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Ein neues, buntes Haus
International 4 Min. 07.11.2018 Aus unserem online-Archiv

Ein neues, buntes Haus

Sharice Davids ist eine von zwei indigenen Politikerinnen, die ins Repräsentantenhaus gewählt wurden - eine Premiere.

Ein neues, buntes Haus

Sharice Davids ist eine von zwei indigenen Politikerinnen, die ins Repräsentantenhaus gewählt wurden - eine Premiere.
Foto: AFP
International 4 Min. 07.11.2018 Aus unserem online-Archiv

Ein neues, buntes Haus

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
Die Wahllokale sind geschlossen, die letzten Stimmen werden ausgezählt. Eins steht aber bereits fest: Amerika hat bei den Midterms ein klares Votum für mehr Vielfalt abgegeben.

Eine Zahl aus den Midterms-Wahlen lässt aufhorchen: Noch vor dem amtlichen Endergebnis ist klar, dass im 116. Repräsentantenhaus, also der Kammer des Kongresses, die die Demokraten zurückerobert haben, künftig fast hundert Frauen sitzen werden. Das ist bei 435 Sitzen insgesamt zwar weit entfernt von einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis, dennoch ist es Rekord. Bis zu den Wahlen am Dienstag waren es insgesamt 83 Frauen, davon 21 Republikanerinnen. Ganz überraschend kommt das nicht, immerhin haben 239 Frauen bei den Wahlen zu Senat und Repräsentantenhaus kandidiert - ebenfalls so viele wie noch nie. 

Hinter der Zahl "99 von 435" gibt es weitere Anzeichen, dass sich in Amerika einiges geändert hat und noch ändern wird. Denn die Wahlentscheidung der Amerikaner und Amerikanerinnen ist ein klares Votum für mehr Vielfalt im Parlament. 

Die Demokratin Ilhan Omar spricht vor ihren Unterstützern, nachdem sie als erste somalisch-amerikanische Frau in das US-Repräsentatenhaus gewählt wurde.
Die Demokratin Ilhan Omar spricht vor ihren Unterstützern, nachdem sie als erste somalisch-amerikanische Frau in das US-Repräsentatenhaus gewählt wurde.
Mark Vancleave/Minneapolis Star/dpa

Mit den Demokratinnen Ilhan Olmar und Rashida Tlaib wurden erstmals zwei muslimische Frauen in den Kongress gewählt. Omar, die in Minnesota antrat, stammt aus Somalia, sie kam im Alter von acht Jahren mit ihren Eltern in die USA, als die Familie vor dem Bürgerkrieg floh. Tlaib ist die Tochter palästinensischer Einwanderer, sie stammt aus Detroit. 

"Hier in Minnesota heißen wir Immigranten nicht nur willkommen, sondern schicken sie nach Washington", sagte Omar in ihrer Dankesrede. 

Die 37-Jährige ist indes nicht ganz unumstritten. Das liegt hauptsächlich an einem Tweet, den sie 2012 absetzte. "Israel hat die Welt hypnotoisert, möge Allah die Menschen aufwecken und sie die bösen Taten Israels sehen lassen", schrieb Omar als Reaktion auf einen Luftangriff der israelischen Streitkräfte im Gazastreifen als Reaktion auf wiederholten Raketenbeschuss durch die Hamas. Einer kritischen Antwort auf diese Aussage entgegnete sie 2018 ebenfalls auf Twitter "Es ist weit entfernt von Judenhass, wenn man auf das Apartheidsregime Israel aufmerksam macht". Auch in der Folge wies Omar die Antisemitismus-Vorwürfe weit von sich. 

Wie die Nachrichtenagentur Jewish Telegraphic Agency berichtet, unterstrich Omar im August auf einer Wahlkampfveranstaltung in einer Synagoge in Saint Louis das Existenztrecht Israels und sagte weiter, dass sie die gegen Israel gerichtete Boykottbewegung "Boycott, Divestment and Sanctions" ablehne. 

Zwei indigene Politikerinnen im Unterhaus

Erstmals gehören dem Parlament künftig auch zwei Frauen aus der indigenen Bevölkerung an: Die Demokratin Sharice Davids aus Kansas ist eines der schillerndsten Beispiele für einen neuen Politikstil. Sie ist Juristin, lebt offen lesbisch und ist die Tochter einer Veteranin, die sie alleine großgezogen hat. Auch Deb Haalands Eltern waren beim Militär, auch sie ist alleinerziehend - und trotzdem war sie bis 2017 Anführerin der Demokratischen Partei in New Mexico. 

Deb Haaland stammt aus New Mexico und gehört dem Volk der Laguna Pueblo an.
Deb Haaland stammt aus New Mexico und gehört dem Volk der Laguna Pueblo an.
Foto: AFP

Für Schlagzeilen im Wahlkampf sorgte vor allem eine wüste rassistische Beleidigung eines republikanischen Politikers gegenüber Sharice Davids: Anfang Oktober hatte Michael Kalny, ein Bezirksvorsitzender der Republikaner in Kansas, eine Nachricht an Anne Pritchett, Vorsitzende eines lokalen Frauenverbandes innerhalb der Demokratischen Partei, geschickt. Es war um Davids' Kandidatur gegen den republikanischen Amtsinhaber Kevin Yoder gegangen. "Die hinterhältige Attacke von Ihnen und Ihren Genossen auf Yoder wird ihnen noch ganz schön um ihre linken Ohren fliegen. Die ECHTEN REPUBLIKANER werden sich im November erinnern, was der DEMONRATISCHE (sic!) Abschaum mit Kavanaugh versucht hat. Ihre radikalsozialistische Kickboxer-Lesbe wird mit gepackten Koffern ins Reservat zurückgeschickt!!!!!" 


VII: Schicksalstage
Die Amerikaner haben gewählt und LW-Journalist Eric Hamus war mittendrin statt nur dabei. Nur wenige Wochen nach den Luxemburger Wahlen kommt er nicht umhin, Parallelen zu ziehen.

Eine volle Breitseite gegen Sharice Davids, die dem indigenen Volk der Winnebago (Eigenbezeichnung: Ho Chunk) angehört und früher erfolgreich die Kampfsportart Mixed Martial Arts betrieben hat. Selbst in einem extrem aufgeheizten Wahlkampf war das nicht nur ein bisschen zuviel, vor allem wegen der Erwähnung des Wortes "Reservat". Die Folgen: Kalny musste zurücktreten, Davids holte den Sitz gegen Yoder. 

Ein schwuler Gouverneur

Weitere Premieren sind aus Massachusetts und Connecticut zu verzeichnen: Diese beiden Staaten schicken erstmals schwarze Frauen ins Repräsentantenhaus: Ayanna Pressley und Jahana Hayes. Mit Alexandria Ocasio-Cortez aus dem New Yorker Stadtteil Bronx sitzt künftig die jüngste Frau im amerikanischen Unterhaus. Ocasio-Cortez, die im Juni bei den Vorwahlen der Demokraten ihre Kandidatur spektakulär dem Favoriten Joe Crowley abluchsen konnte, ist 29. Mit Abby Finkenauer aus Iowa wird eine weitere 29-jährige Demokratin im Haus sitzen. 


Alexandria Ocasio-Cortez feiert mit Schauspielerin Cynthia Nixon (Mitte), die im November in New York bei den Gouverneurswahlen kandidieren will.
USA: 28-Jährige gewinnt in Vorwahlen gegen ranghohen Demokraten
Die Sozialistin Alexandria Ocasio-Cortez hat in den Vorwahlen zum US-Kongress in New York den haushohen Favoriten Joe Crowley von den Demokraten ausgestochen - mit einem Zehntel von dessen Budget.

Auch bei den Wahlen zum Senat und den Gouverneurswahlen setzt sich der Trend nach mehr Vielfalt fort: Arizona und Tennessee werden zum ersten Mal überhaupt Frauen in den Senat entsenden. In Arizona standen dabei nur zwei Frauen zur Wahl, ob die Demokratin Kyrsten Sinema oder die Republikanerin Martha McSally das Rennen machen wird, ist aber noch offen. In Tennessee gewann die konservative Republikanerin Marsha Blackburn gegen den Demokraten Phil Bredesen. 

Der Demokrat Jared Polis wird in Colorado der erste offen schwule Gouverneur der USA.
Der Demokrat Jared Polis wird in Colorado der erste offen schwule Gouverneur der USA.
Foto: AFP

Im Bundesstaat Colorado wird mit Jared Polis zum ersten Mal ein offen schwuler Kandidat das Amt des Gouverneurs bekleiden. Er entthronte den Republikaner Walker Stapleton. Die Demokratin Stacey Abrams hat das Erreichen dieses Ziels dagegen noch vor sich: Die Gouverneurswahlen im Bundesstaat Georgia sind noch nicht komplett ausgezählt. Abrams könnte die erste schwarze Gouverneurin der USA werden, liegt aber am Mittwochmittag (MEZ) knapp hinter dem republikanischen Amtsinhaber Brian Kemp. South Dakota schließlich wählt zum ersten Mal eine Frau auf den Gouverneursessel: Die Republikanerin Kristi Noem folgt auf den Demokraten Billie Sutton. 


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LW-Journalist Eric Hamus verfolgt die Midterms in den USA. Sein Fazit nach Bekanntgabe der meisten Resultate ist keine Überraschung. Auf beiden Seiten gibt es Verlierer und Gewinner.
Donald Trump hat die Kongresswahlen überstanden - mit nur moderaten Verlusten. Den Senat konnten seine Republikaner halten. Das Repräsentantenhaus geht an die Demokraten - doch die Trendwende bleibt aus.
WASHINGTON, DC - NOVEMBER 06: People react to 2018 midterm election results during a DCCC election watch party at the Hyatt Regency on November 6, 2018 in Washington, DC. Today millions of Americans headed to the polls to vote in the midterm elections that will decide what party will control the House of Representatives and the U.S. Senate.   Zach Gibson/Getty Images/AFP
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Die Demokraten holen eine Mehrheit im Repräsentantenhaus, die Republikaner bauen ihren Vorsprung im Senat aus. Für Donald Trump liefern die "Midterms" ein gemischtes Ergebnis.
NEW YORK, NY - NOVEMBER 06: Mazeda Uddin and Marta Cualotuna celebratre the victory of Alexandria Ocasio-Cortez at La Boom night club in Queens on November 6, 2018 in New York City. With her win against Republican Anthony Pappas, Ocasio-Cortez became the youngest woman elected to Congress.   Rick Loomis/Getty Images/AFP
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US-Parteien im Endspurt
Die goldene Zahl lautet Sechs: So viele Sitze brauchen die Republikaner, um den US-Senat an sich zu reißen. Die Demokraten haben wohl kaum Chancen, die Schlappe in letzter Minute noch abzuwenden.
Die republikanischen Kandidaten, wie hier David Perdue, fühlen sich im Aufwind.