteilte die Strategie der Polizei. „Die Auseinandersetzungen bei der Demonstration "Welcome to Hell" waren eine Eskalation mit Ansage: Es ist offenkundig, dass diese Demonstration nach dem Willen von Polizei und Senat nie laufen sollte“, sagte Roland Süß vom bundesweiten Attac-Koordinierungskreis.

Die Polizei sagte, man habe versucht, den „schwarzen Block“ der Linksautonomen von den friedlichen Demonstranten zu trennen - dann hätte die Kundgebung fortgesetzt werden können. Dies sei aber nicht gelungen.

Aus der Menschenmenge lösten sich anschließend immer wieder einzelne Gruppen, die in Nebenstraßen verschwanden. Gewalttäter rüsteten sich laut Polizei mit Gerüstteilen und Steinen aus, errichteten Hindernisse auf Straßen und zündeten diese zum Teil an. An einem Kaufhaus im Stadtteil Altona, an Banken und am Amtsgericht gingen Scheiben zu Bruch.

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer sagte am späten Abend, es gebe mittlerweile viele Kleingruppen, die durch die Stadt zögen. Diese errichteten Barrikaden, Beamte würden angegriffen. Die Lage sei weiter unübersichtlich.

Nachdem Polizei und Aktivisten miteinander Gespräche geführt hatten, formierte sich erneut ein Demonstrationszug und setzte sich - von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet - in Bewegung. Bereits nach kurzer Zeit kam es zu einem erneuten Wasserwerfereinsatz.

Auch Polizei-Pressesprecher Timo Zill wurde angegriffen. Er flüchtete sich laut Polizei in einen Rettungswagen. Die Täter versuchten nach ihren Angaben, die Tür des Rettungswagens aufzureißen. Der Wagen fuhr schließlich mit Blaulicht davon. Der Sprecher blieb unverletzt.

Begonnen hatte die Aktion gegen den G20-Gipfel friedlich am Hamburger Fischmarkt, wo Musik gespielt und Reden gehalten wurden. Die Demonstration sollte von dort aus über die Reeperbahn bis etwa 300 Meter an die Messehallen heran gehen. Keine andere Demonstration darf dem G20-Tagungsort in den Messehallen näher kommen.

Anders als für andere Veranstaltungen hatte die Polizei für „Welcome to Hell“ („Willkommen in der Hölle“) keine Auflagen erlassen. Anmelder Andreas Blechschmidt vom linksautonomen Kulturzentrum „Rote Flora“ warf Innenbehörde und Verfassungsschutz dennoch vor, „eine massive Kampagne“ gegen Demonstranten zu führen.

Brandstiftung im Porsche-Zentrum

Allerdings: In der Nacht auf Donnerstag brannte es bereits im Hamburger Porsche-Zentrum. Hamburgs Polizeipräsident Ralf Martin Meyer sagte im ZDF-„Morgenmagazin“: „Wir müssen von Brandstiftung ausgehen, der Zusammenhang mit dem G20-Gipfel liegt jetzt wahrscheinlich auf der Hand, aber der muss erstmal nachgewiesen werden.“ Zehn Fahrzeuge waren laut Polizei in der Nacht zum Donnerstag mit Brandbeschleuniger angezündet worden. Die Höhe des Schadens war zunächst unbekannt.

Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) sagte, 1.000 Autonome seien aus dem Ausland angereist, die meisten aus Skandinavien und Italien. „Das ist eine Herausforderung, die die Hamburger Polizei noch nicht zu bestehen hatte“, sagte Grote.

Bundesjustizminister Heiko Maas hatte zu gewaltfreien Protesten aufgerufen. „Friedlicher Widerspruch gehört zu #G20HAM dazu“, twitterte der SPD-Politiker am Donnerstag. „Zur Debatte sind nicht nur die Regierungschefs eingeladen, sondern alle.“   

Ein Sonderzug aus Basel brachte am Donnerstagmorgen nach etwa 14 Stunden Fahrt rund 700 Protestler aus Deutschland mit. Die Demonstranten wurden von der Bundespolizei kontrolliert und im Schneckentempo durch die Bahnhofshalle geschleust. 33 Menschen war noch in Basel die Einreise nach Deutschland verwehrt worden, ein mit Haftbefehl gesuchter Schweizer wurde gefasst.  

  • Gegen den G20-Gipfel in Hamburg haben verschiedene Gruppen und auch Einzelpersonen zum Protest aufgerufen. Am Freitag und Samstag treffen sich die großen Wirtschaftsmächte in der Hansestadt. Einige der Protestgruppen und Aktiven:

    Bündnis „Hamburg zeigt Haltung“: Das Bündnis, ein Zusammenschluss aus rund 200 Einzelpersonen, lehnt das G20-Treffen nicht grundsätzlich ab, will aber die demokratischen Werte in Deutschland unterstreichen. Zu den Unterstützern zählen unter anderem Hamburgs Erzbischof Stefan Heße, Ex-Bürgermeister Ole von Beust (CDU), der Technische Direktor des Fußballclubs St. Pauli, Ewald Lienen und Theatermacher Corny Littmann. Auch die Hamburger SPD, die Grünen und die türkische Gemeinde unterstützen die Initiative.

    Jan van Aken: Der Linken-Bundestagsabgeordnete Jan van Aken hat für Samstag eine Demonstration mit 50.000 bis 100.000 Teilnehmern angemeldet. Bei dieser Veranstaltung werden Ausschreitungen befürchtet.

    „ZuG20“: Ein Sonderzug aus Basel mit rund 700 Protestlern traf am Donnerstagmorgen in Hamburg ein. In der Hansestadt verteilten sich die Sonderzug-Mitfahrer quer über die Stadt: Manche wanderten zu einem Übernachtungscamp in Richtung Altonaer Volkspark, andere gingen zum Fischmarkt an der Elbe - dem Startpunkt der für Donnerstagnachmittag geplanten Autonomen-Demo „Welcome to Hell“.

Am Rande der Demonstration kontrollierte die Polizei die Handys von Demonstranten. Auf Twitter erklärte sie, im Hafen seien mehrere Bus-Passagiere und die IMEI-Nummern ihrer Handys überprüft worden. Mit dieser Nummer kann jedes Handy eindeutig identifiziert werden. Apps oder persönliche Daten seien nicht ausgelesen worden, betonte die Polizei.    


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