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Frankreich: Die Fête ist zu Ende - Kommunalwahlen finden aber statt
International 2 Min. 15.03.2020

Frankreich: Die Fête ist zu Ende - Kommunalwahlen finden aber statt

Wahlhelfer mit Handschuhen und Mundschutz: Die Kommunalwahlen 2020 finden unter Ausnahmebedingungen statt.

Frankreich: Die Fête ist zu Ende - Kommunalwahlen finden aber statt

Wahlhelfer mit Handschuhen und Mundschutz: Die Kommunalwahlen 2020 finden unter Ausnahmebedingungen statt.
Foto: AFP
International 2 Min. 15.03.2020

Frankreich: Die Fête ist zu Ende - Kommunalwahlen finden aber statt

Fast alle öffentlichen Einrichtungen in Frankreich werden wegen des Coronavirus geschlossen. Die Kommunalwahlen finden aber trotzdem statt. Worauf sich die Bürger nun einstellen müssen.

Von LW-Korrespondentin Christine Longin (Paris)  

Edouard Philippe sprach zu einer Uhrzeit, in der sich am Samstagabend normalerweise die Bars und Restaurants zu füllen beginnen. „Wir beobachten, dass die ersten Maßnahmen zur Begrenzung von Versammlungen nur unzureichend umgesetzt werden“, sagte der Regierungschef mit ernster Miene. Gemeint waren vor allem die Orte, wo die jungen Franzosen trotz der Coronakrise weiter Party machten.

Seit Samstag um Mitternacht ist damit nun Schluss. Philippe kündigte an, dass Restaurants, Bars, Diskotheken, Kinos und Läden landesweit geschlossen werden. Nur noch Lebensmittelläden, Apotheken, Banken, Tabakläden und Tankstellen dürfen geöffnet bleiben. Für Frankreich, das Land der Feinschmecker, eine noch nie da gewesene Situation, die 175.000 Restaurants betrifft. „Sogar während des Krieges und der Nazi-Besatzung waren die Terrassen niemals leer“, zitiert die Zeitung „Le Monde“ einen Geschichtslehrer, der am Pariser Boulevard Saint-Germain seine Rechnung bezahlte.

Paris ist in diesen Tagen wie ausgestorben.
Paris ist in diesen Tagen wie ausgestorben.
Foto: AFP

Seit Samstagabend ist das Land im Stadium drei, das eine flächendeckende Ausbreitung des Virus auf das ganze Land bedeutet. Die Ämter bleiben zunächst geöffnet, doch die öffentlichen Verkehrsmittel verringern ihre Fahrten. Am Montag sollen noch sieben von zehn Zügen fahren, ab Dienstag dann noch einer von zwei TGVs und zwei von drei Regionalzügen TER. Die Pariser Metro soll zu 80 Prozent funktionieren, wie das Verkehrsministerium ankündigte. Bus und Tram sollen in der Hauptstadt praktisch normal verkehren. Auch, um dem Personal von Krankenhäusern und Altersheimen sowie den Angestellten in den weiterhin geöffneten Läden die Arbeit zu ermöglichen.


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91 Tote und 4500 Erkrankte zählte Frankreich am Samstagabend. 300 Patienten wurden auf Intensivstationen behandelt, die vor allem in der ostfranzösischen Region Grand Est an ihre Grenzen stoßen. In Colmar, Straßburg und Mulhouse sind die „Urgences“ schon jetzt überlastet. Der Leiter der Pariser Krankenhäuser, Martin Hirsch, warnte davor, dass pro Tag 20 bis 30 Prozent mehr Schwerkranke eingeliefert werden könnten.

„Das Lebensminimum muss weitergehen“

Trotz der dramatischen Situation beschloss die Regierung, die erste Runde der Kommunalwahlen am Sonntag wie geplant abzuhalten. „In ein Café oder ein Restaurant zu gehen ist viel gefährlicher als wählen zu gehen“, zitierte die Zeitung „Journal du Dimanche“ einen Mitarbeiter von Präsident Emmanuel Macron. Der hatte sich am Donnerstagabend in einer knapp halbstündigen Ansprache an die Nation gewandt und die Schließung von Kinderkrippen, Schulen und Universitäten auf unbestimmte Zeit verkündet. An den Kommunalwahlen hielt der Staatschef offenbar auf Druck der konservativen Opposition fest.


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Nach der Rede Philippes am Samstagabend mehrten sich allerdings die Stimmen, die einen Verzicht auf den Urnengang forderten, zu dem 48 Millionen Franzosen aufgerufen waren. So bemerkte der Präsident der Region Normandie, Hervé Morin, ein konservatives Urgestein, im Kurznachrichtendienst Twitter: „Wenn sich die Lage seit Donnerstag so sehr verschärft hat, dass fast alle Läden geschlossen werden, haben diese Kommunalwahlen keinen Sinn.“ Andere Regionalpräsidenten schlossen sich seiner Auffassung an. Auch ein Verbund von Ärzten forderte die Absage. „Das Lebensminimum, das es erlaubt, wählen und einkaufen zu gehen, muss weitergehen“, forderte dagegen Macron bei der Stimmabgabe im Badeort Le Touquet.

In den Wahllokalen wurden die Wähler mit Desinfektionsgel begrüßt. Viele Lokale hatten mit Klebebändern auf dem Boden den Mindestabstand von einem Meter markiert. Trotz der Maßnahmen ging die Wahlbeteiligung nach unten und lag am Mittag bei 18,38 Prozent - fünf Prozentpunkte weniger als 2014. Bereits am Sonntag begann die Debatte über die zweite Runde am nächsten Sonntag. Falls die verschoben wird, müsste Verfassungsrechtlern zufolge auch die erste Runde wiederholt werden.


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