Wählen Sie Ihre Nachrichten​

"Extremereignis zeichnete sich Tage vorher ab"
International 3 Min. 26.11.2021
Kachelmann zur Juli-Flut

"Extremereignis zeichnete sich Tage vorher ab"

Das Ahrtal war besonders von den Wassermassen heimgesucht worden. Doch auch in Luxemburg stellte man sich Fragen in puncto Warnsysteme.
Kachelmann zur Juli-Flut

"Extremereignis zeichnete sich Tage vorher ab"

Das Ahrtal war besonders von den Wassermassen heimgesucht worden. Doch auch in Luxemburg stellte man sich Fragen in puncto Warnsysteme.
Foto: dpa
International 3 Min. 26.11.2021
Kachelmann zur Juli-Flut

"Extremereignis zeichnete sich Tage vorher ab"

Wetterexperte Kachelmann und eine Professorin machten im NRW-Landtag deutlich: Es gab frühe Warnsignale.

(dpa) - Schon Tage vor der Flutkatastrophe zeichnete sich nach Einschätzung des Wetterexperten Jörg Kachelmann ein extremes Wetterereignis für den Südwesten von Nordrhein-Westfalen ab. Am Montag, den 12. Juli, sei nach den Wettermodellen eigentlich bekannt gewesen, dass etwas Großes passieren würde, sagte Kachelmann am Freitagabend bei seiner etwa zweistündigen Befragung als Zeuge im Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags zur Flut in Düsseldorf.

Die Wettermodelle hätten bereits an jenem Montag die große Gefahr einer Extremwetterlage mit sehr großen Regenmengen bestätigt, nachdem sie am Sonntag eindeutige Hinweise auf eine Extremwetterlage durch Stark- und Dauerregen in NRW geliefert hätten. Kachelmann schilderte die außergewöhnliche Wetterkonstellation im Juli: dass feuchte Luftmassen von Nordosten statt von Westen gegen die Eifel gedrückt worden seien, dass ein sehr großflächiges Gebiet unter Starkregen gestanden habe, dass der Boden nicht mehr aufnahmefähig gewesen sei.

Evakuierungen waren möglich

Jörg Kachelmann
Jörg Kachelmann
Foto: DPA

„Die Informationen waren alle da“, betonte Kachelmann. Warum seien die Menschen von den Behörden nicht darüber informiert worden, dass etwas komme, was man noch nicht gesehen habe?, fragte er mit Blick auf die Ereignisse am 13. und 14. Juli, als Rekord-Regenmengen zu Hochwasser und Überflutungen führten und 49 Menschen starben. Es hätte Evakuierungen geben können. „Wir haben immer genug Zeit.“ Bei einer Wiederholung der Ereignisse müsse kein Mensch ums Leben kommen.

„Das ist die gute Nachricht, wenn es eine gute Nachricht gibt: Sie können das verhindern“, sagte Kachelmann zu den Landtagsabgeordneten. Bei einer Extremwetterlage dürfe keiner schlafen gehen.

Als Kachelmann am Ende auf die mögliche Kostenerstattung für seinen Aufwand zur Zeugenbefragung hingewiesen wurde, erklärte er, das Geld solle lieber einem Opferfonds gespendet werden.

Der Wetterexperte hatte am 13. Juli mittags per Tweet gewarnt, es werde „womöglich Zeit, Menschen allmählich behördlicherseits und medial auf ein Hochwasser-Szenario vorzubereiten“. In der folgenden Nacht kam es dann zu den ersten Überschwemmungen.

Warnungen kamen frühzeitig


Die Situation in Pepinster (B), vier Monate nach der Hochwasserkatastrophe. / Foto: Tammy SCHMIT
"Die wahre Katastrophe kam nach den Überschwemmungen"
Vier Monate nach der Flutkatastrophe in Belgien ist die Lage für viele Betroffene noch immer kritisch. Der Winter bringt große Probleme.

Einige Tage vor der Flutkatastrophe hatte nach Angaben der britischen Expertin Hannah Cloke das europäische Hochwasser-Warnsystem EFAS einen ersten Hinweis auf ein mögliches Extremereignis im Rheinland gegeben. Am 10. Juli 2021 habe EFAS ein Hochwasser, das einmal in 20 Jahren auftritt, mit einer Wahrscheinlichkeit von 22 Prozent für das Rheinbecken prognostiziert, sagte die Hydrologie-Professorin.

Diese Information sei zwar noch unsicher gewesen, aber man sollte in einem solchen Fall besonders aufmerksam sein, erläuterte sie. Das sei der Zeitpunkt, an dem national zuständige Behörden einige Informationen zusätzlich anschauen, um ein klareres Bild der Lage zu bekommen. Sie habe keine Hinweise, wie die von EFAS zur Verfügung gestellten Informationen von den entsprechenden nationalen und lokalen Stellen letztlich verwendet worden seien. EFAS-Partner erhielten Warnungen. Diese könnten dann selbstständig auf das Webportal des Warnsystems zugreifen und dort weiterarbeiten.

„Wenn so viele Menschen sterben, müssen wir zugeben, dass das System insgesamt versagt hat“, bekräftigte die Expertin ihre bereits geäußerte Kritik. Sie betonte, dass sich diese Kritik nicht auf bestimmte Bereiche des Systems in Nordrhein-Westfalen beziehe. Sie habe keine Untersuchungen angestellt, wie die einzelnen Teile im Zuge der Flutkatastrophe von Juli funktionierten.


Zahlreiche Häuser standen unter Wasser.
Opposition fordert unabhängige Studie zur Katastrophenwarnung
Um künftig Mängel am Informationsfluss bei Katastrophenwarnungen zu vermeiden, sollen die Vorgänge im Vorfeld des 14. Juli analysiert werden.

Der Untersuchungsausschuss im Landtag von Nordrhein-Westfalen war mit den Stimmen der Oppositionsabgeordneten von SPD und Grünen zustande gekommen. Das Gremium soll mögliche Versäumnisse, Unterlassungen oder Fehleinschätzungen der CDU/FDP-Landesregierung und nachgeordneter Behörden in Zusammenhang mit dem verheerenden Hochwasser von Mitte Juli mit 49 Toten in NRW untersuchen. Im Frühjahr 2022 soll dem Landtag ein öffentlicher Bericht über die bis dahin vorliegenden Erkenntnisse vorgelegt werden. Im Mai 2022 sind Landtagswahlen.

In Luxemburg wurde das unzureichende Funktionieren der Warnsysteme zwar im Parlament thematisiert, eine externe Untersuchung, wie sie von der Opposition gefordert wurde, lehnte die Regierung allerdings ab.

Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter und Instagram und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Flutkatastrophe in Deutschland
Die deutschen Flut-Opfer flehen um Hilfe - aber ausgerechnet die Volksvertreter wollen lieber nicht über die Katastrophe reden.
04.08.2021, Rheinland-Pfalz, Mayschoß: Dachdecker arbeiten an einem der Häuser, die von der Flutkatastrophe beschädigt worden sind. Mehr als 100 Dachdecker aus Deutschland haben sich im Ahrtal getroffen, um dort notwendige Reparaturen auszuführen. Sie transportierten eigenes und gespendetes Material in den von der Flut vor drei Wochen verwüsteten Landkreis Ahrweiler. Die Handwerker wollten dort unter anderem beschädigte Dächer abdichten und die Entwässerungsanlagen der Häuser reparieren. Foto: Harald Tittel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++