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Fünf Tote, viele Verletzte bei Terroranschlag in Wien
International 6 5 Min. 03.11.2020 Aus unserem online-Archiv

Fünf Tote, viele Verletzte bei Terroranschlag in Wien

Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz.

Fünf Tote, viele Verletzte bei Terroranschlag in Wien

Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz.
Foto: Roland Schlager/APA/dpa
International 6 5 Min. 03.11.2020 Aus unserem online-Archiv

Fünf Tote, viele Verletzte bei Terroranschlag in Wien

Mitten in der österreichischen Hauptstadt fallen Schüsse, es gibt Tote. Unter den zahlreichen Verletzten ist auch ein Luxemburger. Einer der Tatorte befindet sich nahe einer Synagoge, mindestens ein Täter war IS-Sympathisant. Die Fahndung ist noch nicht beendet.

(dpa) - Bei einer Terrorattacke in Wien sind nach offiziellen Angaben mindestens vier Passanten getötet worden. Es handele sich um zwei Männer und zwei Frauen, bestätigte der österreichische Innenminister Karl Nehammer der Nachrichtenagentur APA am Dienstagmorgen. Zudem wurde ein Täter von der Polizei erschossen. Die Behörden sprachen außerdem von mehr als einem Dutzend zum Teil schwer verletzten Menschen, darunter auch ein Polizist. Wie Außenminister Jean Asselborn am Dienstagmorgen bestätigte, wurde auch ein Luxemburger, der in Wien studiert an der linken Schulter angeschossen. Der junge Mann befindet sich derzeit zur Behandlung in einem Krankenhaus.

Ob ein oder mehrere Attentäter beteiligt waren, ist aus Sicht der Behörden weiter unklar. Sie gehen von einem islamistischen Motiv aus. Die Suche nach einem weiteren Attentäter lief unterdessen auch in der Nacht auf Hochtouren. Aufgrund der Gefahrensituation wurden die Bürger aufgerufen, möglichst zu Hause zu bleiben. Schüler müssen am Dienstag in Wien nicht zur Schule. 


03.11.2020, Österreich, Wien: Besucher verlassen nach einer Vorstellung das Burgtheater am abgesperrten Ring. Bei einem Terrorangriff in der Wiener Innenstadt sind am Abend mehrere Menschen getötet und verletzt worden. Die Attacke von Wien geht nach den Worten von Österreichs Innenminister Nehammer auf das Konto mindestens eines islamistischen Terroristen. Foto: Herbert Neubauer/APA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Wiener Anschlag: Luxemburger Student auf Weg der Besserung
Bei dem Terroranschlag in Wien war auch ein Luxemburger Student angeschossen worden. Die gute Nachricht: Er befindet sich auf dem Weg der Besserung.

Bei dem Terrorangriff waren am Montagabend nahe einer Synagoge in einem Ausgehviertel von den Tätern zahlreiche Schüsse abgefeuert worden. Die Angreifer zielten nach Darstellung von Augenzeugen auf Menschen in den Lokalen und den Gastgärten. 

„Wer einen von uns angreift, greift uns alle an“, sagte Nehammer am späten Montagabend. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz verurteilte den Angriff als „widerwärtigen Terroranschlag“. Am Dienstagmorgen konkretisierte Nehammer: Der Attentäter sei ein Sympathisant der Terrormiliz IS mit österreichischem Pass gewesen

Die Wohnung des Verdächtigen sei auf der Suche nach belastendem Material durchsucht worden, hieß es. 1.000 Beamte seien in Wien im Einsatz. „Wir können derzeit nicht ausschließen, dass es noch andere Täter gibt“, sagte Nehammer. Die entsprechenden Ermittlungen liefen auf Hochtouren. 

Hausdurchsuchungen in Niederösterreich

Um die Mittagsstunde am Dienstag meldete die Polizei zwei Festnahmen in St. Pölten. Stand Dienstagnachmittag ist die Zahl der Festnahmen auf insgesamt 14 gestiegen. Die Menschen stammen aus dem Umfeld des erschossenen Attentäters und seien nach insgesamt 18 Wohnungsdurchsuchungen vorläufig festgenommen worden, so Innenminister Karl Nehammer 

Der in Wien erschossenen Attentäter ist nach Angaben von Österreichs Innenminister ein Islamist mit Wurzeln in Nordmazedonien. Nach Angaben von Nehammer hatten die Wiener Behörden ein Verfahren angestrengt, um ihm die österreichische Staatsbürgerschaft aberkennen zu lassen. Es habe aber wohl „zu wenige Hinweise auf das aktive Tun des Attentäter“ gegeben, um das Verfahren erfolgreich abzuschließen.

 In Kürze:

Vermeintlicher Sprengstoffgürtel

Bürgermeister Ludwig erklärte, dass der erschossene Attentäter wohl keinen Sprengstoffgürtel, sondern eine Attrappe getragen habe. Dies werde derzeit noch näher untersucht. Der Mann sei mit einer Langwaffe, aber auch mit einer Pistole und einer Machete ausgerüstet gewesen. Er war „sehr umfassend vorbereitet“, wie Ludwig sagte. Die Polizei überprüft derzeit noch die Identität des Attentäters.  

Auch lange nach Mitternacht gab es noch keine Entwarnung. Das gesamte Zentrum der österreichischen Hauptstadt war weiträumig abgesperrt. Soldaten wurden zum Objektschutz beordert. Innenminister Nehammer erneuerte den Appell an die Wiener in der Nacht: „Meiden sie die Innenstadt“, sagte Nehammer. 

Sechs Tatorte

Nach einer ersten Darstellung der Polizei gab es sechs verschiedene Tatorte. An dem Angriff seien mehrere Täter mit „Langwaffen“ beteiligt gewesen. Die ersten Schüsse seien in der Seitenstettengasse abgegeben worden, einer belebten Straße im Zentrum. Dort befindet sich auch die Synagoge. 

Am frühen Morgen relativierten die Behörden allerdings: „Wir können derzeit nicht ausschließen, dass es noch andere Täter gibt“, sagte Nehammer in einer Pressekonferenz um 6 Uhr. Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren. Die Bevölkerung habe der Polizei inzwischen Tausende von Videoaufnahmen für die Ermittlungen zur Verfügung gestellt. 

Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, schrieb auf Twitter, es könne nicht gesagt werden, ob sie eines der Ziele war. „Fest steht allerdings, dass sowohl die Synagoge (...) als auch das Bürogebäude an derselben Adresse zum Zeitpunkt der ersten Schüsse nicht mehr in Betrieb und geschlossen waren.“

Der "Stadttempel" der Israelitischen Kultusgemeinde Wien in der Seitenstetten-Straße.
Der "Stadttempel" der Israelitischen Kultusgemeinde Wien in der Seitenstetten-Straße.
Foto: Google Street View

Die Wiener Innenstadt war zeitweise mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr erreichbar. Weder Busse noch Bahnen steuerten Ziele im historischen Kern der Zwei-Millionen-Metropole an.  

Um 12 Uhr empfangen Kurz und Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) den Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) sowie die Fraktionschefs der Parlamentsparteien im Bundeskanzleramt zu einem Gespräch. Danach folgt eine gemeinsame Kranzniederlegung am Tatort, um der Opfer zu gedenken. Aufgrund der weiteren polizeilichen Ermittlungen wurden die Bürger dazu aufgerufen, die Innenstadt zu meiden. 

„Wir sind mit allen möglichen Kräften im Einsatz. Bitte meiden Sie alle öffentlichen Plätze im Stadtgebiet“, hieß es bei Twitter. Zudem wurde darum gebeten, übers Internet keine Gerüchte zu verbreiten. „KEINE Videos und Fotos in sozialen Medien posten, dies gefährdet sowohl Einsatzkräfte als auch Zivilbevölkerung!“

Der Terrorangriff ereignete sich wenige Stunden vor Beginn des teilweisen Lockdowns in Österreich. Seit Mitternacht sind alle Gaststätten im Kampf gegen die Corona-Pandemie geschlossen. Die ersten Schüsse fielen am Montagabend gegen 20 Uhr nahe der Hauptsynagoge in einem Ausgehviertel Wiens. Nach Augenzeugenberichten feuerte der Täter wahllos in die Lokale. Ein Mann brach tödlich getroffen auf einem Bürgersteig zusammen. Viele Passanten rannten in Panik davon. Einige erhoben die Hände, um der Polizei zu zeigen, dass sie nicht bewaffnet sind.     

Internationale Trauerbekundungen

Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen versicherte auf Twitter: „Wir werden unsere Freiheit und Demokratie gemeinsam und entschlossen mit allen gebotenen Mitteln verteidigen.“ Auch international wurde der mutmaßliche Anschlag von zahlreichen Spitzenpolitikern verurteilt.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb auf Deutsch auf Twitter: „Nach Frankreich ist es ein befreundetes Land, das angegriffen wird. Dies ist unser Europa. Unsere Feinde müssen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Wir werden nichts nachgeben.“ In Frankreich hatte es in den letzten Wochen drei Anschläge gegeben, die Ermittler gehen jeweils von einem islamistischen Hintergrund aus.


 

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