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Eklat bei Pressetermin: "Johnson geriet in Hinterhalt"
International 7 1 5 Min. 17.09.2019

Eklat bei Pressetermin: "Johnson geriet in Hinterhalt"

Sein rechter Platz blieb frei: Xavier Bettel vor der Journalistenmenge am Vorplatz des Staatsministeriums.

Eklat bei Pressetermin: "Johnson geriet in Hinterhalt"

Sein rechter Platz blieb frei: Xavier Bettel vor der Journalistenmenge am Vorplatz des Staatsministeriums.
Foto: Emmanuel Claude/Service Information et Presse
International 7 1 5 Min. 17.09.2019

Eklat bei Pressetermin: "Johnson geriet in Hinterhalt"

Jörg TSCHÜRTZ
Jörg TSCHÜRTZ
Buhrufe und ein flüchtender britischer Premier: Das Treffen zwischen Boris Johnson und Xavier Bettel am Montag in Luxemburg verlief mehr als turbulent. Die Reaktionen im Überblick.

"Freundlich, ehrlich, konstruktiv" seien die Gespräche verlaufen, verkündete Xavier Bettel in der Nacht auf Dienstag: Wer den Tweet des Regierungschefs zum Besuch von Briten-Premier Boris Johnson in Luxemburg liest, könnte meinen, das Treffen zwischen den beiden Regierungschefs sei in allergrößter Harmonie über die Bühne gegangen. Dabei hätte der Eklat gar nicht größer sein können. 

"Der Premierminister kam nach Luxemburg, um Jean-Claude Juncker (...) einen Gefallen zu tun – und geriet direkt in einen Hinterhalt", schrieb die britische Zeitung "Telegraph". "Luxemburg lachte ihm ins Gesicht."

Was war geschehen? Johnson hatte in letzter Minute eine gemeinsame Pressekonferenz mit Bettel am Vorplatz des Staatsministeriums platzen lassen, weil ihn der Lärm von ein paar Dutzend Anti-Brexit-Protestlern – die Buhrufer standen direkt hinter dem Zaun des Ministeriums – gestört hatte. "Ich glaube, unsere Standpunkte wären da möglicherweise untergegangen“, sagte Johnson nach dem Treffen mit Bettel zu Reportern vor der britischen Botschaft in Luxemburg.

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Johnson war zuvor bei seiner Ankunft zu Gesprächen mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Bettel und anderen EU-Vertretern von Demonstranten ausgebuht worden. “Tell the truth, stop the coup!”, riefen britische Expats ihrem Premierminister zu. Der luxemburgische Regierungschef hatte nach seinem Treffen mit Johnson anschließend allein die Fragen von Journalisten beantwortet und die Regierung in London für das Chaos um den Brexit verantwortlich gemacht.

Kommentar zum Brexit-Treffen in Luxemburg: Außer Spesen nichts gewesen

"Schluss mit dem Gerede"

Angespornt vom Publikum redet sich Bettel geradezu in Rage. Der liberale Politiker nutzt die Gunst der Stunde und hält vor der versammelten internationalen Presse eine Wutrede über den endlosen Brexit-"Albtraum". "Konkrete Vorschläge"aus London sollen auf den Tisch, donnert der Premier ins Mikrofon. Endlich solle Schluss sein mit dem "Gerede". "Der Brexit ist nicht meine Entscheidung, ich bedauere ihn zutiefst." Die Briten könnten jetzt aber nicht die EU dafür verantwortlich machen, "dass sie aus dieser Situation nicht herauskommen". Später sprach Bettel von "Chaos". Man dürfe ein Land aus parteipolitischen Gründen nicht in Geiselhaft nehmen.

 

Von einer Verschiebung des Austrittstermins hält der DP-Politiker wenig: Diese sei „nur möglich, wenn sie einem Zweck dient“. Während der luxemburgische Premier spricht, erschallen immer wieder Anfeuerungsrufe ("Xavier, Xavier, Xavier") und Applaus brandet auf. 


Ticker-Nachlese: Bettel am Ende allein vor der Presse
Sechs Wochen vor dem Brexit-Termin will der britische Premier wie Monster "Hulk" für einen neuen Deal mit der EU kämpfen. Am Montag ar Johnson mit Jean-Claude Juncker und Xavier Bettel in Luxemburg verabredet. Das "Wort" berichtete live.

„Unsere Bürger brauchen nicht noch eine längere Übergangsfrist“, sagt Bettel. Er mahnte seinen Amtskollegen, der zuvor die Fliege gemacht hatte, endlich Vorschläge vorzulegen. „Die Uhr tickt. Nutzen Sie Ihre Zeit weise“, so Bettel – und zeigte auf das leere Rednerpult neben ihm.

In Großbritannien wurde Bettels Rede als veritabler Affront interpretiert. "Der luxemburgische Premierminister, dessen Land weniger Einwohner als Birmingham hat, ermahnt einen britischen Premierminister und verhält sich respektlos ihm gegenüber, weil dieser versucht, den Willen des britischen Volkes zu erfüllen", wird der konservative Politiker Daniel Kawczynski von der "Daily Mail" zitiert. 

Der frühere Brexit-Minister David Jones sagte derselben Zeitung, dass der luxemburgische Premier einen "großen Fehler" gemacht habe. "Ich habe keinen Zweifel daran, dass sehr viele Luxemburger über das ungewöhnliche Verhalten ihres Premierministers bestürzt sind."

"Der Hulk wird zum Unsichtbaren"

"Am Ende ist der Mann, der sich selbst als 'Unglaublicher Hulk' definiert hat, zum Unsichtbaren geworden", schrieb die italienische Zeitung "La Stampa". "Symbol der Mission von Boris Johnson in Luxemburg ist die Abschlusspressekonferenz. Luxemburgs Premier Xavier Bettel lächelt in die Kameras und zeigt resigniert auf das leere Podium. Hier hätte der britische Premier stehen sollen, der aber vor Protestierenden vorzeitig geflohen ist. Es ist eine Demütigung an jenem Tag, an dem das x-te Mal schwarzer Rauch bei den Brexit-Verhandlungen mit der EU aufgestiegen ist.“


Visite de Boris Johnson au Luxembourg  - Xavier Bettel - Foto: Pierre Matgé/Luxemburger Wort
Frage des Tages
Boris Johnson sagte am Montag den gemeinsamen Presseauftritt mit Xavier Bettel wegen Protestlärm ab. Der luxemburgische Premier stellte sich den Fragen der Journalisten alleine. Was halten Sie davon?

Von offizieller luxemburgischer Seite hieß es, die Pressekonferenz habe kurzfristig nicht von draußen nach drinnen verlegt werden können. Man habe verhindern wollen, dass nur eine kleine Anzahl von Journalisten an dem Pressegespräch teilnehmen kann. Boris Johnson flüchtete anschließend vor dem Trubel in die Residenz des britischen Botschafters in Luxemburg-Stadt und sprach dort mit ausgewählten Medienvertretern.

In Interviews gab sich Johnson weiter zuversichtlich, der EU bis zum Gipfel am 17. Oktober einen neuen Deal abringen zu können. Der 55-jährige Chef der Konservativen bezeichnete die Kritik an der von ihm verordneten Zwangspause des britischen Parlaments noch am Montag in einem BBC-Interview als „Mumbo Jumbo“, also als Schwindel. Er fügte hinzu, das Parlament habe lediglich eine Handvoll Tage verloren durch die Zwangspause und werde in der Lage sein, den Brexit-Deal unter die Lupe zu nehmen, den er hoffentlich noch abschließen könne. 

Falls es nicht zu einer Einigung mit Brüssel komme, werde das Land am 31. Oktober aber trotzdem austreten, versicherte er nach einem Treffen mit EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker in Luxemburg. Das Arbeitsessen im Restaurant "Bouquet Garni" war ohne konkrete Ergebnisse zu Ende gegangen.

Die Reaktionen auf den Brexit-Eklat:






Viel war im Vorfeld über das Menü für das Arbeitsessen zwischen Boris Johnson und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker im Restaurant "Le Bouquet Garni" in der Luxemburger Altstadt spekuliert worden. Später stellte sich heraus: Die Berichte britischer Medien über die Speisenfolge "Lachs, Schnecken und Käse" stimmten nicht. Stattdessen wurde den beiden Politikern Bio-Ei, Seelachs und ein Dessert mit roten und schwarzen Beeren serviert.


"Gut gegessen, nichts geschafft", schrieb die deutsche "Bild" über den "Brexit-Showdown in Luxemburg.

Mit Material von der dpa. 

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