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Frankreichs faule Kompromisse mit der Atomkraft
International 4 Min. 02.03.2021 Aus unserem online-Archiv

Frankreichs faule Kompromisse mit der Atomkraft

in Frankreich will die Atomaufsicht die Laufzeit der ältesten AKW von 40 auf 50 Jahre verlängern.Bedingung ist die Reparatur von insgesamt 32 Atommeilern.

Frankreichs faule Kompromisse mit der Atomkraft

in Frankreich will die Atomaufsicht die Laufzeit der ältesten AKW von 40 auf 50 Jahre verlängern.Bedingung ist die Reparatur von insgesamt 32 Atommeilern.
Archivfoto: Guy Jallay
International 4 Min. 02.03.2021 Aus unserem online-Archiv

Frankreichs faule Kompromisse mit der Atomkraft

Experten warnen vor einer Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke. Doch ein Umdenken scheint im Atomstromland nicht möglich.

Von Christine Longin (Paris)

Emmanuel Macron hält selten mit seiner Meinung hinter dem Berg. Das gilt auch für die Atomenergie, zu der er sich erst vor einigen Wochen klar bekannte. „Atomkraft ist wichtig für mich. Atomkraft bedeutet Arbeitsplätze und Energie“, sagte der Präsident in einem Interview mit dem vor allem auf Jugendliche ausgerichteten Onlinekanal Brut. Außerdem gebe die Kernenergie Frankreich den Status einer Großmacht, ergänzte der Staatschef. Auch mehr als 50 Jahre nach Eröffnung der ersten Atomkraftwerke gehört „le nucléaire“ also immer noch zum Stolz der Nation. Eine Energiewende, wie sie andere Länder vollziehen, ist in Frankreich nicht zu erwarten. Im Gegenteil: In der Atompolitik stehen alle Zeichen auf „Weiter so“.

Die Atomsicherheitsbehörde ASN sprach sich vergangene Woche dafür aus, die Laufzeit der Atomkraftwerke von 40 auf 50 Jahre zu erhöhen. Betroffen von der Entscheidung sind 32 Reaktoren mit 900 Megawatt Leistung, die eigentlich für eine 40-jährige Lebensdauer konzipiert waren. Dazu gehören Tricastin in Südfrankreich, Gravelines am Ärmelkanal und Bugey bei Lyon. Eigentlich hätten die 900-Megawatt-Reaktoren nach und nach durch moderne Druckwasserreaktoren ersetzt werden sollen, doch der Bau der ersten beiden EPR-Reaktoren wurde zur Pannenserie. Ihre Fertigstellung in Flamanville am Ärmelkanal verzögerte sich um elf Jahre von 2012 auf 2023. Die Lücke müssen nun die alten Meiler füllen. „Aus der Not heraus werden faule Kompromisse in Richtung der Sicherheit gemacht“, kritisiert Heinz Smital von Greenpeace Deutschland.

Damit die Reaktoren weiter am Netz bleiben, legte die ASN dem Energiekonzern EdF eine Liste mit nötigen Arbeiten vor. So soll der Schutz gegen Erdbeben, Überschwemmungen oder extreme Hitze verbessert werden. Die Abklingbecken sollen besser gegen Unfälle oder Angriffe gesichert werden. „EdF wird die Fristen nicht einhalten können“, warnt Roger Spautz von Greenpeace Luxemburg.

„Größerer Störfall nur Frage der Zeit“

Durch die Corona-Pandemie zögern sich schon die normalen Zehn-Jahres-Inspektionen für die insgesamt 56 Reaktoren hinaus. Der Atomkraft-kritische Physiker Bernard Laponche berichtet in der Zeitung „Le Monde“, dass EdF allein im Atomkraft Tricastin 5.000 Arbeiter sechs Monate lang im Einsatz gehabt habe. „Es gibt Zweifel, dass das Unternehmen die Kapazitäten hat, das für alle Zehn-Jahres-Visiten zu leisten.“ Die letzte Inspektion nach 40 Jahren, die künftig einer Laufzeitverlängerung vorausgehen soll, muss noch einmal besonders gründlich erfolgen. „Denn damit betritt man Neuland“, sagt Smital. Verzögerungen von mehreren Jahren sind deshalb zu erwarten. „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann aus der Mängelwirtschaft ein größerer Störfall erfolgt.“

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann aus der Mängelwirtschaft ein größerer Störfall erfolgt.

Heinz Smital von Greenpeace Deutschland

Auch finanziell sind die zusätzlichen Hausaufgaben für EdF ein dicker Brocken, denn das Unternehmen ist bereits mit 42 Milliarden Euro verschuldet und muss weitere Dutzend Milliarden in die maroden Akw stecken. Die Modernisierung des gesamten Atomparks wird auf 100 Milliarden Euro veranschlagt.

Dazu kommen die gigantischen Kosten, die der neue Druckwasserreaktor EPR in Flamanville verursacht. Das pannenanfällige Megaprojekt kostet inzwischen gut zwölf Milliarden Euro - viermal mehr als ursprünglich veranschlagt. Während der Bauarbeiten traten immer neue Schwächen auf. So wurden an 150 Schweißnähten Löcher entdeckt, die nun nachgearbeitet werden müssen. Außerdem muss der Deckel bis 2024 ersetzt werden, da fehlerhafter Stahl eingebaut wurde. Dennoch plant EdF bereits sechs weitere EPR in Frankreich. Ob die tatsächlich auch gebaut werde, soll allerdings erst nach der nächsten Präsidentenwahl 2022 entschieden werden.


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Frankreich ist mit einem Atomstromanteil von gut 70 Prozent das Land mit der meisten Nuklearenergie in Europa. Das Energiewendegesetz sieht vor, den Anteil der Kernenergie am Strommix bis 2035 auf 50 Prozent herunterzufahren. Dazu müssten allerdings zwölf weitere Reaktoren geschlossen werden. Im vergangenen Jahr wurden lediglich die beiden Reaktoren des ältesten Atomkraftwerks im elsässischen Fessenheim unweit von Freiburg vom Netz genommen. Weitere Abschaltungen sind zunächst nicht geplant.

Cattenom in der Schwebe

Dabei fordern die Nachbarländer seit Jahren, auch die vier 1.300-Megawatt-Reaktoren in Cattenom, rund 20 Kilometer von Luxemburg und 50 Kilometer von Trier entfernt, stillzulegen. Die zwischen 1986 und 1991 in Betrieb genommene Anlage, die es immer wieder durch Pannen in die Schlagzeilen schafft, dürfte aber ebenfalls weiter laufen. „EdF hat geplant, die Lebensdauer von Cattenom zu verlängern“, sagt Spautz. Beratungen darüber liefen bereits. Reaktor Nummer eins und zwei wurden in den vergangenen Jahren inspiziert und Reaktor Nummer drei ist noch bis August dran.


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Bis dahin dürfte auch klar sein, welche Atomkraftwerke in den nächsten Jahren abgeschaltet werden. Eine Liste mit möglichen Standorten soll EdF demnächst vorlegen. Umweltministerin Barbara Pompili, eine erklärte Atomkraftgegnerin, setzt gleichzeitig auf den Ausbau erneuerbarer Energien. Im vergangenen Jahr lag ihr Anteil bei 27 Prozent. Eine Studie zeigte vergangene Woche aber, dass es unter bestimmten Bedingungen technisch möglich ist, den Strom ausschließlich mit Wind und Sonne zu erzeugen. „Das Szenario von hundert Prozent Erneuerbaren ist im Bereich des Möglichen“, freute sich Pompili. 

In Sachen Atomkraft hat sie allerdings nur wenig zu sagen: Das Thema ist in Frankreich Chefsache.

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