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England ist die Feierlaune vergangen - die Covid-Zahlen steigen
International 3 Min. 21.10.2021
100 Tage nach „Freedom Day“

England ist die Feierlaune vergangen - die Covid-Zahlen steigen

Sajid Javid, Gesundheitsminister von Großbritannien, spricht über die Corona-Lage im Land in der Downing Street.
100 Tage nach „Freedom Day“

England ist die Feierlaune vergangen - die Covid-Zahlen steigen

Sajid Javid, Gesundheitsminister von Großbritannien, spricht über die Corona-Lage im Land in der Downing Street.
Foto: dpa
International 3 Min. 21.10.2021
100 Tage nach „Freedom Day“

England ist die Feierlaune vergangen - die Covid-Zahlen steigen

100 Tage nach dem „Freedom Day“ hat Großbritannien eine der höchsten Infektionsraten weltweit. Auch die Zahl der Krankenhaus- und Todesfälle steigt wieder.

(dpa) - „Vorsichtig, aber unumkehrbar“ - so hatte der britische Premierminister Boris Johnson die schrittweise Aufhebung der Corona-Maßnahmen in England angekündigt. Am 19. Juli war es so weit. Im größten britischen Landesteil fielen die letzten Pandemie-Regeln wie Abstand halten und Maskentragen. Junge Nachtschwärmer feierten den „Freedom Day“ ausgelassen in den Diskotheken des Landes. Doch knapp 100 Tage später ist vielen nicht mehr zum Feiern zumute.

Wir sind am Limit, und es ist Mitte Oktober.

Matthew Taylor, Geschäftsführer des Nationalen Gesundheitsdiensts

Großbritannien hat inzwischen eine der höchsten Infektionsraten weltweit. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag bereits Mitte Oktober bei etwa 450, Tendenz steigend. Die als Impfwunder gefeierte Kampagne - die zu Beginn viel schneller anlief als in vielen EU-Ländern - gerät bei den Auffrischungsimpfungen für Ältere und den Jugendlichen ins Stocken.

Trotz steigender Infektionszahlen plant die Regierung in London vorerst weiterhin keine Rückkehr der Corona-Maßnahmen.
Trotz steigender Infektionszahlen plant die Regierung in London vorerst weiterhin keine Rückkehr der Corona-Maßnahmen.
Foto: dpa

Zuletzt kletterte die Zahl der registrierten Neuinfektionen auf beinahe 50.000. Die Zahl der täglichen Krankenhauseinweisungen liegt bei fast 1.000. Am Dienstag erreichte die Zahl der gemeldeten Corona-Toten mit 223 einen Stand wie zuletzt im März. Eine neue, womöglich geringfügig ansteckendere Variante des Virus in Großbritannien, gilt hingegen bislang als wenig besorgniserregend.


Commuters, some wearing face coverings due to Covid-19, walk outside Victoria Station in central London on June 7, 2021. - The Delta variant of the coronavirus, first discovered in India, is estimated to be 40 percent more transmissible than the Alpha variant that caused the last wave of infections in the UK, Britain's health minister said Sunday. (Photo by Tolga Akmen / AFP)
England zeigt, warum die Impfung allein nicht reicht
Im Gegensatz zu vielen europäischen Ländern bleiben die Fallzahlen in Großbritannien hoch. Das liegt an einer strategischen Entscheidung.

Beim Parteitag seiner Konservativen in Manchester Anfang Oktober ließ sich Johnson noch dafür feiern, dass man „seit Monaten eine der offensten Wirtschaften und Gesellschaften“ habe.

Doch Experten und Mediziner warnen inzwischen davor, dass der Abbau des während der Pandemie entstandenen Rückstaus an Krankenhausbehandlungen in Gefahr gebracht werden könnte. „Wir sind am Limit, und es ist Mitte Oktober. Es würde unglaublich viel Glück brauchen, damit wir uns in drei Monaten nicht in einer schweren Krise wiederfinden“, sagte der Geschäftsführer des Verbands der Trägerorganisationen des Nationalen Gesundheitsdiensts NHS, Matthew Taylor, dem „Guardian“. Der Ärzteverband BMA (British Medical Association) bezichtigte die Regierung, sogar „bewusst fahrlässig“ zu handeln.

Wiedereinführung der Maskenpflicht gefordert

Taylor fordert wie viele andere, dass die Regierung ihren vor einigen Wochen angekündigten Plan B nun ins Spiel bringt - das würde zum Beispiel eine Wiedereinführung der Maskenpflicht in überfüllten Räumen und die Pflicht zum Vorzeigen von Impfpässen bei Großveranstaltungen bedeuten.


dpatopbilder - 15.10.2021, Großbritannien, Leigh-On-Sea: Polizeibeamte stehen am Tatort in der Nähe der Belfairs Methodist Church, wo der konservative Abgeordnete David Amess zum Opfer eines Messerangriffs wurde. Nach Berichten über einen Messerangriff auf einen Abgeordneten in Großbritannien hat die Polizei bestätigt, dass es einen Toten gab. Unklar war zunächst, ob es sich dabei um den Abgeordneten handelte. Foto: Yui Mok/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Tödlicher Messerangriff auf Abgeordneten war Terrorakt
Für die Behörden stand nach stundenlangen Ermittlungen fest: Die Messerattacke eines 25-Jährigen war ein Terrorakt.

Auch BMA-Chef Chaand Nagpaul forderte, die sofortige Wiedereinführung von Corona-Maßnahmen. Die Regierung habe versprochen, Plan B zu ergreifen, wenn der Nationale Gesundheitsdienst NHS in Gefahr sei, überwältigt zu werden. „Als Ärzte, die in erster Reihe stehen, können wir absolut sagen, dass dieser Punkt jetzt erreicht ist“, so Nagpaul eine Mitteilung zufolge.

Doch die Regierung will ihr Versprechen von der großen Freiheit noch nicht zurücknehmen, noch sei es nicht an der Zeit für Plan B, sagte Gesundheitsminister Sajid Javid bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. Gleichzeitig warnte er jedoch, die Zahl der täglichen Neuinfektionen könne schon bald auf bis zu 100.000 steigen. Stattdessen sollten die Menschen verstärkt dazu aufgerufen werden, sich impfen zu lassen.

Wirkung des Impfstoffs lässt nach

Warum Großbritannien erneut zum Sorgenkind in der Pandemie zu werden droht, dürfte verschiedene Gründe haben. Womöglich wird den Briten ihr Impfwunder nun teilweise zum Verhängnis, weil die Wirkung bei vielen bereits nachlässt, wie ein Datenjournalist der „Financial Times“ (FT) mutmaßt. 


ARCHIV - 04.03.2020, Baden-Württemberg, Stuttgart: Ein Mann zeigt ein Stäbchen für einen Abstrich. Die bundesweite Corona-Inzidenz ist nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) erstmals seit rund fünf Wochen wieder über die Marke von 80 gestiegen. (zu dpa «Corona-Inzidenz bundesweit wieder über 80 - und über 160 in Thüringen») Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Infektionszahlen steigen um 16 Prozent
Binnen einer Woche notierte das Gesundheitsministerium 786 neue Corona-Infektionsfälle.

Ein Effekt, der sich auch in Israel gezeigt hatte. Ein Vergleich der Statistiken verschiedener Länder zeige auch, dass die völlig uneingeschränkten Menschenansammlungen in Innenräumen einen großen Anteil haben dürften, so FT-Journalist John Burn-Murdoch auf Twitter.

Zu ähnlichen Schlüssen kommt auch der Epidemiologe Neil Ferguson vom Imperial College in London. Er blickt vor allem mit Sorge auf die besonders hohen Infektionsraten unter Jugendlichen. 12- bis 15-Jährige in England werden bislang nur einmal geimpft und die Impfrate ist niedrig. Er fordert daher eine Zweitimpfung für Jugendliche und eine Beschleunigung der Impfkampagne insgesamt.


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