Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Fünf Jahre Krieg in Jemen: Tödlicher Showdown
International 4 Min. 26.03.2020

Fünf Jahre Krieg in Jemen: Tödlicher Showdown

Alltag am Golf von Aden: Angriffe bescheren Tod und Trümmer.

Fünf Jahre Krieg in Jemen: Tödlicher Showdown

Alltag am Golf von Aden: Angriffe bescheren Tod und Trümmer.
Foto: AFP
International 4 Min. 26.03.2020

Fünf Jahre Krieg in Jemen: Tödlicher Showdown

Es ist ein trister Jahrestag: Am 26. März 2015 stürzt Saudi-Arabien den Jemen mit Luftangriffen in einen Bürgerkrieg. Was einst als tödlicher Showdown beginnt, droht nun als vergessener Konflikt zu enden.

Als die Luftwaffe Saudi-Arabiens im März 2015 erste Ziele im Jemen  bombardiert, heißt es aus Riad vollmundig, der Krieg im Nachbarland würde voraussichtlich nur einige Wochen dauern. Die Huthi-Milizen, die das Chaos der arabischen Aufstände ausgenutzt und den Norden samt der Hauptstadt Sanaa überrannten, sollen vertrieben werden. Zügig und effektiv will das saudisch geführte Militärbündnis am Boden Fakten schaffen und den Iran zurückdrängen, der die Huthis mit Waffen und militärischer Ausbildung unterstützt.

So sieht eine Schule im Jemen aus: Nach fünf Jahren Bürgerkrieg leigt die Infrastruktur des Landes  am Boden.
So sieht eine Schule im Jemen aus: Nach fünf Jahren Bürgerkrieg leigt die Infrastruktur des Landes am Boden.
Foto: AFP

Fünf Jahre später liegt der Jemen in Trümmern. Mehr als 80 Prozent der etwa 30 Millionen Einwohner sind auf Hilfe angewiesen. Während staatliche Einrichtungen angesichts der Machtkämpfe immer weiter zerfallen, ist die öffentliche Versorgung zusammengebrochen. Die Wirtschaft des ohnehin bitterarmen Landes ist am Boden. Bis Ende 2019 kamen nach UN-Schätzungen 233.000 Menschen durch die direkten und indirekten Ursachen des Krieges ums Leben, also bei Gefechten oder etwa wegen zu wenig Essen oder mangelnder Gesundheitsversorgung. Das Wasser ist knapp, Tausende sind an Cholera erkrankt.

Jedes zweite Krankenhaus fällt aus

Schleichend scheint sich die Weltgemeinschaft an den Kriegsalltag in dem Küstenstaat am Golf von Aden gewöhnt zu haben - trotz Warnungen der Vereinten Nationen, dass dort weiterhin die schwerste humanitäre Krise weltweit herrscht. Gefechte im Norden Syriens, die Waffenruhe in Libyen, das Leid der Flüchtlinge vor den Toren Europas und zuletzt die Corona-Krise dürften vom Bürgerkrieg im Jemen zuletzt abgelenkt haben. Dabei könnte das Virus das Land besonders hart treffen: Nur die Hälfte aller Krankenhäuser sind dort voll einsatzbereit.

Besonders betroffen: Kinder tragen bleibende physische und seelische Wunden davon.
Besonders betroffen: Kinder tragen bleibende physische und seelische Wunden davon.
Foto: AFP

Dem Jemen  droht dort erneut ein „tödlicher Showdown“, wie die Experten der International Crisis Group schreiben. Im Norden bahnt sich ein Kampf um die Provinz Marib an, wo sich Huthis und Kräfte der jemenitischen Regierung gegenüberstehen. In der Provinz leben 800.000 Menschen, die schon zuvor wegen Gefechten die Flucht ergriffen hatten. Die Experten warnen vor einem „enormen humanitären Desaster“. Landesweit gehen die UN heute von vier Millionen Vertriebenen aus.

Die "Unterstützer Gottes" sind unbarmherzig

Und es gibt keinerlei Anzeichen, dass der Konflikt auf absehbare Zeit ein Ende findet. Die Huthis - offiziell bekannt als Ansar Allah, die „Unterstützer Gottes“ - halten den Norden mit eisernem Griff. Ihre religiöse Ideologie setzten sie in ihrem Zwergstaat auf totalitäre Weise durch, schreibt das Sanaa Center for Strategic Studies in seinem Jahresbericht: Sie indoktrinieren Staatsdiener, schreiben das Schulprogramm um, verfolgen religiöse Minderheiten und unabhängige Journalisten. Sie erheben Steuern, um ihren Krieg zu finanzieren, schüchtern Unternehmer ein und rekrutieren Kindersoldaten.


(FILES) In this file photo reproduction of a combo of two pictures of a suspected military chief of al-Qaeda network in Yemen, identified as Qassem al-Rimi (or Qassim al-Rimi), shows the activist on a Yemeni interior ministry document in two different undated images. - US President Donald Trump confirmed on February 6, 2020 that US forces had killed the leader of jihadist group Al-Qaeda in the Arabian Peninsula in Yemen. The US "conducted a counterterrorism operation in Yemen that successfully eliminated Qassim al-Rimi, a founder and the leader of Al-Qaeda in the Arabian Peninsula (AQAP)," Trump said in a White House statement. (Photo by - / YEMENI MINISTRY OF INTERIOR / AFP)
Schlag gegen Al-Kaida im Jemen: USA töten Anführer Al-Rimi
Über seinen Tod gab es seit Tagen Spekulationen, jetzt bestätigt der US-Präsident: Die Operation gegen den Chef des mächtigsten Ablegers des Terrornetzwerks Al-Kaida ist gelungen.

Die Koalition zum Kampf gegen die Huthis ist unterdessen zerfasert. Der ins Exil geflohene Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi sei kaum noch in der Lage, eigentlich verbündete Gruppen im Land zusammenzuhalten, urteilte das UN-Expertengremium für den Jemen im Januar. Einige von ihnen folgten seinen Anweisungen, andere denen Saudi-Arabiens, andere wiederum denen der Vereinigten Arabischen Emirate. Diese waren mit den Saudis und weiteren arabischen Staaten in den Jemenkrieg eingestiegen, kündigten inzwischen aber den Abzug ihrer Truppen an.

Für Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman hat sich der Konflikt zum kostspieligen Desaster entwickelt, international hat sein Image schwer gelitten. Eine drohende neue Front - eine Spaltung von jemenitischer Regierung im Norden und den Separatisten des Landes im Süden - konnte der Kronprinz dank Vermittlung seines jüngeren Bruders noch abwenden. Zentrale Punkte einer Einigung in Riad im November, darunter die komplette Rückkehr der Regierung in die Stadt Aden im Süden, sind aber bis heute nicht ganz umgesetzt. Das Bündnis zum Kampf gegen die Huthis steht weiter auf wackligen Beinen.

Erst die Cholera, nun das Corona-Virus: Der Jemen ist kaum gerüstet, um seine Bevölkerung gegen die Lungenkranheit zu schützen.
Erst die Cholera, nun das Corona-Virus: Der Jemen ist kaum gerüstet, um seine Bevölkerung gegen die Lungenkranheit zu schützen.
Foto: AFP

Zugleich kann der Kronprinz sich kaum aus dem Krieg zurückziehen: Die Huthis attackieren mit Drohnen und Raketen regelmäßig Ziele auf saudischem Boden. Vergangenen September werden zwei Öleinrichtungen getroffen, die fünf Prozent der weltweiten Rohölproduktion ausmachen (Saudi-Arabien und die USA sehen den Iran hinter der Attacke). Spätestens mit diesem Angriff, den die Huthis für sich beanspruchen, hat der Jemenkrieg auch ein globales Ausmaß erreicht. Er begann mit dem Vormarsch der Huthis im Spätsommer 2014, eskalierte vollständig aber erst durch die Luftoffensive Saudi-Arabiens und der Emirate ab dem 26. März 2015.

Militärische Handlungen sofort und bedingungslos einfrieren.

Martin Griffiths, UN-Sonderbeauftragter

 Die Vereinten Nationen und der Sonderbeauftragte Martin Griffiths müssen derweil zusehen, wie die Golfmächte und die Kräfte im Land die Zukunft des Jemen  unter sich aushandeln. Die unter UN-Vermittlung gefassten Beschlüsse von Stockholm im Dezember 2018 - darunter ein Abzug aus der Hafenstadt Hudaida und ein Gefangenenaustausch - sind bis heute nicht vollständig umgesetzt. 


HANDOUT - 03.01.2020, Iran, Teheran: Ajatollah Ali Chamenei, Religionsführer des Iran, sitzt neben einem Bild des Generals der iranischen Al-Kuds-Brigaden Soleimani während eines Treffens mit der Familie des Generals. Soleimani ist bei einem US-Raketenangriff nahe dem Flughafen der irakischen Hauptstadt Bagdad getötet worden. Die oberste iranische Führung drohte den USA mit Vergeltung. Foto: -/Office of the Iranian Supreme Leader/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++
Feuerspielchen
Der Konflikt zwischen Washington und Teheran ist ein weiterer Ausdruck um die Vorherrschaft im Nahen Osten.

Anfang März drängt der schier unermüdliche Griffiths dazu, „militärische Handlungen sofort und bedingungslos einzufrieren“. Er spricht ausgerechnet in Marib im Norden, wo die Huthi-Kämpfer mittlerweile nach Osten vordringen.  

"Beautiful Aden"

Als seien die Grauen des Krieges vergessen, scheint Saudi-Arabien sich schon dem friedlichen Wiederaufbau des Landes widmen zu wollen. Pünktlich zum fünften Jahrestag des Beginns seiner Luftoffensive kündigt das Königreich eine Initiative zur „Reinigung, Verschönerung und Umweltsanierung“ der jemenitischen Hafenstadt Aden an. Die Arbeiter sollen Graffiti beseitigen, Straßenlaternen reparieren und die Stadt begrünen. Die Kampagne heißt „Beautiful Aden“.

Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Jemen : Fünf Tage keine Bomben
Seit Monaten gibt es Kämpfe in Jemen gegen Rebellen mit tausenden Toten. Nahrung und Medizin sind knapp geworden, erste Seuchen breiten sich aus. Nun gibt es zumindest einen winzigen Hoffnungsschimmer.
Die Ankündigung der Feuerpause geht einseitig von dem Bündnis aus.
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.