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Fast alle Toten aus dem Ahrtal identifiziert
International 3 Min. 12.08.2021
Noch vier Vermisste

Fast alle Toten aus dem Ahrtal identifiziert

17.07.2021, Bad Neuenahr-Ahrweiler: Anwohner und Ladeninhaber versuchen, nach der verheerenden Hochwassernacht ihre Häuser vom Schlamm zu befreien und unbrauchbares Mobiliar nach draußen zu bringen.
Noch vier Vermisste

Fast alle Toten aus dem Ahrtal identifiziert

17.07.2021, Bad Neuenahr-Ahrweiler: Anwohner und Ladeninhaber versuchen, nach der verheerenden Hochwassernacht ihre Häuser vom Schlamm zu befreien und unbrauchbares Mobiliar nach draußen zu bringen.
Foto: Thomas Frey/dpa
International 3 Min. 12.08.2021
Noch vier Vermisste

Fast alle Toten aus dem Ahrtal identifiziert

Das Ausmaß der tödlichen Flut im Ahrtal scheint vier Wochen nach der Katastrophe ungefähr festzustehen. Die ersten Toten wurden beigesetzt.

(dpa/lrs) - Bei der tödlichen Flutwelle im Ahrtal vor vier Wochen sind nach Angaben der Polizei 133 Menschen ums Leben gekommen. Zwar wurden 141 Tote geborgen, 8 von ihnen seien aber schon vor der Flut gestorben und ihre Leichname aufgebahrt oder schon beerdigt gewesen, berichtete die zuständige Polizei Koblenz am Donnerstag. 136 der geborgenen 141 Toten seien zweifelsfrei identifiziert, sagte Polizeirat Florian Stadtfeld in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Vier Menschen werden noch immer vermisst. Möglicherweise seien diese unter den noch nicht identifizierten Flutopfern, sagte Stadtfeld. 766 Menschen wurden bei der Katastrophe verletzt - und viele, viele traumatisiert.


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Der Opferbeauftragte der Landesregierung, Detlef Placzek, geht von einer hohen Zahl aus, genau sei das aber noch nicht abzuschätzen. „Menschen, die jetzt ein wenig zur Ruhe kommen, erfahren langsam, dass sie professionelle Hilfe brauchen.“ Dies sei ganz normal in einer solchen Situation. Placzek rechnet mit einer über Jahrzehnte notwendigen Betreuung und baut bereits Strukturen dafür auf. Allein Psychologen der Universität Köln hätten in der Akutphase an einer telefonischen Hotline mehr als 600 Gespräche mit den Betroffenen der Flutkatastrophe geführt.

Viele Ehepaare und ganze Familien seien bei der Flut an der Ahr ums Leben gekommen, sagt Placzeck und nennt als Beispiel eine Familie mit drei Kindern, zwei davon jünger als zehn Jahre. Eine ganze Reihe der Toten (71) seien älter als 70 Jahre gewesen.

Umständliche Identifizierung

Bei der Identifizierung der unbekannten Toten haben Spezialisten des Bundeskriminalamts (BKA) und der Rechtsmedizin der Mainzer Universitätsklinik sowie Zahnärzte geholfen. Eine hundertprozentige Sicherheit der Identität böten nur DNA, Fingerabdrücke oder der Zahnstatus, sagte die Direktorin der Mainzer Rechtsmedizin, Professorin Tanja Germerott. Letzterer werde mit Informationen der Zahnärzte von Vermissten abgeglichen, erläuterte ein BKA-Sprecher.

Selbst die Identifizierung durch Angehörige sei gerade in einer solchen Katastrophe und extrem belastenden Ausnahmesituation nicht hundertprozentig sicher, sagte Germerott. „Es kann sein, dass jemand, der gerade selbst noch mit dem Leben davon gekommen ist, es nicht wahrhaben will, dass Oma oder Tante tot sind.“

21.07.2021, Marienthal: Rettungskräfte sind nach dem Hochwasser im Einsatz.
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Thomas Frey/dpa

In der Unimedizin in Mainz seien rund zwei Wochen lang Tote der Flutkatastrophe identifiziert worden. Auch in Koblenz seien Leichen identifiziert worden. Die Fachleute schauten dabei zunächst nach Merkmalen wie Narben, Tätowierungen und Amputationen und dokumentierten Kleidungsstücke und Schmuck. Fingerabdrücke würden genommen und der Zahnstatus erhoben.


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Die meisten Toten seien weitgehend unversehrt gewesen und hätten äußerlich keine schweren Verletzungen davongetragen, berichtete Germerott. Sie gehe davon aus, dass die meisten ertrunken seien. Bei der Identifizierung geht es darum, dass Angehörige Gewissheit haben, um ihre Lieben trauern und sie beisetzen können, nicht um die Todesursache, wie die Rechtsmedizinerin sagt.

Erste Bestattungen

Die ersten bei der verheerenden Flut Getöteten sind inzwischen bestattet worden. Allerdings sind auch viele Friedhöfe und Familiengräber zerstört. Besonders schwer getroffen ist etwa der Friedhof in Altenahr. Grabstellen wurden zerstört und Grabfelder ausgespült, berichtet Silke Meurer von der Verbandsgemeindeverwaltung. „Mithilfe der Bundeswehr wurde der Friedhof inzwischen von Schlamm und Geröll befreit und die Grabstellen weitestgehend wieder hergerichtet.“ Noch seien aber nicht alle Grabmale wieder standsicher. Genau vier Wochen nach Beginn des verheerenden Starkregens habe es eine kleine Gedenkfeier mit Kranzniederlegung von Bundeswehr und Kirche gegeben. Bestattungen seien auf dem Friedhof allerdings noch nicht möglich.

Helfer versuchen in Altenahr den von der Flut verwüsteten Friedhof wiederherzurichten.
Helfer versuchen in Altenahr den von der Flut verwüsteten Friedhof wiederherzurichten.
Foto: Thomas Frey/dpa

Einige Flutopfer seien daher auf anderen Friedhöfen beigesetzt worden, manche auch in den Gemeinden, in denen ihre Angehörigen wohnten. Die Leichenhalle in Altenahr und die Friedhöfe in Dernau und Rech könnten noch gar nicht oder nur eingeschränkt genutzt werden. Freiwillige Helfer hätten die Friedhöfe der beiden Gemeinden inzwischen vom Schlamm befreit.


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Auch in Bad Neuenahr-Ahrweiler sind nach Angaben der Stadt die ersten Opfer der Flut beigesetzt worden. „Der Friedhof „Am Ahrtor“ ist von der Welle überspült worden und sehr stark in Mitleidenschaft gezogen worden, sodass dieser vorerst nicht genutzt werden kann“, sagt der Sprecher der Stadtverwaltung, Karl Walkenbach. „Er wird derzeit von einer Bundeswehreinheit vorsichtig beräumt und so weit wie möglich instand gesetzt.“

„Durch die Flutwelle ist die Friedhofsmauer eingestürzt und etliche Holzkreuze sind in meinem Garten gelandet“, berichtet Barbara Horn, deren Haus selbst schwer beschädigt wurde. Über Facebook und Bekannte habe sie die Angehörigen gesucht und dabei viel Positives erlebt. „Das hat mir viel Kraft gegeben.“ Immer mehr Menschen hätten ihr dann gefundene Holzkreuze gebracht, bis zu 200 Stück seien es insgesamt gewesen. Manche hätten schon 15 Jahre gestanden, manche erst ein paar Wochen. Nicht alle konnten zugeordnet werden, inzwischen habe aber das Friedhofsamt übernommen.


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