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Frauen in der Schusslinie
International 5 Min. 08.07.2019 Aus unserem online-Archiv

Frauen in der Schusslinie

Frauen in der Schusslinie

Illustration: Shutterstock
International 5 Min. 08.07.2019 Aus unserem online-Archiv

Frauen in der Schusslinie

87000 Frauen sind 2017 Opfer tödlicher Gewalt geworden. Diese traurige Zahl nennt eine nun veröffentlichte UN-Studie. Ein besonders brutales Beispiel ist Brasilien.

Von LW-Korrespondent Klaus Ehringfeld (Mexico-City)

An einem dieser tropischen Nachmittage in Manaus erzählt Floresmar Ferreira eine dieser Geschichten, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Von einer Frau, auf die ihr Ehemann mit der Machete einschlug, ihr fast die Arme abtrennte. „Sie rief uns an, als der Streit begann. Als wir ankamen, konnten wir sie schwer verletzt retten“, zürnt Floresmar Ferreira noch heute, zwei Jahre nach der Tat. Die Polizei machte damals wie so oft nichts, der Mann konnte fliehen. Die Frau überlebte schwer verletzt. Ihr Vergehen: sie wollte sich von ihrem Partner trennen.

 Floresmar Ferreira (57) ist Vorsitzende des „Movimento de Mulheres Solidárias do Amazonas (MUSAS), der „Bewegung der solidarischen Frauen im Amazonas“.
Floresmar Ferreira (57) ist Vorsitzende des „Movimento de Mulheres Solidárias do Amazonas (MUSAS), der „Bewegung der solidarischen Frauen im Amazonas“.
Foto: Klaus Ehringfeld

Das sei nur ein Beispiel von Tausenden, versichert Ferreira. Die 57-Jährige ist Vorsitzende des „Movimento de Mulheres Solidárias do Amazonas (MUSAS), der „Bewegung der solidarischen Frauen im Amazonas“. Ferreira trägt ein signalgrünes T-Shirt, auf dem steht: „Die Welt durch den Feminismus verändern“.

"Zum Abschuss freigegeben"

„Männer übergießen ihre Frauen in Brasilien mit Benzin und stecken sie an, Männer schlagen ihre Frauen mit Vorschlaghämmern einfach tot.“ Fast jeden Tag klingle das Nottelefon ihrer Bewegung. „Frauen waren in Brasilien schon immer Freiwild“, sagt Ferreira. Aber jetzt, wo Präsident Jair Bolsonaro per Dekret den Schusswaffenbesitz gelockert und das Tragen von Revolvern erleichtert hat, seien sie „zum Abschuss freigegeben“.

Männer übergießen ihre Frauen in Brasilien mit Benzin und stecken sie an, Männer schlagen ihre Frauen mit Vorschlaghämmern einfach tot.

Brasilien verbindet man mit Leichtigkeit und Lebensfreude. Aber im größten Land Lateinamerikas endet beides an der Türschwelle für Frauen. „Der gefährlichste Ort für eine Frau in Brasilien ist nicht die Straße, sind keine dunklen Ecken. Es sind die eigenen vier Wände“, sagt Ferreira.


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Männer fänden noch immer, dass ihre Lebensgefährtinnen ihr Eigentum seien, mit dem sie machen können, was sie wollen. Und dazu gehört eben auch das Töten, wenn die Freundin widerspricht, die Frau sich trennen oder die Partnerin gerade keinen Sex will. „Und nun, wo man noch leichter an Waffen kommt, werden noch mehr Frauen sterben“, sagt die MUSAS-Chefin voraus.

Gefährliches Lateinamerika

Lateinamerika und die Karibik gehören nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ohnehin zu den gefährlichsten Regionen der Welt für Frauen. Laut der WHO haben hier zwischen 27 und 40 Prozent aller Partnerinnen Gewalterfahrungen in ihren Beziehungen gemacht. Und Brasilien ist in dieser Statistik weit oben, wie die UN-Frauenrechtsorganisation „UN-Woman“ und brasilianische Forscher sagen.

Nach einer Berechnung des Rechtswissenschaftlers Jefferson Nascimento von der Universität São Paulo wurden alleine in den ersten zwei Monaten des Jahres 207 Frauen Opfer eines Femizids. 137 andere überlebten einen Mordversuch. Die Zeitung „O Globo“ nennt die Gewalt gegen Frauen im Land eine „Epidemie".

Gewalt gilt als "normal"

„In Lateinamerika existiert eine große Toleranz gegenüber Gewalt gegen Frauen und Mädchen", warnt UN-Woman-Regionaldirektorin Luiza Carvalho. „Diese Gewalt gilt in vielen Ländern der Region als normal“. Dementsprechend blieben neun von zehn Verbrechen an Frauen ungesühnt. Besonders betroffen von Gender-Gewalt sind in Lateinamerika neben Brasilien auch Kolumbien, Mexiko und El Salvador.

Brasiliens neuer rechtsradikaler Präsident Bolsonaro hat seine ganz eigene Idee, wie man die Gewalt gegen Frauen stoppen kann: Eine Pistole in der Handtasche sei effizienter als schärfere Strafen. Kurz nach Amtsantritt lockerte er per Dekret zum ersten Mal das Waffenrecht. Wer 25 Jahre alt und nicht vorbestraft ist, darf künftig bis zu vier Feuerwaffen erwerben.

Das Volk habe schließlich ein "Recht auf Selbstverteidigung". Anfang Mai folgte dann der nächste Schritt: Jetzt dürfen Anwälte, Lastwagenfahrer, Jäger, Journalisten, Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen, Sportschützen und allgemein "Landbewohner" eine Waffe tragen. Zwar kassierte der Senat das Dekret vorläufig, aber damit ist es noch nicht vom Tisch. Jetzt muss die Abgeordnetenkammer entscheiden.

  Männer fühlen sich noch stärker im Recht, Gewalt anzuwenden, wenn die Frau ihrer Rolle nicht gerecht wird. 

Der Wildwest-Erlass heize aber schon jetzt das Klima latenter Gewalt an, warnen Kritiker. Der südamerikanische Staat ist ohnehin einer der tödlichsten Orte der Welt. 2017 wurden jeden Tag 175 Morde verübt, insgesamt starben 64.000 Menschen eines unnatürlichen Todes. Nirgendwo sonst außerhalb von Kriegsgebieten sterben so viele Menschen.

Melina Risso vom „Instituto Igarapé“, einem Thinktank zu Sicherheitsfragen in Rio de Janeiro, hält den Präsidentenerlass denn auch für ein „absolutes Desaster.“ Die Waffen könnten in die Hände des ohnehin schon starken organisierten Verbrechens geraten. „Das Dekret sorgt nicht für mehr Sicherheit, sondern für mehr Blutvergießen“, fürchtet Risso. Alle wissenschaftlichen Studien wiesen darauf hin, dass weniger Waffen auch weniger Tote bedeuten würden.

Kultur der Gewalt

Vor allem aus Sicht der Frauen sind die neuen Waffenregeln gefährlich: „Männer fühlen sich noch stärker im Recht, Gewalt anzuwenden, wenn die Frau ihrer Rolle nicht gerecht wird“, sagt Annette von Schönfeld von der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio de Janeiro, die sich mit dem Thema Geschlechtergewalt beschäftigt. „Frauenhass wird so radikalisiert und legitimiert“.

Die Kultur der Gewalt blüht regelrecht auf.

Die Frauen der MUSAS-Organisation in Manaus machen diese Erfahrung beinahe jeden Tag. Seit dem Erlass des Dekrets stehe die Hilfs-Hotline kaum noch still, berichtet Floresmar Ferreira. „Die Kultur der Gewalt blüht regelrecht auf“.

Deshalb organisieren Frauenverbände den Protest von Amazonien im Norden bis Rio Grande do Sul im Süden. Sie rufen zu Demonstrationen auf, sammeln Unterschriften, gehen in Kirchen, um Druck auf Abgeordnete und Senatoren auszuüben. Der Widerstand muss sich in eine "Ação popular" verwandeln, sagt die Feministin Ferreira. In eine Volksbewegung.



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