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Frankreich wehrt sich im Karikaturen-Streit
International 2 Min. 27.10.2020 Aus unserem online-Archiv

Frankreich wehrt sich im Karikaturen-Streit

Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin.

Frankreich wehrt sich im Karikaturen-Streit

Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin.
Foto: AFP/Ludovic Marin
International 2 Min. 27.10.2020 Aus unserem online-Archiv

Frankreich wehrt sich im Karikaturen-Streit

Boykottappell aus der Türkei, scharfe Kritik aus Saudi-Arabien oder dem Iran - die Kontroverse um Mohammed-Karikaturen nimmt an Schärfe zu. Frankreich bleibt hart und pocht auf seine Eigenständigkeit.

(dpa) - Im Streit um Karikaturen des Propheten Mohammed wehrt sich Frankreich gegen wachsende Kritik aus Teilen der muslimischen Welt. 

„Mit welchem Recht mischen sich ausländische Mächte in unsere inneren Angelegenheiten ein?“, frage Innenminister Gérald Darmanin am Dienstag im Radiosender France Inter. Er nannte in diesem Zusammenhang explizit die Türkei und Pakistan. „Frankreich ist zu einem Ziel geworden, wie viele westliche Demokratien, die die Meinungsfreiheit verfechten (...)“, sagte der Ressortchef.

Staatschef Emmanuel Macron hatte mehrfach die Meinungsfreiheit und das Veröffentlichen von Karikaturen verteidigt - zuletzt bei der Gedenkfeier für den von einem mutmaßlichen Islamisten enthaupteten Lehrer Samuel Paty. Der Lehrer hatte im Unterricht Mohammed-Karikaturen als Beispiel für Meinungsfreiheit gezeigt. Vor allem streng gläubige Muslime lehnen eine bildliche Darstellung des Propheten ab und empfinden sie als beleidigend, explizit verboten ist sie im Koran aber nicht. Pakistan und mehrere arabische Regierungen kritisierten die Haltung Macrons. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan rief dazu auf, französische Waren zu boykottieren.

Die EU verurteilte den Boykottaufruf Erdogans scharf. Ein solcher Appell stehe im Widerspruch zum Geist von Verpflichtungen, die die Türkei eingegangen sei, und werde die Türkei noch weiter von der EU entfernen, warnte ein Sprecher der EU-Kommission in Brüssel.


(COMBO) This file combination of pictures created on September 12, 2020 shows Turkish President Recep Tayyip Erdogan delivering a speech following a cabinet meeting, in Ankara on June 9, 2020 and French President Emmanuel Macron listening during the closing press conference of the seventh MED7 Mediterranean countries summit, on September 10, 2020 in Porticcio, Corsica. - Turkish President Recep Tayyip Erdogan slammed on October 24, 2020 his French counterpart, Emmanuel Macron, over his policies toward Muslims, saying that he needed "mental checks." "What can one say about a head of state who treats millions of members from different faith groups this way: first of all, have mental checks," Erdogan said in a televised address. (Photos by Adem ALTAN and Ludovic Marin / various sources / AFP)
Frankreich als Erzfeind der Türkei
Der türkische Staatschef Erdogan teilt gegen Macron aus und ruft zum Boykott französischer Waren auf.

Die pakistanischen Taliban riefen Muslime weltweit auf, Beleidigung des Propheten zu rächen. In Bangladesch demonstrierten Tausende Menschen gegen Macron. Bilder zeigten, wie Demonstranten die französische Flagge und Bilder von Macron verbrannten. Auch in der Türkei gab es nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu Proteste in mehreren Städten, darunter in Ankara und Istanbul. Eine Teilnehmerzahl wurde zunächst nicht bekannt gegeben.

Sicherheitshinweise für Franzosen in muslimischen Ländern

Das französische Außenministerium veröffentlichte Sicherheitshinweise für mehrere mehrheitlich muslimische Länder, darunter die Türkei, Indonesien, der Iran und Bangladesch. Französinnen und Franzosen seien aufgerufen, sich von Protesten fernzuhalten, warnte das Ministerium. Auch öffentliche Versammlungen sollten gemieden werden. „Darüber hinaus wird in diesem Zusammenhang empfohlen, die größte Wachsamkeit zu wahren, insbesondere auf Reisen und an Orten, die von Touristen und Auswanderergemeinschaften besucht werden.“

Das islamisch-konservative Königreich Saudi-Arabien verurteilte die Zeichnungen als beleidigend. „Saudi-Arabien lehnt jeden Versuch ab, Islam und Terrorismus in Verbindung zu bringen“, hieß es in einer Erklärung des Außenministeriums in Riad, wie die staatliche saudische Nachrichtenagentur SPA am Dienstag meldete. Gleichzeitig wandte sich das Königreich gegen jede Form des Terrors, wer immer ihn verübe.

Iran: „Muslime sind Hauptopfer der Hasskultur“

Das iranische Außenministerium bestellte den Geschäftsträger der französischen Botschaft in Teheran ein. „Wir haben in dem Treffen jegliche Beleidigung des Propheten und dementsprechend auch die Aussagen der französischen Offiziellen aufs Schärfste verurteilt“, erklärte das Außenministerium nach Angaben der Nachrichtenagentur Isna. Außenminister Mohammed Dschawad Sarif hatte bereits den Westen im Zusammenhang mit den Karikaturen kritisiert. „Muslime sind die Hauptopfer der 'Hasskultur', die von Kolonialmächten gestärkt und von ihrer eigenen Klientel exportiert wird“, twitterte der Minister am Montagabend.

Dutzende von französischen Internetseiten - beispielsweise von kleineren Rathäusern oder Geschäften - seien Ziele von Hackerangriffen geworden, berichtete die Nachrichtenagentur AFP am Montagabend. Es sei dort islamistische Propaganda zu lesen gewesen.


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