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Frankreich und der aufflammende Judenhass
International 3 Min. 01.03.2019 Aus unserem online-Archiv

Frankreich und der aufflammende Judenhass

Auf zahlreichen Grabsteinen des jüdischen Friedhofes von Quatzenheim sind aufgesprühte Hakenkreuze zu sehen.

Frankreich und der aufflammende Judenhass

Auf zahlreichen Grabsteinen des jüdischen Friedhofes von Quatzenheim sind aufgesprühte Hakenkreuze zu sehen.
Foto: Violetta Heise/dpa
International 3 Min. 01.03.2019 Aus unserem online-Archiv

Frankreich und der aufflammende Judenhass

Der Antisemitismus scheint in Frankreich wieder auf dem Vormarsch zu sein. Eine Spurensuche in einem ratlosen Land.

(dpa) - Hakenkreuze so weit das Auge reicht. Blaue, gelbe Hakenkreuze, gesprüht auf Grabsteine eines alten jüdischen Friedhofs im Elsass: Hier, in Quatzenheim nahe Straßburg, haben Unbekannte Mitte Februar mehr als 80 Grabmäler geschändet. Der Vorfall löste in ganz Frankreich Empörung und Entsetzen aus - denn er scheint sinnbildlich für ein neues Aufflammen des Antisemitismus im Land zu stehen.

Um knapp drei Viertel ist die Zahl judenfeindlicher Vorfälle im vergangenen Jahr in Frankreich gestiegen: auf 541, wie das Innenministerium jüngst mitteilte. Und am laufenden Band erschüttern neue Schlagzeilen die Franzosen: Am Rande einer „Gelbwesten“-Demo wird der Intellektuelle Alain Finkielkraut als „dreckiger Zionist“ beschimpft. Unbekannte übersprühen in Paris Porträts der Politikerin und Holocaust-Überlebenden Simone Veil. Teilnehmer der „Gelbwesten“-Proteste zeigen in der Hauptstadt den Hitlergruß. Und dann ist da eben die Schändung des jüdischen Friedhofs im Elsass.


A picture taken on February 19, 2019 shows graves vandalised with swastikas at the Jewish cemetery in Quatzenheim, on the day of a nationwide marches against a rise in anti-Semitic attacks. - Around 80 graves have been vandalised at the Jewish cemetery in the village of Quatzenheim, close to the border with Germany in the Alsace region, which were discovered early February 19, 2019, according to a statement from the regional security office. (Photo by Frederick FLORIN / AFP)
Dutzende jüdische Gräber im Elsass geschändet
Wieder sorgt ein antisemitischer Akt für Aufsehen in Frankreich. In einer kleinen Gemeinde nordwestlich von Straßburg wurden Dutzende Gräber eines jüdischen Friedhofs mit Hakenkreuzen besprüht.

In dem 800-Seelen-Dörfchen Quatzenheim mit seinen schmucken Fachwerkhäusern herrscht auch in der Woche danach Fassungslosigkeit. „Es ist eine Schande und es ist schade“, sagt eine 83-Jährige Anwohnerin, die an einem sonnigen Tag durchs Dorf spaziert. Hier hätten Juden immer in Frieden mit Christen zusammengelebt. Jetzt sei nur noch eine einzige jüdische Familie übrig. „Die Toten, die hier liegen, haben nichts getan, was rechtfertigen würde, ihre Gräber zu zerstören!“ Alle im Dorf fragten sich: Woher kommt der Hass?

Auch Frankreichs Regierung sucht nach Antworten auf diese Frage - und nach Lösungen. Staatspräsident Emmanuel Macron kündigte jüngst Maßnahmen an: Seine Regierung will ein Gesetz vorbereiten, mit dem der Hass im Internet bekämpft werden soll. Vorbild ist eine deutsche Regelung. Außerdem verkündete Macron, dass drei rechtsextreme Gruppen in Frankreich aufgelöst werden sollen.

Proteste gegen die aufflammenden antisemitischen Strömungen gab es in den vergangenen Wochen ebenfalls - dennoch sind die Autoritäten in Sorge.
Proteste gegen die aufflammenden antisemitischen Strömungen gab es in den vergangenen Wochen ebenfalls - dennoch sind die Autoritäten in Sorge.
Foto: AFP

Eine davon ist die „Bastion Social“, eine Gruppierung, die sich auf die Ideen der „Identitären Bewegung“ stützt. Sie schlägt Alarm gegen den angeblichen „großen Bevölkerungsaustausch“ und warnt vor dem Ende der westlichen Kultur. Ein wichtiges Standbein hat die ursprünglich aus Lyon stammende Bewegung im Elsass.

Der Vorsitzende der Gruppe, Valentin Linder, gibt sich unbeeindruckt vom drohenden Verbot seiner Bewegung. Ideen könne die Regierung schließlich nicht verbieten, sagt der 24-Jährige. „Wir müssen nur die Fahne ändern.“ Knapp zwei Wochen lang hatten Anhänger der „Bastion Social“ zwei alte Häuser im elsässischen Entzheim besetzt - in einem sollten „Franzosen in Not“ untergebracht werden, das andere sollte vor dem angeblich drohenden Abriss geschützt werden. Die Fahne der Bewegung - ein Turm, aus dem Blitze hervorschießen - hing bis zuletzt vom Vordach des einen Hauses. Am Freitagabend wurden die Gebäude laut Präfektur geräumt.

Seine Bewegung in Zusammenhang mit der wachsenden Judenfeindlichkeit zu bringen, sei falsch, sagt Linder. Die Gruppe sei nicht antisemitisch, sondern „national-revolutionär“ und antizionistisch. Macron sei wohl auf der Suche nach einem Sündenbock.


Thomas Yazdgerdi lobt die Luxemburger Regierung für ihre bisher unternommen Anstrengungen der Aufarbeitung. Es blieben aber offene Fragen, so der Diplomat.
Aufarbeitung des Holocaust: "Jedes Land hat offene Rechnungen, auch Luxemburg"
Thomas Yazdgerdi ist US-Sondergesandter für Holocaustfragen. Anfang der Woche traf er Premier Xavier Bettel - denn auch Luxemburg habe noch einige Fragen aufzuarbeiten, so der Diplomat. Eine Arbeitsgruppe soll dabei helfen.

Experten sehen aber gerade ultrarechte Bewegungen als einen Grund für das Erstarken der Judenfeindlichkeit. Da sei zwar einerseits der bereits etablierte islamistische Antisemitismus, sagt Frédéric Potier, Antisemitismus-Beauftragter der französischen Regierung, in einem Interview mit der französischen Nachrichtenagentur AFP. Befeuert habe den Anstieg 2018 aber das Wiederaufleben einer extremen Rechten, die äußerst selbstbewusst auftrete. Betroffen sei derweil nicht nur Frankreich, sondern auch etwa Italien oder die USA.

„Wir wohnen dem Wiedererstarken eines traditionellen Antisemitismus bei“, sagt auch der Historiker Marc Knobel in einem Gespräch mit der Zeitung „Libération“. So sei wieder von der angeblichen Verbindung „Juden und Geld“ die Rede - wie in den 1930er-Jahren. Zum Beispiel gebe es Gerüchte, weil Macron vor seiner Politkarriere bei der Bank Rothschild gearbeitet habe. Die Rothschilds sind eine bekannte jüdische Bankiersfamilie. Umfragen belegen zudem, dass mehr als jeder fünfte Franzose an eine jüdische Weltverschwörung glaubt. Besonders verbreitet sind Verschwörungstheorien unter „Gelbwesten“-Anhängern.

Nun ist Quatzenheim nicht der erste jüdische Friedhof, der in Frankreich geschändet wurde - und das Phänomen des Antisemitismus ist in dem Land alles andere als neu. Laut dem Historiker Knobel standen jedoch in den vergangenen Jahrzehnten Anstiege judenfeindlicher Vorfälle meist in Zusammenhang mit Eskalationen im israelisch-palästinensischen Konflikt. Dann sei die Wut auf die israelische Regierung an den Juden in Frankreich ausgelassen worden. Die Spannungen im Nahen Osten dauern an - aber 2018 seien sie weniger extrem gewesen als in der Vergangenheit, resümiert „Libération“. Trotzdem gab es einen sprunghaften Anstieg judenfeindlicher Taten.

In Quatzenheim sind die Hakenkreuze mittlerweile von den Grabsteinen entfernt worden. Das Rathaus des Dorfes lädt für Sonntag zu einer Kundgebung am Friedhof ein, bei der ein Zeichen gegen den Judenhass gesetzt werden soll. Die Ratlosigkeit jedoch dürfte bleiben.


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