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Fast 500 Verletzte in Katalonien
International 5 Min. 01.10.2017 Aus unserem online-Archiv
Unabhängigkeits-Referendum

Fast 500 Verletzte in Katalonien

Die Polizei greift in Katalonien hart durch. Viele Menschen wurden verletzt.
Unabhängigkeits-Referendum

Fast 500 Verletzte in Katalonien

Die Polizei greift in Katalonien hart durch. Viele Menschen wurden verletzt.
Foto: AFP
International 5 Min. 01.10.2017 Aus unserem online-Archiv
Unabhängigkeits-Referendum

Fast 500 Verletzte in Katalonien

Marc BOURKEL
Marc BOURKEL
Die Lage in Katalonien eskaliert weiter, die Zahl der Verletzten steigt stetig an. Die Polizei geht gewaltsam gegen das Referendum über die Trennung der Region von Spanien vor. Außerdem gibt es Aufregungen rund um das Heimspiel des FC Barcelona.

(dpa/müs) - Nach dem teilweise rabiaten Vorgehen der Polizei gegen Wähler und Demonstranten zur Verhinderung des umstrittenen Unabhängigkeitsreferendums in Katalonien ist die Zahl der Verletzten auf mindestens 465 Bürger gestiegen. Dies teilte das katalanische Gesundheitsministerium am Sonntagnachmittag mit.

Die Betroffenen wurden aufgerufen, bei der katalanischen Polizei Anzeige gegen die staatliche Polizeieinheit Guardia Civil zu erstatten. Laut des spanischen Innenministeriums wurden auch elf Polizeibeamte leicht verletzt. Insgesamt hat die spanische Regierung rund 4000 staatliche Polizisten nach Katalonien geschickt, um die Abstimmung zu blockieren.

Katalonien hat sich dem Verbot der Justiz  widersetzt und am Sonntag gegen den Willen der Zentralregierung ein Referendum über die Abspaltung der Region von Spanien abgehalten. Bei der Öffnung der Wahllokale um 9 Uhr griff die von der Zentralregierung entsandte paramilitärische Polizeieinheit Guardia Civil und die Nationalpolizei teilweise hart durch und versuchten, Wähler energisch am Zugang zu den Urnen zu hindern. Die Frage auf den Stimmzetteln lautete: „Wollen Sie, dass Katalonien zu einem unabhängigen Staat in Form einer Republik wird?“.

Eine Lösung der Krise war indes nicht in Sicht. Puigdemont betonte, jeder der abstimmen wolle, könne das tun. Da die Gegner einer Abspaltung überwiegend nicht zur Wahl gingen, wurde eine Mehrheit für die Unabhängigkeit erwartet. Fraglich war, ob die Polizei eine Auszählung und Veröffentlichung der Ergebnisse verhindern würde. Je höher die Beteiligung, desto mehr Gewicht dürfte das Referendum haben. Die Zentralregierung in Madrid beharrte darauf, dass das Referendum illegal ist. Dies hatte die Justiz bestätigt.

Mit Gummigeschossen gegen Wähler

Auf Fotos war zu sehen, dass die Polizei zum Teil auch Gummigeschosse einsetzte. Zur Verhinderung der Abstimmung hat Madrid rund 4000 staatliche Polizisten nach Katalonien geschickt.  Mehrere Menschen bluteten im Gesicht, darunter auch ältere Bürger. Hunderte Bürger sind verletzt worden. Es gebe bereits 337 teils schwer Verletzte, teilte die katalanische Regionalregierung am frühen Sonntagnachmittag mit. Die Betroffenen wurden aufgerufen, bei der katalanischen Polizei Anzeige gegen die staatliche Polizeieinheit Guardia Civil zu erstatten. . Die Guardia Civil ist seit der Unterdrückung der Region unter dem Franco-Regime in Katalonien äußerst unbeliebt.

Der Chef der katalanischen Regionalregierung, Carles Puigdemont, erklärte, die Sicherheitskräfte hätten auch Gummigeschosse und Schlagstöcke eingesetzt und sprach von einem „ungerechtfertigten, irrationalen und unverantwortlichen“ Gewalteinsatz. Und sagte an die Adresse der Regierung des spanischen Regierungschefs Mariano Rajoy: „Es ist alles gesagt, die Schande wird sie auf ewig begleiten.“ 

Polizisten beschlagnahmten mancherorts Stimmzettel.
Polizisten beschlagnahmten mancherorts Stimmzettel.
Foto: AFP

Die katalanische Regionalpolizei Mossos d'Esquadra, die in der Region verwurzelt und angesehen ist, war vor dem Referendum Madrid unterstellt worden. Dem Befehl, Schulen und andere Wahllokale abzuriegeln, kam sie am Morgen dennoch nicht nach und blieb passiv. Die konservative Zentralregierung in Madrid hatte bis zuletzt versucht, die vom Verfassungsgericht untersagte Befragung zu unterbinden. Auch das spanische Verfassungsgericht hatte die Abstimmung untersagt.

„Wir sind gezwungen, das zu tun, was wir nicht tun wollten“, verteidigte der Vertreter der Zentralregierung in Katalonien, Enric Millo, den Polizeieinsatz. Über Barcelona kreisten Hubschrauber. Die Menschen reagierten friedlich auf die Aktionen der Polizei, hielten ihre Hände in die Höhe und stimmten Lieder an. Einige gingen mit Blumen in den Händen auf die Sicherheitskräfte zu. „Wir sind friedliche Leute!“, riefen die Bürger in Sprechchören. 

Nicht überall Polizei

An vielen Orten war überhaupt keine Polizei zu sehen, und die Wähler standen in langen Schlangen vor den Urnen an. „Bei uns läuft alles rund, die Wahllokale sind offen und die Bürger wollen wählen“, sagte der Bürgermeister des Ortes Arenys de Munt nordöstlich von Barcelona der Deutschen Presse-Agentur. „Das ist Demokratie.“

Insgesamt seien 73 Prozent der insgesamt 3215 Wahllokale funktionstüchtig, erklärte der Sprecher der katalanischen Regionalregierung, Jordi Turull. Eine unabhängige Überprüfung dieser Angabe war zunächst nicht möglich.

Nachdem die Guardia Civil ein Wahllokal in dem Ort Sant Julià de Ramis (Provinz Girona) gestürmt hatte, in dem Regierungschef Puigdemont ursprünglich wählen wollte, wich der 54-Jährige zur Stimmabgabe in das nahe gelegene Dorf Cornellá de Terri aus. Bei der Befragung können die Wähler Berichten zufolge in jedem Wahllokal abstimmen, unabhängig davon, wo sie gemeldet sind. Wie mehrfache Stimmabgaben verhindert werden sollen, war unklar.

Puigdemont ist seit Anfang 2016 Chef der Generalitat (Regionalregierung). Im Juni 2017 hatte er bekanntgegeben, dass er am 1. Oktober ein Referendum über die Abspaltung der Region abhalten wolle. Seither hatte er gegen den Widerstand aus Madrid eisern an dem Plan festgehalten.

Seit Wochen hatte Rajoy immer wieder versucht, die Befragung zu verhindern. Bei Dutzenden von Razzien wurden mindestens zwölf Millionen Wahlzettel sowie Millionen von Wahlplakaten und Broschüren beschlagnahmt. Viele Webseiten wurden gesperrt. Mehr als 4000 Angehörige der Guardia Civil und der Nationalpolizei wurden nach Katalonien entsandt.

Unter Berücksichtigung der Störungsaktionen aus Madrid würde die Abgabe von einer Million Stimmen „einen überragenden Erfolg“ darstellen, sagte am Samstag Jordi Sánchez, der Präsident der separatistischen Bürgerinitiative ANC. Bei einem Sieg des „Ja“-Lagers will Barcelona schon in den Tagen nach der Abstimmung die Unabhängigkeit von Spanien ausrufen.

Fußballspiel ohne Zuschauer

Es gibt auch Prominente, wie den spanische Fußballstar Gerard Piqué vom FC Barcelona, die ihre Stimme abgeben und die Separatisten unterstützen. „Ich habe abgestimmt. Gemeinsam sind wir beim Schutz der Demokratie nicht zu stoppen“, schrieb der 30 Jahre alte Katalane am Sonntag auf Twitter. Piqué postete auch ein Foto, das ihn bei der Stimmabgabe in Barcelona zeigt.

Trotz der Unruhen fans das Fußballspiel des FC Barcelona gegen UD Las Palmas statt. Angeführt von Superstar Lionel Messi siegten die Katalanen am Sonntag klar mit 3:0 gegen UD Las Palmas. Wegen der Unruhen beim umstrittenen Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens fand das Spiel ohne Zuschauer statt. Der Club wollte die Partie verschieben, dies sei jedoch nicht möglich gewesen, erklärte der FC Barcelona.

Zwei Topfunktionäre Clubs sind nach dem Spiel aus Protest gegen die umstrittene Ansetzung des Ligaspiels gegen UD Las Palmas zurückgetreten.mBarcelonas Vizepräsident Carles Vilarrubí und der Chef der medizinischen Abteilung, Jordi Monés, hätten daraufhin ihre Ämter zur Verfügung gestellt, berichteten Medien unter Berufung auf Vereinsquellen. Beide waren den Berichten zufolge dafür gewesen, das Spiel trotz des Widerstandes des spanischen Fußballverbandes RFEF einseitig abzusagen und eine Punktestrafe in Kauf zu nehmen.

„Der FC Barcelona verurteilt die Ereignisse, die es heute in weiten Teilen von Katalonien gegeben hat, um die Bürger daran zu hindern, ihr demokratisches Recht der freien Meinungsäußerung auszuüben“, hieß es in einer Erklärung des Vereins.


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 / AFP PHOTO / Josep LAGO
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