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Eltern in England kämpfen um Archies Leben
International 3 Min. 03.08.2022
„Das ist das Ende“

Eltern in England kämpfen um Archies Leben

Trotz Niederlagen in allen Instanzen der britischen Justiz wollen die Eltern von Archie die Einstellung der lebenserhaltenden Maßnahmen nicht akzeptieren.
„Das ist das Ende“

Eltern in England kämpfen um Archies Leben

Trotz Niederlagen in allen Instanzen der britischen Justiz wollen die Eltern von Archie die Einstellung der lebenserhaltenden Maßnahmen nicht akzeptieren.
Foto: Jonathan Brady/PA Wire/dpa
International 3 Min. 03.08.2022
„Das ist das Ende“

Eltern in England kämpfen um Archies Leben

Die Familie des unheilbar kranken Archie hat sich in Großbritannien bereits durch alle Instanzen gekämpft, um sein Sterben zu verhindern – bisher ohne Erfolg.

(dpa) – Eigentlich hätte Archie bereits am Montag sterben sollen. Um 14.00 Uhr Londoner Zeit sollten die Geräte, die den unheilbar kranken Zwölfjährigen in England am Leben halten, abgeschaltet werden. Dann am Dienstag, 12.00 Uhr. Später dann Mittwoch, 11.00 Uhr. Immer wieder wurde der Zeitpunkt seines Todes nach hinten geschoben – nun dürfte es doch bald so weit sein. Denn am Mittwochabend lehnte es der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) ab, sich in den Fall einzumischen. In der Heimat waren die juristischen Möglichkeiten bereits ausgeschöpft.


In den Jahren 2009 bis 2016 hat die nationale Kontroll- und Evaluierungskommission 52 Fälle von Euthanasie registriert.
Sterbehilfe wird vermehrt angewandt
Obwohl eine Mehrheit der Bewohner sich über die Euthanasie schlecht informiert fühlt, wurde diese noch nie so oft durchgeführt.

Archies Mutter Hollie Dance, die sich bisher kämpferisch gezeigt hatte, wirkte nun gebrochen. „Das ist das Ende“, sagte sie am Abend zu Reportern vor der Klinik, in der Archie liegt. Nun geht es in erster Linie um einen würdigen Tod. „Der Gesundheitsdienst NHS, die Regierung sowie die Gerichte in diesem Land und in Europa mögen die Behandlung aufgegeben haben, aber wir nicht“, sagte Dance.

Die behandelnden Ärzte wollen den Jungen sterben lassen. Sie meinen, dies sei in seinem besten Interesse. Archies Eltern sind es, die ihren Sohn bislang mit einem unermüdlichen Rechtsstreit am Leben gehalten haben. Nachdem sie die juristischen Möglichkeiten in Großbritannien ausgeschöpft hatten, appellierten sie schließlich an den EGMR in Straßburg – vergebens.

Geräte laufen bis zur abschließenden gerichtlichen Entscheidung

Seit April liegt Archie im Koma. Bei einem Unfall hatte er sich zu Hause in Southend-on-Sea schwere Hirnverletzungen zugezogen, womöglich bei einer Internet-Mutprobe. Die Ärzte haben keine Hoffnung mehr, dass sich sein Zustand noch wesentlich bessern wird – im Gegenteil. 


A patient in the palliative care ward at Charite hospital in Berlin, Germany, 07 December 2015. Photo: BRITTA PEDERSEN/dpa
Abschied ohne Schmerzen
In einigen Altenheimen gibt es weiterhin Hürden, um eine effiziente Palliativpflege am Lebensende zu garantieren und es den Bewohnern zu ermöglichen, dort und nicht im Krankenhaus zu sterben. Diese gilt es in Zukunft zu beheben.

Das ist auch der Grund, warum alle britischen Gerichte – bis hin zum obersten Supreme Court – es abgelehnt haben, die lebenserhaltenden Maßnahmen fortzusetzen. Die Richter am Supreme Court erklärten am Dienstag, da es keine Aussicht auf eine wirkliche Genesung gebe, würden die lebenserhaltenden Maßnahmen nur „das Sterben verlängern“.

Nur wenige Stunden vor der zuletzt angesetzten Abschaltung der Geräte am Mittwoch reichten Archies Eltern dann in Straßburg einen Antrag ein. „Irgendwann werde ich eine ernsthafte Therapie brauchen“, sagte Hollie Dance danach vor dem Krankenhaus im Osten Londons zu Reportern. „Aber momentan habe ich keine Zeit, darüber nachzudenken.“

Der Barts NHS Health Trust, der das Krankenhaus betreibt, sagte zu, die Geräte laufen zu lassen, solange eine abschließende gerichtliche Entscheidungen aussteht. Dass es in der Heimat keine Chancen für Archie gibt, hatte die Familie mittlerweile akzeptiert. Doch das Schicksal einfach hinnehmen, will sie auch nicht.

Angebote aus Japan und Italien

Es habe Angebote aus Japan und Italien gegeben, wo man bereit sei, Archie weiterzubehandeln. „Man sollte ihm das erlauben“, sagte Dance, die fest daran glaubt, dass ihr Sohn gesundheitliche Fortschritte mache. Zumindest solle Archie in ruhiger Umgebung in einem Hospiz sterben können – statt in einem lauten, sterilen Krankenhauszimmer. Dieses „Worst-Case-Szenario“ wollten die Eltern nun durchsetzen. Doch entgegen früherer Versprechen habe die Klinik dies abgelehnt, sagte Dance erschüttert. Sie forderte Reformen, damit nicht noch mehr Eltern vor Gericht ziehen müssen, wenn sie ihr Kind nicht aufgeben wollen.

In der Tat erinnert der tragische Fall an ähnliche Auseinandersetzungen um unheilbar kranke Kinder in Großbritannien. Was im besten Sinne des Patienten ist, entscheiden oft Richter auf Empfehlung von Medizinern. Der finanziell stark unter Druck stehende britische Gesundheitsdienst neigt dazu, lebenserhaltende Maßnahmen sehr viel früher zu entziehen, als das etwa in Deutschland der Fall wäre, wo es zuweilen eher Konflikte gibt, wenn Kranke oder Angehörige Geräte aus eigenem Willen abschalten wollen.

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